Motorsport

Der Blick über die Rennfahrer-Schulter

Der GT3 Jaguar wird als Letztes im Truck verladen und verstaut. Die Ladefläche ist bis auf den letzten Zentimeter gefüllt.

Der GT3 Jaguar wird als Letztes im Truck verladen und verstaut. Die Ladefläche ist bis auf den letzten Zentimeter gefüllt.

Erlebnisse und Eindrücke der Blancpain Endurance Series mit dem Rennteam der Emil Frey.

Die Motorhaube fehlt, die Heckscheibe ebenfalls und die Pneus sind fein säuberlich aufgestapelt. In der Garage des Emil-Frey-Racing-Teams herrscht Hochbetrieb. Es ist Montagmorgen, die Mechaniker arbeiten konzentriert und mit viel Druck an der Fertigstellung des GT3 Jaguar. Pavel Nahodil, der Truckfahrer, lädt Kiste um Kiste in den riesigen Truck, der sich anscheinend doch nicht füllt. Einen Blick auf meinen Sitzplatz kann ich nicht erhaschen – trotz meiner 1,80 Meter kann ich nicht einmal durch die Scheiben blicken. Kein Wunder, denn das Gefährt ist tatsächlich 16,8 Meter lang, 4 Meter hoch und 2,65 Meter breit. Dabei sind die Grenzen, die ein 40-Tönner erreichen darf, noch gar nicht ausgeschöpft.

Nach und nach stellt sich bei den Mechanikern eine gewisse Anspannung ein. Die Optimierungen an dem Rennwagen nehmen mehr Zeit in Anspruch als geplant. Aber das ist nun mal so im Motorsport. Zeit für die Abreise mit dem Truck ist genügend vorhanden, Pavel Nahodil ist ohnehin die Ruhe in Person und wartet geduldig auf die Werkzeugkisten, die in regelmässigen Abständen im Bauch des Trucks verschwinden. Alles wird nach Plan verladen, der Chauffeur weiss, wo sich was befindet und wie viel Platz am Ende übrig bleibt – genau noch zwei Zentimeter.

Eine erhabene Aussicht

Es wird Abend. Um 18.20 Uhr geht es los. Mit Pavel Nahodil, mir und dem Riesen auf vier Rädern. Die Aussicht ist fantastisch, man fühlt sich schon fast erhaben, wenn man auf zwei Meter Höhe den Verkehr beobachten kann. Diese Aussicht wird mir nun die nächsten Stunden erhalten bleiben. Wie lange wir letzten Endes unterwegs sein werden, wissen wir jetzt noch nicht. Viele Faktoren spielen eine Rolle, vor allem auch die erlaubten Fahrzeiten, die peinlich genau eingehalten werden. Wenn man viel Zeit auf engem Raum miteinander verbringt, lernt man sich kennen. Pavel Nahodil und ich diskutieren auf der Fahrt über Gott und die Welt, über Politik, Familie und andere Länder. Ich erfahre, dass der Tscheche eine eigene Firma hat und an den Rennen der Emil Frey aus Leidenschaft und Freude teilnimmt und eigens hierfür aus seiner Heimat anreist. «Ich habe schon für Mercedes, Aston Martin und Lamborghini gearbeitet. Ich habe andere Angebote ausgeschlagen, weil es mir hier bei der Emil Frey sehr gefällt. Es ist wie eine Familie und man kennt sich. Es ist einfach schön hier.»

Pavel Nahodil: Fahrer des Trucks und während des Rennens für zahlreiche weitere Aufgaben zuständig.

Pavel Nahodil: Fahrer des Trucks und während des Rennens für zahlreiche weitere Aufgaben zuständig.

Die Route führt über Genf nach Frankreich. Insgesamt 723 Kilometer liegen vor uns. Ich bin gespannt auf den Zoll, aber es entpuppt sich als absolut unspektakulär. Ein Stempel hier, den anderen dort und schon sind wir im Nachbarland. Wir nähern uns der Grenze der erlaubten Fahrzeit und versuchen, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Doch da sieht es eher schlecht aus. Nach einiger Zeit des Suchens und der erfolglosen Nachfrage bei einem Angestellten der angestrebten Raststätte beschliessen wir, die Nacht im Truck zu verbringen.

Pavel Nahodil der Kavalier

Am Nachmittag haben wir noch Spässe darüber gemacht, dass ich definitiv unten schlafen würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, direkt unter dem Dach der Zugmaschine zu liegen. Pavel Nahodil überliess mir tatsächlich das untere Bett, ich hätte auch gar nicht erst gewusst, wie ich nach oben gekommen wäre. Nach einer Dusche für zwei Euro an der Raststätte und Pasta aus der Plastikbox schlief ich erstaunlich gut und recht komfortabel.

Die Mechaniker beim Einrichten des Paddocks. Noch herrscht Chaos, doch nach drei Stunden ist alles perfekt eingerichtet.

Die Mechaniker beim Einrichten des Paddocks. Noch herrscht Chaos, doch nach drei Stunden ist alles perfekt eingerichtet.

Am nächsten Tag haben wir immer noch rund 500 Kilometer vor uns. Wir sind etwas ruhiger, diskutieren nicht mehr so viel, aber das muss auch nicht immer sein. Am späten Nachmittag erreichen wir den Circuit Paul Ricard in Le Castellet. Auf den ersten Blick wirkt das Gelände wie eine überdimensionale Ferienanlage. Überall Pflanzen, Büsche und Bäume, alles blüht und ist attraktiv gestaltet. Es herrscht bereits reger Betrieb um uns herum und die erste Arbeit besteht darin, den Truck zu waschen. Ich gewinne den Kampf mit dem Gartenschlauch und dem Gegenwind und nach einer Stunde glänzt der rollende Riese wieder wie neu.

Die nächsten zwei Tage gibt es eine Menge Arbeit. Der Truck muss ausgeräumt werden, die Mechaniker richten den Paddock ein. Bis Donnerstagmittag muss alles aufgebaut und eingeräumt sein. Denn dann kommen das Training des Boxenstopps, die technische Abnahme durch den Veranstalter, bei dem das Auto auf alle Voraussetzungen gemäss Reglement überprüft wird, und der Securitycheck. Bis zum Rennen sind die Tage von morgens bis abends straff durchorganisiert und jeder Handgriff der Crew sitzt perfekt.

Mechaniker Beat Kunz arbeitet hoch konzentriert an der Fertigstellung des GT3 Jaguar.

Mechaniker Beat Kunz arbeitet hoch konzentriert an der Fertigstellung des GT3 Jaguar.

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