Europameistertitel

Manche hatten ihn schon abgeschrieben: Jetzt ist der Mountainbiker Nino Schurter wieder ganz oben

Nino Schurter jubelt über den Sieg.

Nino Schurter jubelt über den Sieg.

Nino Schurter hat an der Europameisterschaft im Tessin gezeigt, dass er noch immer der Beste ist.

Er ist wieder da, wo er hingehört. Zuoberst auf dem Podest. Nino Schurter entledigt sich der Schutzmaske, darunter entblösst er sein unverkennbares spitzbübisches Lächeln. Die Genugtuung über seinen grossen Heimtriumph ist Nino Schurter anzusehen. Ein paar Minuten später sagt er: «Es tut gut, zu zeigen, was ich kann.» Oder es in anderen Worten zu formulieren: «Es tut gut, es denen zu zeigen, die mich schon abgeschrieben haben.»

Die Mountainbike-Europameisterschaft mag sich aus Schurters Sicht anfühlen, wie eine Versöhnung mit einem sehr schwierigen Jahr. Eigentlich hätte er 2020 den Olympiasieg von 2016 wiederholen wollen, stattdessen trainiert er lange isoliert. Und als endlich die Saison startete, blieb er hinter den Erwartungen zurück. An der WM wurde der achtfache Weltmeister Neunter. So schlecht war er noch nie.

Doch im Tessin ist alles wieder so, wie es sich in der Mountainbike-Welt gehört. Schurter ist an der Spitze und statt schlammigem Wetter wie in der Vorwoche, ist im Tessin auch das Wetter wieder gut. Natürlich ist es nicht sommerlich warm auf dem Monte Tamaro, aber die Sonne scheint, die Strecke ist trocken. Und 600 zugelassene Fans feuern Nino Schurter an. Endlich wieder Anfeuerungsrufe, Kuhglocken und Schweizer Fahnen. Zum ersten Mal überhaupt in dieser Mountainbike-Saison dürfen Zuschauer an den Streckenrand. «Es waren zwar nicht so viele, wie wir uns das gewohnt sind, aber es ist viel besser als in den letzten Wochen», freut sich Schurter.

Der Liebling der Massen

Nino Schurter im Trikot des Europameisters und mit der Goldmedaille.

Nino Schurter im Trikot des Europameisters und mit der Goldmedaille.

Der Liebling der Massen fährt gut. Sehr gut sogar. Zunächst gelingt ihm ein Start nach Mass. Endlich versucht man zu sagen. «Ich wollte als erster in die Abfahrt kommen, das ist mir gelungen», bilanziert er später. Das Wissen, das Rennglück wieder auf seine Seite zwingen zu können, gibt Schurter Vertrauen zurück. So wird er dann auch nicht übermässig nervös, als seine Angriffe nicht dazu führen, dass er die Konkurrenz distanzieren kann.

Mit Teamkollege Mathias Flückiger und dem Franzosen Titouan Carod, kämpft er um den Lead, Flückiger fällt irgendwann zurück und nimmt mit Bronze vorlieb. Nachdem Carod in der letzten Runde an Schurter vorbeizieht, sieht vieles nach Silber beim Bündner aus. «Auch ich habe zwischenzeitlich nicht mehr ganz an den Sieg geglaubt», sagt Schurter. «Dann merkte ich, dass ich nicht der einzige bin, der kämpfen muss.» Mit einer frechen Angriffsaktion überholt er Carod auf der Innenseite in einer Kurve und enteilt seinem Konkurrenten. «Ich dachte schon vor dem Anstieg, dass ich es innen probieren könnte, falls Carod die Lücke offen lässt», so Schurter. «Es war ein frecher Move, den es gebraucht hat.»

Ein Europameistertitel statt dem Olympiasieg

Im Ziel stemmt Nino Schurter sein Bike in die Luft und lässt seiner Freude freien Lauf. Die Erleichterung ist Schurter anzusehen nach seinem ersten Europameistertitel. Es ist der erste, weil für gewöhnlich der Stellenwert dieser Meisterschaften nicht hoch einzuschätzen ist. Zuletzt hatte Schurter 2013 teilgenommen, damals holte er Silber. In diesem Jahr ist aber vieles anders. «Dieser Titel bedeutet mir sehr viel. Die EM war ein Highlight», sagt Schurter deshalb. Der erste Europameistertitel ist ein kleiner Trost für den angestrebten Olympiasieg. Noch wichtiger ist für Schurter vor der Winterpause aber die Gewissheit, noch immer zu oberst stehen zu können.

Die meisten Topathleten reisten noch am Samstagabend nach Hause in die internationale Winterpause, Schurter blieb noch eine Nacht im Tessin. Gross angestossen wurde im Schweizer Lager dennoch nicht. «Viel ist ja im Moment nicht möglich», sagt er. Aus dem Partyalter ist der 34-jährige Familienvater aber inzwischen sowieso raus. Nach einem Sponsorentermin reist er lieber in die Ferien. Seine Familie hat in der Toskana den Titel mitverfolgt. «Ich bin mir sicher, dass sie sich freuen», sagt Schurter. Für ihn endet das Jahr 2020 nun doch irgendwie versöhnlich.

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