Ayrton Senna

Als in der Formel-1-Welt die Sonne vom Himmel fiel

Vor 20 Jahren verunglückte der brasilianische Rennfahrer Ayrton Senna bei einem Rennen in San Marino tödlich. Für viele ist er nach wie vor der beste Formel-1-Pilot aller Zeiten. Sein Tod prägte den Sport ebenso wie seine Leistung zu Lebzeiten.

Über dem Grossen Preis von San Marino 1994 lag ein Fluch. Am Freitag überlebte der Brasilianer Rubens Barrichello im ersten Training einen Horrorcrash – nur ein Armbruch. Am Samstag flog Roland Ratzenberger im zweiten Training nach einem Frontflügelbruch in die Leitplanken – Genickbruch. Der Österreicher, gerade mal 53 Tage in der Formel 1, wurde nur 33 Jahre alt.

Als ob das alles nicht genug gewesen wäre, folgte am Sonntag, 1. Mai, eine der schwärzesten Stunden des Rennsports: Ayrton Senna raste in seinem Williams-Renault in eine Betonmauer. Eine halbe Milliarde TV-Zuschauer hielt den Atem an. F1-Chef Bernie Ecclestone sagte einmal: «Es war, als hätte man Jesus live ans Kreuz genagelt.» Sein Freund Gerhard Berger, Sennas früherer McLaren-Teamkollege, beschrieb den Moment des Unfalls so: «Es war, wie wenn die Sonne vom Himmel fällt.»

Der McLaren-Weltmeister von 1988/90/91 fuhr in der 6. Runde um exakt 14.12 Uhr im Scheitelpunkt der Tamburello-Kurve mit 321 km/h einfach geradeaus. Kurz, nachdem sein Bolide auf einer Bodenwelle aufgeschlagen hatte. Die Telemetriedaten zeigten später, dass Senna mit 214 km/h in relativ spitzem Winkel in die Betonmauer einschlug. Das Chassis brach auf der linken Seite auf Cockpithöhe, blieb aber in einem Stück. Der 34-jährige Senna hätte den Unfall wohl überlebt, hätte ihn nicht das rechte Vorderrad erschlagen – und die rechte Vorderradaufhängung seine Schläfe durchbohrt.

Als Formel-1-Arzt Sid Watkins nach der Bergung des Brasilianers mit dem blutgetränkten, gelben Helm zurück an die Box kam, musste er nichts mehr sagen – für den besten Rennfahrer der Welt gab es keine Hoffnung mehr. Schon am Unfallort wusste Watkins, dass alles vorbei war: «Wir holten ihn aus dem Cockpit. Nahmen ihm den Helm ab und führten eine Luftzufuhr in seinen Mund. An den neurologischen Zeichen sah ich, dass es eine tödliche Kopfverletzung war. Plötzlich seufzte Ayrton. Sein Körper entspannte sich. Es war der Moment – und ich bin nicht gläubig – in dem ich fühlte, dass seine Seele ihn verliess», erinnerte sich der 2012 verstorbene Watkins einmal.

Um 18.40 Uhr melden die Ärzte des Maggiore Hospitals in Bologna: «Ayrton Senna ist tot.» Für die Überführung des Sarges nach Brasilien wollten Sennas Eltern, dass ihr toter Sohn nicht im Frachtraum die Reise antreten muss. Die Fluggesellschaft liess deshalb in der Mittelreihe der Business Class die Sitze ausbauen. Dann wurde der Sarg mit Sennas sterblichen Überresten positioniert. Die Passagiere hinten in der Economy Class wussten nicht, dass vorne ihr toter Nationalheld lag. Für die letzten Flugmeilen wurde das Flugzeug mit Kampfjets der brasilianischen Luftwaffe eskortiert.

Am 5. Mai 1994 wurde Senna in seiner Heimatstadt São Paulo zu Grabe getragen. Fast eine Million Menschen säumten die Trauerzug-Route. Unweit der F1-Strecke von Interlagos, auf dem Friedhof Morumbi, wurde der ewig Unruhige zur letzten Ruhe gebettet. Neben einem kleinen Baum, an einem Ort, so still wie die Ewigkeit. Neben Sennas Name steht auf der schlichten, bronzenen Bodenplatte: «Nada pode me separar do amor de Deus» – «Nichts kann mich von der Liebe Gottes trennen». Sennas finale Anschrift.

Sonderbar war der Abend vor Sennas Tod: Der tödliche Unfall von Roland Ratzenberger hatte bei ihm tiefe Spuren hinterlassen. Er war gedanklich abwesend. Zur Verblüffung aller bestellte er ein Glas Rotwein. Das hatte er zuvor an 160 Formel-1-Wochenenden nie gemacht. Angst oder böse Vorahnung? Dass er sich kurz vor dem Rennen auch noch mit seinem langjährigen Erzrivalen Alain Prost aussprach und versöhnte, passt zum rabenschwarzen Imola-Drama. Ebenso wie die kleine Austria-Flagge, die später im Todeswrack gefunden wurde. Mit der Fahne wollte Senna nach dem Rennen den Fans auf der Auslaufrunde zuwinken – in Erinnerung an Ratzenberger.

Ayrton Senna ist für viele der beste Rennfahrer aller Zeiten: ultraschnell, intelligent und kompromisslos. Mitunter auch berechnend und egoistisch. Die Statistik spricht für sich: 161 Rennen, 41 Siege, 65 Polepositions, 19 schnellste Runden und drei Weltmeistertitel. Senna suchte auf den Rennstrecken dieser Welt den Weg in eine andere spirituelle Dimension. Er war ein Besessener. Getrieben von unersättlicher Gier, immer Erster zu sein. Senna verfügte über ungeheure Konzentrationsfähigkeit. Und hatte das Talent, nicht fahrbare Autos auch dann zum Sieg zu peitschen, wenn die schärfste Konkurrenz ihm materialmässig klar überlegen war. Sein eloquentes Platzhirschgehabe, die Verteidigung seines hart erkämpften Reviers mit allen Mitteln der legalen und illegalen Kunst, machten ihn einzigartig. Und unvergesslich.

Senna und Ratzenberger sind die bislang letzten Toten der Formel 1. Seit dem Imola-Drama wurden die Sicherheitsvorkehrungen und -auflagen sukzessive verschärft. Die genaue Unfallursache ist bis heute nicht restlos geklärt – trotz umfangreicher Untersuchungen und eines langwierigen Gerichtsverfahrens.

Für Sennas Auto verantwortlich zeichnete Adrian Newey. Jener geniale Konstrukteur, der in den letzten vier Jahren dank Aerodynamik-Geniestreichen Sebastian Vettel zum Vierfach-Serienweltmeister machte. Newey ist seit Sennas Tod ein gebrochener Mann. Auf das Unglück angesprochen, sagt er heute: «Ich leide noch immer. Und weine bittere Tränen. Der schlimmste Moment meines Lebens.»

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