Aargauer Rennfahrer

Ein Leben zu früh abgewinkt: Vor 39 Jahren fuhr «Stumpen-Herbi» sein letztes Rennen – es endete tragisch

Herbert Müller kehrt am 24. Mai 1981 für ein letztes Rennen seiner Karriere auf den Nürburgring zurück. Seine Abschiedsvorstellung endet im tragischen Tod.

Wie viel Schicksal hält ein Menschenleben aus? Als Herbert Müller vor 39 Jahren auf dem Nürburgring in den Porsche 908/4 stieg, tat er dies im Glauben, er starte in das letzte Rennen seiner Karriere. So hatte es Müller, 41-jährig, gelernter Galvaniseur und aufgrund seines Stumpen-Konsums von vielen "Stumpen-Herbi" genannt, tags zuvor den Medien mitgeteilt. Das Ziel erreicht Müller in seinem "letzten Rennen" nicht, bei einem Zusammenstoss mit einem neben der Strecke mit Defekt abgestellten Porsche 930 gehen die Autos in Flammen auf. Müllers Leben erlischt.

Für das 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring hatte sich Müller als Fahrer reaktivieren lassen, nachdem er zwei Jahre zuvor schon einmal den Rücktritt verkündet hatte. Er tut es auf Wunsch des deutschen Zahnarztes Siegfried Brunn. In der neunten Runde übernimmt der Aargauer Rennfahrer das Steuer hinter dem Porsche von Teamkollege Brunn, da ist das Rennen für Bobby Rahal in dessen Porsche 930 längst zu Ende. Nach einem leichten Crash in der ersten Runde hat der Amerikaner seinen Wagen auf der Nordschleife, Streckenabschnitt Klostertal, entgegen der Fahrtrichtung am Streckenrand abgestellt. 120 Liter Benzin gelagert auf einer Wiese, nur wenige Meter von der Ideallinie entfernt, als Vorboten der Katastrophe.

..

Wieso Müller in der 13. Runde von der Strecke abkommt, bleibt bis heute umstritten. Leichter Regen und zu hohe Geschwindigkeit hätten Müllers Porsche in Rahals Porsche getrieben, werden die Veranstalter sagen. Die Rennfahrer widersprechen. Kein Regen und auch keine feuchte Piste, sagt Hans Heyer, Renn-Teilnehmer in einem Lancia Beta Turbo. Die wenigen Bilder von damals sprechen für Heyers Aussage. Kritik an den Veranstaltern hagelte es auch, weil diese sich trotz mehrmaliger Bitte von Rahals Mechanikern geweigert hatten, den Porsche 930 abzuschleppen und das Rennen auch nach Müllers Unfall zunächst weiterlaufen liessen. Erst vier Runden nach dem tödlichen Unfall stoppte die Rennleitung die weiteren Fahrer. "Das Rennen kann nur gewertet werden, wenn ein Drittel der Distanz zurückgelegt ist", schrieb der "Spiegel" dazu.

Auch viele Fahrer lässt die Katastrophe auf der Nordschleife vorerst kalt, sie zwängen ihre Autos am Feuerinferno vorbei, zwischen Leitplanke und Flammen bietet ein Stück Wiese auf der rechten Seite gerade noch genug Platz um vorbeizukommen. Als die Rettungskräfte die Flammen soweit unter Kontrolle gebracht haben, um Müller zu bergen, ist er längst tot. Bereits der heftige Aufprall auf den abgestellten Porsche soll ihm das Leben gekostet haben, heisst es später.

30 Jahre nach seinem Tod erhält Autorennfahrer Herbert Müller in Reinach einen Platz – «Eine grosse Ehre für ihn», sagt sein Sohn Daniel Müller(24. Mai 2011)

30 Jahre nach seinem Tod erhält Autorennfahrer Herbert Müller in Reinach einen Platz – «Eine grosse Ehre für ihn», sagt sein Sohn Daniel Müller(24. Mai 2011)

Lebende Fackel am Nürburgring

Müller starb an jenem Ort, der ihm neun Jahre zuvor ein zweites Leben geschenkt hatte. Am 24. September 1972 hatte er nach einem Fahrfehler eines Konkurrenten seinen brennenden Ferrari als lebende Fackel verlassen und wurde von den Streckenposten nach 23 Sekunden - dem Tod näher als dem Leben - gelöscht und gerettet. Die schweren Verbrennungen, die er sich im Gesicht nach dem Aufprall auf die Leitplanke zuzog, kaschierte er fortan mit rötlichem Vollbart.

Der Gefahr seiner Passion war sich der zweimalige Zweite des 24-Stunden-Rennens von Le Mans immer bewusst gewesen. "Ich habe meiner Frau auch gesagt, dass die Welt nicht untergehen würde und es keinen Graben durch das Dorf oder die Schweiz gäbe, wenn mir etwas zustossen sollte", sagte Müller über seine gefährliche Berufung gegenüber der "Volks-Zeitung". Und: "Wir müssen alle einmal sterben." Ein unnötiges Risiko ging er trotzdem nie ein.

Als ihm der Zigarren-Hersteller Villiger 1971 ein Cockpit in der Formel 1 in Aussicht stellte, lehnte Müller aus Sicherheitsbedenken letztlich ab. Sein 5. Platz 1963 beim nicht zur WM zählenden Grand Prix von Frankreich in Pau bleibt damit das einzige Rennen in der Königsklasse. Müller ging als der beste Schweizer Rennfahrer in die Geschichte ein, der nie Karriere in der Formel 1 gemacht hat. Und als Fahrer, der ums Leben kam, als seine Karriere schon vorbei sein sollte.

Meistgesehen

Artboard 1