Ex-Fechter
Marcel Fischer war 2004 einziger Schweizer Olympiasieger – wie Gold sein Leben veränderte

Fechter Marcel Fischer gewann vor zwölf Jahren als einziger Schweizer Olympia-Gold. Im Interview erzählt er, wieso er mit diesem Triumph rechnete, warum ihn dieser bis heute verfolgt und wie sein Bezug zum Fechten heute ist.

Etienne Wuillemin und Jakob Weber
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Marcel Fischer 2004 mit der olympischen Goldmedaille.EDDY RISCH/Keystone

Marcel Fischer 2004 mit der olympischen Goldmedaille.EDDY RISCH/Keystone

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Das Telefon nimmt Marcel Fischer direkt am Strand von Mallorca ab. Der bald 38-jährige ehemalige Fechter war der einzige Schweizer Goldmedaillen-Gewinner an den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Während seiner Sportkarriere studierte Fischer erfolgreich Medizin. Heute arbeitet er als Orthopäde. 2011 erkrankte Fischer an Ohrspeicheldrüsenkrebs. Er therapierte die Krankheit erfolgreich.

Vor 12 Jahren waren Sie selbst Olympiasieger – wie intensiv verfolgen Sie die Spiele heute?

Marcel Fischer: Ich bin seit Kindstagenein riesiger Olympia-Fan. Jetzt gerade bin ich in den Familien-Ferien auf Mallorca. Ich schaue jene Wettkämpfe, die mich interessieren. Die Zeitverschiebung ist gar nicht schlecht. Und natürlich schaue ich, dass ich die Schweizer Fechter verfolgen kann.

Wie häufig kommen die Emotionen von 2004 noch hoch?

Das passiert immer wieder. Sicher auch in Rio. Vor vier Jahren habe ich in London das finale Gefecht live vor Ort gesehen. Da schaute ich zu, und fühlte gleichzeitig meine eigenen Emotionen von 2004. Ich spürte, wie ich mich vor dem Final gefühlt habe. Es ist alles abgespeichert, fast als hätte ich gestern Gold geholt. Das sind prägende, sehr schöne Momente.

Welche Emotionen haben die Gold-Medaille ausgelöst?

Kurzfristig bricht eine totale Euphorie aus. Gleichzeitig fällt man in eine Art Loch. Es ist eine Leere da, weil man sich über vier Jahre ein Ziel aufgebaut hat, das man derart akribisch verfolgte. Vor allem ich mit meinem Perfektionismus. Plötzlich ist alles vorbei. Eine Riesenanspannung fällt weg.

Welchen Stellenwert hat Athen 2004 heute in Ihrem Leben?

In meinem Herz einen riesigen. Es war ein grosser Erfolg. Aber nicht nur der Erfolg allein bedeutet mir viel. Sondern auch der Weg dazu. Ich würde mich heute noch ärgern, wenn mein Karrierehöhepunkt der 4. Platz in Sydney vier Jahre zuvor gewesen wäre, wo ich die Medaille knapp verpasste. Zudem hing meine Teilnahme in Athen an einem seidenen Faden. Weil wir uns als Team nicht qualifizieren konnten, musste ich komplizierte Qualifikationsturniere bestreiten. Im entscheidenden Halbfinal lag ich 13 Sekunden vor Schluss 10:13 zurück – unter normalen Umständen verliert man ein solches Gefecht. Ich gewann noch – und konnte darum nach Athen.

Was verändert Olympia-Gold?

Kurzfristig verliert man vor allem die Herrschaft über die eigene Agenda (lacht). Da rennt jeder Olympiasieger ein paar Tage lang von einem Fototermin zum nächsten Pressemeeting. Es prasseln Anfragen für Hunderte Anlässe auf einen ein. Es riefen mich etliche Leute an, die ich nicht kannte und mich nun beraten und managen wollten.

Und langfristig?

Mein Leben hat sich nicht auf den Kopf gestellt wegen der Olympia-Medaille. Ich wusste wegen meines Medizinstudiums, wohin mein Weg führt. Auch dank meiner tollen Familie. Aber es ist schon so: Ein Olympia-Sieg öffnet viele Türen. Die Anerkennung ist gewaltig. Man lernt viele Leute kennen. Und erhält viele Anfragen. Sei es von Firmen oder aus der Politik. Fragt sich nur, was man daraus machen will. Soll ein Sportler wirklich Reden zum 1. August halten? Das muss sich jeder Betroffene ganz genau überlegen. Trotzdem: Auch heute, zwölf Jahre später, erhalte ich in alltäglichen Situationen Anerkennung – beispielsweise von Patienten, das hätte ich nicht erwartet damals.

Ein Medizin-Studium und Olympia-Sieger. Wie war das möglich?

An erster Stelle steht der Wille. Schon 1996, bei meiner ersten WM-Teilnahme, war für mich klar, dass ich einmal Arzt werden will. Es hat sich darum für mich gar nie die Frage nach der Vereinbarkeit gestellt. Eine gute Organisation war entscheidend. Ich nahm mir eine Wohnung in Basel, die Uni war nahe, die Fechtgesellschaft nur fünf Minuten entfernt. Ich hatte das grosse Glück, auf die Flexibilität meiner Trainingspartner zählen zu können. Benjamin Steffen kam beispielsweise auch morgens um 7 Uhr mit mir trainieren.

Haben Sie vor Beginn des Wettkampfs damit gerechnet, Gold gewinnen zu können?

Ja, ich wusste, dass ich gewinnen kann. Ich war die Weltnummer 3, in den 20 letzten Weltcups fast immer unter den Top 8 oder auf dem Podium – und ich merkte: Alle hatten Angst vor mir. Das Minimalziel war deshalb eine Medaille. Und die Erinnerung an die Olympischen Spiele von Sydney half auch. Damals wurde ich Vierter, hätte aber genauso gut Gold holen können.

Waren Sie von Runde zu Runde überzeugter davon, zu gewinnen?

Der Start war vor allem schwierig. Mein Gegner hatte schon ein Gefecht, war im Rhythmus. Ich dagegen hatte ein Freilos. Dazu kam, dass ich zu dieser Zeit ständig die Qualifikationsrichtlinien des internationalen Verbandes kritisierte. Während viele starke Fechter gar nicht erst teilnehmen konnten, waren ein afrikanisches Team und zwei Afrikaner gesetzt. Mein erstes Gefecht war ausgerechnet gegen den stärksten Afrikaner. Ich geriet ins Hintertreffen und begann mir zu überlegen, wie das wohl wirkt, wenn ich immer behaupte, die Afrikaner seien zu schwach – und ich bei erstbester Gelegenheit gegen einen Afrikaner verliere. Danach lief es immer besser. Bis zum Höhepunkt.

Wie ist Ihr Bezug zum Fechten heute?

Gute Frage, der Bezug vom Herz her gesehen ist noch immer sehr eng. Die Freundschaften aus dem Fechten bleiben fürs Leben. Das ist mit einem Rücktritt nicht einfach abgeschlossen. Aber ich habe nach dem Rücktritt bewusst Distanz gesucht.

Würden Sie nicht manchmal am liebsten wieder selbst eingreifen, wenn Sie den Fechtern an den Olympischen Spielen zuschauen?

Das Herz sagt sofort «Ja». Das Kämpfen auf der Piste vermisse ich schon. Aber das «Drumherum» ist mir über die Jahre verleidet. Diese Anstrengungen brauche ich nicht mehr.

Welche Anstrengungen meinen Sie?

Ich war jahrelang fast jedes Wochenende unterwegs. Es gibt viele anstrengende Dinge, die sich dann über die Jahre summieren. Bustransporte vom Hotel zur Halle und zurück. Plötzlich geht irgendwo in Kuba das Licht nicht mehr oder die Klimaanlage an der Wettkampfstätte etc. Dann hatte ich stets Probleme wegen meiner Ausrüstung. Einiges habe ich selbst zusammengebaut – und plötzlich wurde mir dann aus irgendwelchen banalen Gründen wieder etwas nicht erlaubt. Immer wieder. Das ist sehr belastend, wenn man am Tag vor dem Wettkampf stets im Ungewissen ist, ob die Ausrüstung wirklich erlaubt ist. Ich war ein Perfektionist, und das ist mit einem gewissen Stress verbunden. Das brauchte ich nicht mehr.