BMX Freestyle
Nikita Ducarroz gewinnt Olympia-Bronze und sagt: «Vor dem Final hatte ich wieder eine Panikattacke»

Nikita Ducarroz sorgt im BMX-Freestyle-Wettbewerb für die nächste Schweizer Medaille bei den Olympischen Spielen in Tokio. Vor dem Finaldurchgang hatte die 24-Jährige eine Panikattacke.

Simon Häring, Tokio
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Ducarroz mit ihrer Bronzemedaille.

Ducarroz mit ihrer Bronzemedaille.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Die Medaillenfestspiele der Schweizer Delegation bei den Olympischen Spielen in Tokio gehen weiter. Die 24-Jährige Nikita Ducarroz gewinnt in der neuen Disziplin BMX-Freestyle Bronze. Gold geht an die Britin Charlotte Worthington, Silber an die US-Amerikanerin Hannah Roberts.

Nachdem Ducarroz im zweiten Lauf gestürzt war, musste sie den Lauf der Amerikanerin Perris Benegas abwarten und zuschauen, ob diese noch an ihr vorbeiziehen und sie vom dritten Rang verdrängen würde. Es dauerte Minuten, bis die fünf Kampfrichter ihr Urteil gefällt hatten. Dann kommt die Erlösung: Ducarroz bleibt dank ihres ersten Laufs um 0,7 Punkte vor der Amerikanerin: 89,20 gegenüber 88,50. Bronze für Nikita Ducarroz!

Nikita Ducarroz sagt:

«Ich hatte Angst, dass es nicht reichen würde. Aber heute war mein Tag. Ich glaube, die Menschen sehen BMX nicht als Sport. Heute haben wir gezeigt, dass es anders ist, das macht mich stolz.»
Nach Silber bei den Weltmeisterschaften holt Nikita Ducarroz Bronze bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Nach Silber bei den Weltmeisterschaften holt Nikita Ducarroz Bronze bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Als Kind litt Ducarroz an Panikattacken

Als Kind litt Nikita Ducarroz an Panikattacken, mit 14 Jahren verliess sie kaum noch ihr Elternhaus, selbst alltägliche Dinge machten ihr Angst; der Einkauf im Supermarkt, der Gang zur Schule, das Fussballspielen hatte sie aufgegeben und verbringt die meiste Zeit im Schutz ihres Zuhauses, bis sie auf Youtube BMX-Freestyle entdeckt. Irgendwann nahm sie allen ihren Mut zusammen und fuhr zum Skatepark. «Es machte unglaublich Spass. Der Wille, BMX zu fahren, war gross genug, um die Angst zu besiegen.»

Besiegt ist die Angststörung nicht, aber Nikita Ducarroz hat gelernt, sie als ständige Begleiterin zu akzeptieren. Auch vor dem Finaldurchgang bei den Olympischen Spielen sucht sie eine Panikattacke heim, sie sagt:

«Ich musste lernen, damit umzugehen. Die Angststörung ist definitiv nicht weg, auch heute hatte ich eine Panikattacke. Am schlimmsten ist es vor dem Wettkampf, wenn ich auf dem Bike sitze, fühle ich mich meistens sehr viel besser.»

Das Bikefahren gab Ducarroz ihr Leben zurück. In der BMX-Szene fand sie Freunde und lernte den Umgang mit ihren Ängsten. Jahre später wird sie in einem Werbespot sagen: «BMX hat mir das Leben gerettet. Hätte ich das BMX-Fahren nicht entdeckt, hätte es schwierig werden können. Den Umgang mit meiner Angst habe ich durch das BMX gelernt.» Nun ist Nikita Ducarroz Medaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Bis am Schluss muss Ducarroz in Tokio abwarten, ob ihr besserer Lauf für einen Medaillengewinn ausreicht.

Bis am Schluss muss Ducarroz in Tokio abwarten, ob ihr besserer Lauf für einen Medaillengewinn ausreicht.

Laurent Gillieron / EPA

Geburt in Nizza, Kindheit in Kalifornien und Genf

Die BMX-Fahrerinnen absolvieren je zwei Läufe über 60 Sekunden, in denen es gilt, möglichst fehlerfrei so viele verschiedene Tricks wie möglich zu zeigen. Bewertet werden Schwierigkeitsgrad, Kreativität, Ausführung und Höhe. Im Gegensatz zur Qualifikation kam im Final nur der bessere Run in die Wertung. Bereits dort hatte Ducarroz mit einem dritten Rang und zwei Läufen mit über 83 Punkten ihre Ambitionen untermauert.

Erst im Juni hatte Ducarroz bei den Weltmeisterschaften in Montpellier Silber gewonnen, vor zwei Jahren hatte sie im Gesamtweltcup den vierten Rang belegt und war an den Weltmeisterschaften Fünfte geworden.

Nikita Ducarroz gewinnt Bronze im BMX-Freestyle

Nikita Ducarroz gewinnt Bronze im BMX-Freestyle

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Ducarroz kam in Nizza zur Welt, wuchs in Kalifornien als Tochter einer US-amerikanischen Mutter und eines Genfer Vaters auf und verbrachte den Grossteil ihrer Ferien in der Schweiz. Mit der Familie lebt sie heute in Kalifornien, in den letzten anderthalb Jahren trainiere sie aber in Holly Springs im Bundesstaat North Carolina in einem Trainingskomplex der BMX-Koryphäe Daniel Dhers. Ducarroz sagt: «Ich fühle mich nicht ganz als Amerikanerin, aber auch nicht ganz als Schweizerin.»

Für die Schweizer Delegation ist es bereits die zwölfte Medaille bei den Olympischen Spielen in Tokio. Am Sonntag entscheidet sich, ob Belinda Bencic und Viktorija Golubic im Doppel Gold oder Silber gewinnen. Die weiteren Schweizer Medaillengewinner in Tokio sind: Schützin Nina Christen mit Gold und Bronze, Jolanda Neff, Sina Frei und Linda Indergand mit Gold, Silber und Bronze und Mathias Flückiger mit Silber im Mountainbike, Marlen Reusser im Zeitfahren mit Silber, und die beiden Schwimmer Jérémy Desplanches und Noè Ponti mit Bronze.

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