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Nach dem Knatsch mit Swiss-Ski folgt der nächste Kampf gegen das Virus: So wollen die Organisatoren das Lauberhorn retten

Beat Feuz beim Sprung über den Hundschopf am Lauberhornrennen 2020.

Beat Feuz beim Sprung über den Hundschopf am Lauberhornrennen 2020.

Lieber ein Slalom als ein Super-G: Diese Auswirkungen hat Corona auf die Planungen von Wengens Weltcuprennen. Es droht im schlimmsten Fall ein Defizit von zwei Millionen Franken.

Corona macht auch vor den Skirennen nicht halt. In der kommenden Weltcupsaison herrscht virenbedingt Ausnahmezustand. Der internationale Verband (FIS) wird den definitiven Kalender erst am 3. Oktober – genau zwei Wochen vor dem Auftakt auf dem Gletscher in Sölden – definitiv verabschieden. Bis dahin wird eine spezielle Kommission mit den beiden Renndirektoren für die Männer- und die Frauenbewerbe, einem Vertreter aus der Covid-Arbeitsgruppe sowie Bernhard Russi als Vorsitzenden Vorschläge erarbeiten, wie man das Ansteckungsrisiko minimieren kann.

Vieles dreht sich auch im Ski um die sogenannten «Bubbles» für Athleten. Möglichst wenig Kontakte zwischen Frauen und Männern, möglichst getrennte Rennen für Techniker und Speedfahrer. Als Konsequenz will man von Parallelslaloms und alpinen Kombinationen absehen und über neue Lösungen für die an vielen Weltcuporten traditionellen Programmen mit Abfahrt und Slalom nachdenken. Wengen und Kitzbühel sind die berühmtesten Beispiele. Am 17. September wird Russis Arbeitsgruppe den nationalen Verbänden ihre Vorschläge zur Vernehmlassung zustellen.

Im schlimmsten Fall ein Defizit von zwei Millionen

Gerade für das Lauberhorn bedeutet diese Situation eine besondere Herausforderung. Eben erst hat man mit Swiss-Ski einen gerichtlichen Streit über die Finanzierung des Rennens dank bundesrätlicher Unterstützung beigelegt. Der rote Teppich, um das strukturelle Defizit in Wengen längerfristig zu eliminieren, war ausgerollt. Der Kanton Bern soll sich in Wengen und Adelboden zusätzlich mit mindestens 500000 Franken beteiligen. Der neue Torbogen über dem Hundschopf als spektakuläre Werbefläche kann technisch realisiert werden, der Verkauf von Swiss-Ski an einen Sponsor ist auf gutem Weg und bringt ebenfalls einen sechsstelligen Betrag ein.

Doch nun droht coronabedingt ein weiteres finanzielles Loch. Ein Rennwochenende ohne Publikum kostet die Veranstalter zusätzlich zwei Millionen Franken, wie OK-Präsident Urs Näpflin ausführt. Und auch mit einer begrenzten Anzahl der üblicherweise 60000 Zuschauer bleiben viele Planungsunsicherheiten. Näpflin hat deshalb das Motto «weniger ist mehr» herausgegeben. Auf die Partymeile im Dorf wird ebenso verzichtet wie auf das grosse VIP-Zelt mit Blick auf den Hundschopf. Die Planungen bis zu einem definitiven Durchführungsentscheid Anfang Januar so weit wie möglich vorantreiben und dabei so wenig Geld wie möglich ausgeben, so lautet die Übungsanleitung.

In dieser Situation ist gut zu wissen, dass die beiden Streithähne vom Frühjahr jetzt wieder uneingeschränkt an einem Strick ziehen. Urs Näpflin sagt, die Zusammenarbeit mit Swiss-Ski sei sehr konstruktiv. «Wir brauchen einander», weiss Wengens OK-Chef. Der Skiverband hat den Lead bei der Ausarbeitung der Schutzkonzepte für die Schweizer Weltcuporte, die als Basis für die kantonalen Bewilligungen dient.

Wengen hat einerseits das Problem, dass die Anfahrt nur per Bergbahn möglich ist. Andererseits kann man von der Eröffnung der sogenannten V-Bahn im Dezember, die Grindelwald mit dem grössten Skigebiet des Berner Oberlands verbindet, profitieren. Fest steht, dass allfällige Zuschauer an der Abfahrtsstrecke ausschliesslich über Grindelwald anreisen werden. Nur das Publikum im Zielraum soll von Wengen herkommen. Dort will Näpflin ein Angebot für langjährige Partner und Sponsoren bieten und einigen hundert Fans auf nummerierten Sitzplätzen das Live-Erlebnis ermöglichen.

Ein Slalom ist gesünder für die Abfahrer

Für das Programm haben Wengen und Swiss-Ski bei der FIS zwei Varianten eingegeben. Ein Wochenende mit verkürzter Abfahrt am Freitag, Originalrennen am Samstag und erstmals seit 1994 wieder einem Super-G am Sonntag. Lieber wäre Näpflin aber, wenn am Sonntag ein Slalom stattfinden könnte. Die Slalomfahrer will man dafür extra in Interlaken oder Grindelwald einquartieren, in Adelboden trainieren lassen und am Sonntagmorgen via V-Bahn an den Berg bringen. Selbst das Einfahren soll auf der Abfahrtsstrecke stattfinden, sodass die Technikerblase konsequent abgeschirmt ist.

Näpflin argumentiert für sein Lieblingsszenario auch mit der Gesundheit. Die Speedfahrer hätten sich ohnehin über das anstrengende Programm mit den beiden schwierigsten Abfahrten in Wengen und Kitzbühel innerhalb einer Woche beschwert. Und nun sollen genau dort nochmals je ein Rennen auf Kosten eines Ruhetages für Beat Feuz und Co. dazukommen. Kein gutes Szenario für Näpflin und wohl auch nicht für Russi. Entscheiden werden die Verbandsvertreter im FIS-Vorstand.

300000 Franken für die Risikoversicherung

Und noch ein Grund spricht aus Sicht von Wengens Organisatoren für einen Slalom: Die Kosten für die Risikoversicherung bei einer Rennabsage. Dafür blättert das Lauberhorn-OK jährlich knapp 300000 Franken hin. Und das Risiko steigt mit einem Super-G ungleich stärker an.

Und was, wenn sich der finanzielle Fehlbetrag des Lauberhornrennens für die Ausgabe 2021 trotz aller Bemühungen nicht korrigieren lässt? Der Zustupf von Swiss-Ski aus den 6,7 Millionen, welche der Verband insgesamt an Coronahilfen vom Bund erhalten hat, sowie der kantonale Sonderbeitrag nicht ausreichen? «Dann müssen wir im schlimmsten Fall Ende Oktober einen unpopulären Entscheid fällen», sagt Urs Näpflin. Er ist guten Mutes, dass dieses Szenario nicht eintreten wird. Auch, weil man in der Ski-Schweiz nun wieder geeint als Team auftritt.

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