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Michelle Gisin kämpft vor dem Start in die Weltcupsaison gegen die eigene Perfektion

Michelle Gisin im Slalom vom Zagreb im Januar 2020.

Michelle Gisin im Slalom vom Zagreb im Januar 2020.

Die Innerschweizer Skirennfahrerin hat im Corona-Sommer die Leichtigkeit auf den Skipisten wieder gefunden und will das beim Saisonstart in einer Woche in Sölden zeigen. Sie sagt rückblickend zu ihren Problemen: «Ich habe mir nicht mehr erlaubt, Fehler zu machen».

Nein, grosse Ansagen höre man vor dieser Skisaison aus ihrem Mund bestimmt nicht. Michelle Gisin erinnert sich noch gut daran, wie sie vor ziemlich genau einem Jahr öffentlich davon sprach, in den beiden Speed-Disziplinen so richtig Gas zu geben und regelmässig das Podest anzupeilen.

Die Prognose sei «ziemlich in die Hosen gegangen», denn herausgekommen ist es ganz anders. Im Slalom (Platz 3) und Riesenslalom (Platz 4) schaffte sie im Weltcup Karriere-Bestresultate, im Super-G und Slalom fuhr sie in elf Anläufen nur zweimal in die Top 10. Deshalb bleiben ihre konkreten Ziele diesmal intern.

Im Verlauf des Winters schlich sich bei Michelle Gisin eine grundsätzliche Verunsicherung in ihr Verhaltensmuster auf den Abfahrtspisten ein. Wirkte die 26-Jährige während der Saison im Zielraum oft ziemlich ratlos, so erklärt sie nun vor dem ersten Rennen am kommenden Samstag in Sölden mit der notwendigen Distanz, woran es lag.

«Ich wollte in jeder Situation auf der Piste die perfekte Fahrt erzwingen, war auf jedem Abschnitt darauf bedacht, ja keine Zeit zu verlieren. Ich habe mir selber nicht mehr erlaubt, Fehler zu machen.» Anstatt die perfekte Hocke oder den optimalen Schwung zu finden, verlor sie dabei zuerst die Lockerheit und dann die Überzeugung.

Sich selber hinterfragen und Vertrauen finden

Der frühzeitige Saisonabschluss und die lange Lockdown-Pause ermöglichten der Engelbergerin die notwendige Selbstreflektion, um aus dieser Spirale auszubrechen.

Und das perfekte Wetter sowie die extrem guten Schneeverhältnisse während der Gletschertrainings in Saas-Fee und Zermatt sorgten dafür, dass sie viel mehr Speedeinheiten absolvieren konnte als in einem normalen Sommer. «Es ging in den Trainings darum, möglichst viele Situationen durchzuspielen und wieder Vertrauen zu finden.»

Michelle Gisin im Frühling während des Lockdowns zuhause in Engelberg im Klostergarten.

Michelle Gisin im Frühling während des Lockdowns zuhause in Engelberg im Klostergarten.

Anstatt die Perfektion anzustreben, den Latten an den Füssen und den Gedanken im Kopf gleichermassen Raum zur Freiheit zu geben. «Ich fahre einfach wieder Ski und halte mich nicht damit auf, wo ich unterwegs vielleicht Zeit verliere», sagt die befreit wirkende Allrounderin.

Nur ab und zu fiel Michelle Gisin im Training in alte Muster zurück, konnte diese aber jeweils schnell wieder durchbrechen. Weil es mit den vielen Gletschertagen auch genügend Möglichkeiten für Slalom- und Riesenslalomeinheiten gab, fühlt sich die Kombinations-Olympiasiegerin von Pyeongchang 2018, die hingegen im Weltcup nach wie vor auf ihren ersten Sieg wartet, bereits auf ziemlich hohem Niveau.

Vor allem auch in den technischen Disziplinen. «Ich habe schon einige Tausend Slalomtore gefahren», sagt sie und glaubt, dass ihr Fahrstil dadurch effizienter geworden ist. Was dies im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz bedeutet, wird der Riesenslalom Sölden in einer Woche erstmals aufdecken.

Der spürbare Elan und Optimismus von Gisin rührt auch daher, dass sie nach mehrmonatiger Corona-Trennung von ihrem langjährigen Freund Luca Di Aliprandini, im sonnigen Herbst nun doch einige Zeit mit dem italienischen Riesenslalom-Spezialisten im neuen gemeinsamen Haus am Gardasee verbringen konnte.

Grosse Unterstützung wichtiger als viel Lohn

Einen Ort, den die passionierte Windsurferin schon seit Jugendzeiten in ihrem Herzen trägt. Nach dem anfänglichen Liebesschmerz im Frühjahr genoss die Innerschweizerin aber auch den Sommer im eigenen Land als «willkommene Abwechslung».

Selbst schlechte finanzielle Nachrichten können Michelle Gisins mentales Hoch nicht gefährden. Ihre Skimarke Rossignol kürzte das Salär der Rennfahrer aufgrund von wirtschaftlichen Problemen um 25 Prozent. Die Schweizerin hat das im Gegensatz zu anderen diskussionslos akzeptiert.

«Ich habe immer noch das Gefühl, die schnellsten Skis an den Füssen zu haben. Und ich spüre eine grosse Unterstützung beim Service.» Dass dies passe, sei für sie der entscheidende Faktor.

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