Fussball
Nach Rücktritt: Eggimann will mehr Menschenberater als Spieleragent sein

Nach 17 Jahren als Fussballprofi versucht Mario Eggimann, Sportlern und Funktionären zu helfen, die in ihrer Karriere nicht mehr weiterkommen. Sein in den Profijahren aufgebautes Netzwerk hilft ihm nun bei der Etablierung der neuen Beratungsfirma.

Markus Brütsch
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Mario Eggimann im Dress von Hannover
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Eggimann schlug sich immer wieder mit Verletzungen rum
Mario Eggimann zurück zum FC Aarau?
Mario Eggimann wurde auch immer wieder für die Nationalmannschaft aufgeboten
Bei der EM 2008 in der Schweiz gehörte Mario Eggimann (vorne links mit blauen Schuhen) zum Schweizer Kader.
Mario Eggimann spielte vier Jahre lang für die erste Mannschaft des FC Aarau.
Zuvor durchlief er sämtliche Juniorenstufen im Aargau.
Mario Eggimann avancierte während seiner Zeit in Aarau zum Publikumsliebling.
Mario Eggimann gegen Wolfsburg im Pech

Mario Eggimann im Dress von Hannover

Keystone

Mario Eggimann ist mit seiner Karriere im Reinen. Schon als 17-Jähriger hatte er für Aarau in der Super League debütiert, und er war Captain des KSC, als dieser in die Bundesliga aufstieg. Er bestritt dort für Karlsruhe und Hannover 126 Partien und brachte es für die Schweizer Nationalmannschaft auf zehn Länderspiele und die WM-Teilnahme in Südafrika. Gut, er hätte gerne noch ein Jahr weitergespielt, doch eine hartnäckige Sprunggelenkverletzung hat ihn jetzt zum Rücktritt gezwungen. Dennoch sagt er: «Ich höre mit einem guten Gefühl auf.» Union Berlin ist seine letzte Station gewesen. Mit den «Eisernen» hat er am 19. Dezember 2014 in Düsseldorf sein letztes Profispiel absolviert.

34 Jahre alt ist der Ex-Profi nun. Er hat viele Jahre lang gut verdient und mit dem Geld nicht um sich geschmissen. Er mag zwar nicht bestätigen, dass er ausgesorgt hat, sagt aber: «Ich stehe nicht unter Druck, sofort etwas tun zu müssen, um meine Familie zu versorgen.» Wie ein Grossteil aller Profis versucht auch er, nach dem Karrierenende im Fussball zu bleiben. «Für jene, die vor dem Fussball noch einen anderen Beruf erlernt haben, ist es meist unmöglich, dort anzuknüpfen», sagt Eggimann. «Die Welt hat sich weiterentwickelt, es wartet keiner, bis du wiederkommst.» Er selber hatte einst in Absprache mit seinen Eltern die KV-Lehre abgebrochen, weil er sie mit dem Fussball nicht mehr unter einen Hut gebracht hatte. «Ich musste diesen riskanten Entscheid nie bereuen», sagt Eggimann.

Eggimann will Sportlern helfen

Aber er hat in all den Jahren so viel gesehen und erlebt, dass er sich frühzeitig Gedanken zu machen begann, wie er sein Leben nach dem Ende der Karriere gestalten könnte. Er hat erkannt: Ich will Sportlern helfen, die immer wieder am selben Punkt ankommen, es aber nicht weiterschaffen. Sie sollen Antworten finden auf die Fragen: Was tut mir gut? Wann sage ich auch mal Nein? Warum habe ich Angst vor dem Versagen? «Man kann entspannt sein, und doch Leistung bringen», sagt Eggimann. Dass ein Drittel aller Profis gemäss einer aktuellen Studie von Depressionen oder Angstzuständen geplagt wird, wundert ihn nicht. «Viele verstecken dies hinter einer Maske», sagt Eggimann. Er war Teamkollege von Robert Enke und noch einen Tag vor dessen Selbstmord mit diesem in der Kabine gewesen. Auch mit Goalie Markus Miller, der sich geoutet hat, depressiv zu sein, hat er zusammengespielt.

Eggimann hat viele umworbene Riesentalente kommen sehen. Schnell, technisch brillant und in der Vorbereitungsphase stark. Als es dann aber darauf ankam, haben sie die Erwartungen nicht erfüllt. «Ich fragte mich: Was ist los, wie könnte ihnen geholfen werden?» Er erzählt von einem Teamkollegen, der auf dem Abstellgleis war und keine Perspektiven mehr hatte, ein Jahr später jedoch im Mannschaftsrat war, aufgeblüht als Mensch und Fussballer. Weil er den Rat eines routinierten Mitspielers angenommen hatte und mit weniger Verbissenheit dem Beruf nachging.

Auch schon einen Mentalcoach konsultiert

Wie wichtig Hilfe von aussen ist, erfährt am besten, wer selber Krisen durchgemacht hat. Als der freundliche Jungprofi Eggimann 2002 zum KSC kam, drohte er an der Ellbogenmentalität der deutschen Kollegen zu verzweifeln. Er war sich nicht zu schade, sich von einem Mentaltrainer coachen zu lassen, und fand in die Spur. Und just als er auf seinem Höhepunkt war, den KSC in Rostock in die Bundesliga geköpfelt und bei Hannover 96 als Hoffnungsträger einen attraktiven Fünfjahresvertrag unterschrieben hatte, setzte ihn eine langwierige Hüftverletzung ausser Gefecht. Er konnte anderthalb Jahre nicht spielen und hatte auch privat ein paar Probleme. «Irgendetwas stimmte nicht», sagt Eggimann. Er ist sich sicher, dass seine Verletzung mit seiner Psyche zu tun hatte.» Er holte sich feinfühlige Hilfe, kam wieder auf die Beine und spielte sogar im Europacup. «Die Art, wie mir geholfen wurde, ist der Auslöser für das, was ich jetzt machen möchte», sagt Eggimann.

Wenn der Porsche nicht glücklich macht

Er absolvierte eine Weiterbildung für Betriebswissenschaft und Marketing, lernte die Organisationswissenschafterin und Produktentwicklerin Sandra Fischer kennen, die ihn gezielt schulte. «Es brauchte Disziplin», sagt Eggimann. Aber es scheint sich auszuzahlen: Mit Fischer zusammen hat er auf den 1. Oktober die Beratungsfirma SportsTransfer gegründet. Zwar gibt es im Fussball Berater fast wie Sand am Meer, die das schnelle Geld machen wollen. Doch Eggimann und Fischer wollen mehr. Nicht mehr Geld, aber eine umfassendere Betreuung anbieten. Weniger Spielerberater, mehr Menschenberater sein. Mit den Leuten sprechen, deren Problemen auf den Grund gehen. Sie bieten Spielern aller Sportarten, Trainern, Sportdirektoren, Scouts und Vereinen ihr Know-how und ihre Erfahrung an. Letztere stossen an ihre Grenzen bei der individuellen Betreuung ihres Personals.

SportsTransfer kann sie unterstützen. «In den USA haben die Sportler erkannt, dass es sich lohnt, in sich selber zu investieren», sagt Eggimann. «Nicht, indem sie eine trübe Stimmung mit einem Porsche kompensieren, sondern sich ein optimales Umfeld schaffen.»
Jetzt also hat sich Eggimann in Berlin, wo er mit seiner vierköpfigen Familie lebt, ein Büro eingerichtet. Seine Geschäftspartnerin Fischer arbeitet oft von Singen aus, manchmal beraten sie Kunden zusammen. Im Verlaufe seiner 17 Profijahre hat sich Eggimann ein grosses Netzwerk aufgebaut. Obwohl eben erst gegründet, wird die Firmenwebsite «sports-transfer.de» rege angeklickt und das Telefon klingelt verheissungsvoll oft.