Mein Weg nach Tokio
Nicola Spirig in der Olympia-Serie: «Sechs bis acht Wochen ohne meine Familie? Das kann ich mir als Mutter nicht vorstellen»

Triathletin Nicola Spirig ist eine von nur vier Schweizerinnen, die an Olympischen Sommerspielen eine Goldmedaille gewinnen konnten. Hier erzählt die 39-Jährige regelmässig exklusiv, was sie in den letzten Wochen vor ihrer fünften Olympia-Teilnahme in Tokio beschäftigt.

Nicola Spirig
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Nicola Spirig steht vor ihren fünften Olympischen Spielen.

Nicola Spirig steht vor ihren fünften Olympischen Spielen.

CH Media

Ich werde derzeit immer wieder darauf angesprochen, dass es in der Bevölkerung in Japan wegen der Pandemie Vorbehalte gegenüber den Olympischen Spielen gibt. Ich kann das durchaus verstehen. Für mich als Athletin ist aber klar: Ich will nach Tokio. Wir arbeiten auf dieses riesige Ziel hin und vertrauen darauf, dass die Spiele nur durchgeführt werden, wenn es verantwortbar ist. Es ist aber nicht an uns, das zu entscheiden.

Für mich werden es nun schon die fünften Olympischen Spiele und bei fast allen wurde ich davor gefragt, ob man sie vielleicht nicht absagen müsste: In Athen waren nicht alle Wettkampfstätten fertig gebaut, in Peking gab es Proteste, in London hatte man Bedenken wegen der Terroranschläge im Vorfeld, in Rio de Janeiro war es des Zika und nun Corona. Wir können das nicht beeinflussen, aber natürlich gibt es Dinge, die mich beschäftigen.

Am 4. August 2012 gewann Nicola Spirig in einem Herzschlagfinal Olympia-Gold, knapp vor der Schwedin Lis Norden.

Am 4. August 2012 gewann Nicola Spirig in einem Herzschlagfinal Olympia-Gold, knapp vor der Schwedin Lis Norden.

Darron Cummings / AP/AP

«Ich bin froh, wenn irgendein Plan am Ende aufgeht»

Eigentlich wollte ich vor den Spielen noch ein Hitzecamp in Südkorea absolvieren, um den Körper auf die Bedingungen in Tokio vorzubereiten. Doch dieser Plan ist leider nicht aufgegangen, weil man derzeit fast überall in Asien für zwei Wochen in Quarantäne muss und nicht aus dem Hotel darf. Wenn ich auch fürs Training nicht raus kann und mehrere Wochen nur im Zimmer auf der Rolle trainieren kann, ist das nicht optimal.

Ich habe zwar immer klare Pläne, aber immer auch einen Plan B, C und D und bin dankbar, wenn irgendein Plan aufgeht. Ich habe gelernt, flexibel zu sein. Frustrierend war für mich, dass keine Zuschauer aus Übersee zugelassen sein werden und ich meine Familie nicht mitnehmen kann. Ich bin manchmal eine Woche weg, höchstens zwei. Sechs bis acht Wochen von Zuhause weg zu sein, das kann ich mir als Mutter nicht vorstellen.

Saunazelt in St. Moritz statt Hitzecamp in Südkorea

Die Familie steht für mich immer an erster Stelle und wir nutzen und geniessen jede freie Minute. Zu den Weltcup-Rennen in Lissabon reiste ich erst am Tag davor, weil unsere Tochter Malea Geburtstag hatte. Und den Tag nach meiner Rückkehr nutzten wir für einen Ausflug in den Zoo, bevor ich abends nach St. Moritz fuhr, wo ich die letzten Wochen vor den Olympischen Spielen trainiere und mich die Familie besuchen kann.

Dort bleibe ich bis kurz vor der Abreise. Am Abend des 22. Juli fliege ich nach Japan, am 24. Juli haben wir die einzige Möglichkeit, den Velokurs zu besichtigen, bevor es am 27. Juli um die Medaillen geht. Um uns trotzdem an Hitze und Luftfeuchtigkeit in Japan zu gewöhnen, schwimmen wir zum Teil auch im Hallenbad mit Neoprenanzug, arbeiten mit heissen Bädern und Dampfbad und haben nun mit Swiss Olympic, dem Bundesamt für Sport und Swiss Triathlon auch ein Saunazelt aufgestellt, in dem wir bei entsprechender Hitze und Feuchtigkeit Velofahren können.

Im Engadin fühlt sich die Familie von Nicola Spirig besonders wohl.

Im Engadin fühlt sich die Familie von Nicola Spirig besonders wohl.

Instagram / SON

Welche Wettkämpfe ich noch bestreite, entscheiden wir kurzfristig. Um mein ganzes Potenzial ausschöpfen zu können und die Rennfitness zu erreichen, brauche ich noch Rennen. Denn das kann man nicht simulieren. Dass ich die letzten Wochen nun in St. Moritz verbringe, ist aus sportlicher Sicht die zweitbeste Lösung. Und sie hat auch Vorteile: Wir haben eine Wohnung hier, mein Mann Reto und die Kinder können bei mir sein und fühlen sich wohl und glücklich, das macht es auch für mich viel leichter.

Ich trainiere seit vielen Jahren hier im Sommer, wir haben super Trainingsbedingungen und können das Höhentraining nutzen. Zudem werde ich so bis kurz vor Schluss meine Trainingskollegen um mich haben und das gewohnte Umfeld. Auch vor Rio bereitete ich mich hier in St. Moritz vor.

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