Mountainbike
Schurter und Neff sind nicht mehr unangreifbar: Der Angriff aus der zweiten Reihe von Frei und Flückiger

Nino Schurter und Jolanda Neff bekommen Druck im Schweizer Team: Mathias Flückiger und Sina Frei stellen Ansprüche.

Raphael Gutzwiller
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Sind sie plötzlich die besten Schweizer? Sina Frei (links) und Mathias Flückiger.

Sind sie plötzlich die besten Schweizer? Sina Frei (links) und Mathias Flückiger.

Bilder: Imago

Mathias Flückiger hält kurz inne, schaut aus dem Fenster und sagt: «Nach dem Saisonstart sehe ich mich als Nummer 1 der Schweizer Mountainbiker.» Ein paar Minuten später tritt Nino Schurter vor die Medien. Er ist Europameister, achtfacher Weltmeister und siebenfacher Gesamtweltcup-Sieger. Er sagt: «Es ist ja schön für ihn, wenn Mathias dies so sieht. Aber mich kümmert diese Frage nicht.» Eine Aussage darüber, ob er noch immer der Schweizer Leader sei, sie fehlt. Die über Jahre klare Hierarchie im Schweizer Mountainbike-Team, sie kommt vor dem Weltcup-Start an diesem Wochenende im deutschen Albstadt ins Wanken.

Das trifft auch auf die Frauen zu. Jolanda Neff ist dreifache Gesamtweltcup-Siegerin, Weltmeisterin, dreifache Europameisterin. Und auch sie ist nicht mehr die unangefochtene Nummer 1 der Schweiz. Nach ihrer schweren Verletzung Ende 2019 hat sie sich zwar wieder in die erweiterte Weltspitze vorgekämpft, doch Sina Frei fuhr zuletzt konstant besser. Ungleich ihrem männlichen Pendant vermeidet es die Zürcherin, klare Ansprüche zu formulieren. «Ich glaube, es ist einfach super, dass das Niveau in der Schweiz so hoch ist. Im Rennen mag es Konkurrenzkämpfe geben, aber wir sind ein gutes Team und Freundinnen.»

Durch Konstanz träumt Flückiger von Olympiagold

Die so unterschiedliche Ausdrucksweise der beiden Herausforderer hat auch in den verschiedenen Ausgangslagen der beiden zu tun. Sina Frei ist 23 und ein aufstrebendes Talent, Mathias Flückiger 32 und schon lange im Mountainbike-Zirkus. Der Berner hat jahrelang immer wieder sein Potenzial angedeutet, aber erst jetzt scheint er Schurter fordern zu können. Die Konstanz ist da. Und damit auch die Ansprüche.

Flückiger spricht wie Nino Schurter vom Olympiasieg als Ziel. Auf die Frage, ob er Silber unterschreiben würde, sagt er: «Nein. Ich glaube an Gold. Schliesslich habe ich alle schon einmal geschlagen.» Dieses Selbstvertrauen hat er auch im Wissen, auf Augenhöhe von Nino Schurter zu sein. Der langjährige Dominator hat 2020 ungeahnt Schwächen gezeigt. Der bald 35-Jährige enttäuschte in den Weltcup-Rennen und an der WM, immerhin holte er an der Heim-EM im Tessin Gold.

Nino Schurter jubelt über den EM-Titel.

Nino Schurter jubelt über den EM-Titel.

Freshfocus /
Michela Locatelli

Erstmals seit Jahren steigt Schurter nicht mehr als haushoher Favorit in die Saison. Diese Rolle hat der Alleskönner Mathieu van der Poel inne. Der Holländer gehört auf der Strasse, im Radquer und auf dem Mountainbike zu den Weltbesten. Daneben wird der Brite Tom Pidcock oft als Favorit genannt.

Neff noch nicht ganz in Topform, Frei dagegen schon

Jolanda Neff steigt nicht als Favoritin in die Saison.

Jolanda Neff steigt nicht als Favoritin in die Saison.

Claudio Thoma / Freshfocus

Auch Jolanda Neff steigt nicht als Favoritin wie in anderen Jahren in die Saison. 2016 hatte sie den Weltcup dominiert, im Olympiarennen aber enttäuscht. «Deshalb weiss ich, dass dieses Rennen in einem Olympiajahr jenes ist, das interessiert.» Noch ist sie nicht in Topform. Sie sagt: «Es geht mir gut. Ich konnte mich ohne Zeitdruck von den Verletzungen erholen und trainierte viel. Allerdings habe ich noch nicht das Gefühl, das ich gerne hätte.»

Sina Frei fühlt sich gut.

Sina Frei fühlt sich gut.

Claudio Thoma / Freshfocus (Landquart, 3. Mai 2021)

Sina Frei dagegen fühlt sich super, sie spricht davon, dass ihre Leistungsdaten mindestens so gut wie im Vorjahr seien, «wenn nicht besser». Und sie schwärmt von ihrem neuen Mountainbike, seit sie für das «Specialized Factory Racing Team» fährt. «Dieses Velo ist ein Upgrade», sagt sie und strahlt. Angesprochen auf ihre Ziele, sagt sie zwar, dass eine Top-5-Platzierung in Ordnung sei, aber: «Das Ziel ist es, dass ich nicht immer knapp neben das Podest fahre, sondern darauf.»

Mountainbike, eine Teamsportart?

Klar ist: Die vier Topcracks zählen für die Schweiz zu Medaillenkandidaten für die Olympischen Spiele. Ist dies mehr Fluch oder Segen? Die Meinung der Athletinnen und Athleten ist eindeutig: Das kann helfen. «Unsere Rennen sind nicht so taktisch wie jene auf der Strasse. Aber man schaut zum Beispiel, dass man nicht unfair gegen eine Teamkollegin fährt», sagt Frei.

Nino Schurter lächelt vielsagend, als er gefragt wird, ob es auch ein Vorteil sein könnte für die Olympischen Spiele, dass Flückiger nun zu den Besten zählt: «Natürlich gibt es Tricks, die man machen kann, wenn man gemeinsam mit einem Dritten vorne läge.» Würde Schurter für seinen Kollegen gar auf das Gold verzichten? «Das kommt darauf an. Wenn ich merke, dass ich nicht in der Lage bin, nochmals für Gold anzugreifen, dann würde ich den Weg einem Teamkollegen freimachen.» Er weiss, dass dieses Szenario möglich ist. Schurter und Neff sind im Schweizer Team nicht mehr unantastbar.

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