Die ZSC Lions haben in der laufenden Woche das Eistraining auf der Kunsteisbahn Oerlikon (Keba) aufgenommen, nachdem sie zuvor in Bäretswil ersten Eiskontakt gehabt hatten. «Das Dach macht die Keba im Sommer zu einem Treibhaus – es ist wie in der Masoalahalle», sagt Chris Baltisberger seufzend. Der 23-jährige Oberengstringer war in der vergangenen Saison dank starker Auftritte in der Champions League und der NLA der Shootingstar der ersten Saisonphase bei den Lions. In der kommenden Spielzeit wird es wieder zwei Baltisberger im Hallenstadion geben: Chris’ Bruder Phil ist aus Kanada zurückgekehrt. Die Limmattaler Brüder sprechen im Interview über ihre Beziehung auf und neben dem Eis.

Die Baltisberger-Brüder von den ZSC Lions

Die Baltisberger-Brüder von den ZSC Lions

Hat sich Ihr Umgang verändert nach Phils Rückkehr aus Kanada?

Chris Baltisberger: Das nicht. Phil ist aber sicherlich noch reifer als vorher. Er hat sich vom Junior zum Erwachsenen entwickelt – menschlich gesehen. Was das Hockeytechnische betrifft, werden wir die Änderungen in den kommenden Wochen hoffentlich bemerken (lacht).


Phil Baltisberger: Chris hat sich ebenfalls im mentalen Bereich verändert. Als ich ging, war er einer der Jungen. Jetzt ist er ein gestandener NLA-Spieler und hat sich in der ganzen Organisation Respekt verschafft. Für mich ist er nach wie vor ein Vorbild. Wenn ich den gleichen Weg machen könnte wie er, würde mich das sehr freuen.

Chris, Sie sagten einmal, dass Ihr Bruder dem Alter entsprechend immer weiter war als Sie. Sehen Sie sich nun auf dem gleichen Level?

Wir haben verschiedene Wege eingeschlagen, das ist schwierig zu vergleichen. Aber aufs Alter bezogen sind wir wohl gleich weit.

Phil: Ich war immer etwas weiter als andere Gleichaltrige, auch, weil ich einen Bruder habe, zu dem ich immer aufschauen konnte. Er ist ein gestandener NLA-Spieler, dahin will ich auch kommen. Chris hat mir gezeigt, wie es geht.

Phil, Sie haben eine grosse Erfahrung als U-Nationalspieler, Chris ist bereits A-Nationalspieler. Macht das einen Unterschied im Ansehen?

Chris: Es ist ein wesentlicher Unterschied, die A-Nati ist etwas Grösseres. Es gibt keine Garantie, dass man es als U20-Natispieler später in die A-Nationalmannschaft schafft. In der A-Nati hat es Spieler, die nie für eine U-Nati spielten.

Phil: Da stimme ich Chris zu. Mir haben die U-Nati-Turniere allerdings Erlebnisse gegeben, die ich nie vergessen werde. Als 16-Jähriger an einer U20-WM in Calgary zu spielen, ist einfach riesig. Da war ich zum ersten Mal auf der grossen Bühne. Aber für später sagt das gar nichts aus.

Phil, wenn man Ihren Namen googelt oder bei Youtube eintippt … (Chris schmunzelt) … findet man vor allem Beiträge über Faustkämpfe. Sie galten in Kanada als harter Hund – haben Sie sich dieses Image bewusst aufgebaut?

Das kam einfach so. In meiner ersten Saison hatte ich keinen einzigen Fight. Im zweiten Jahr war ich einer der Älteren im Team und ein Leader, ausserdem lief es unserem Team nicht mehr so gut. Als Verteidiger, der den Stürmern auf die Nerven geht, kann es das geben. Ich hatte insgesamt aber nur vier Fights, ich lasse mich nicht darauf reduzieren.

Chris: Wenn jemand zwei Spiele mit einem gebrochenen Kiefer bestreitet, ist es klar, dass er das Image eines harten Spielers kriegt.

Sie sprechen den Beginn von Phils Zeit in Kanada an. Er hatte im Training einen Schuss ins Gesicht gekriegt. Erst einige Tage später kam bei einer Zahnarztkontrolle aus, dass er den Kiefer gebrochen hatte.

Phil: Das war wirklich dumm gelaufen. Es passierte im ersten Training. Dass ich danach trotzdem spielte, brachte mir Respekt von den Mitspielern und den Trainern ein – gerade als Europäer, denn dort drüben wartet niemand auf dich. Das war das einzig Positive an dieser Verletzung.

Darf man von Ihnen in der Schweiz auch ein paar Fights erwarten?

Phil: Ich werde sicherlich physisch spielen, aber mit fairen Mitteln. In der Schweiz ist das Fighten ja nicht erlaubt. In Kanada kriegt man fünf Minuten und darf dann wieder aufs Eis, hier muss man je nach Schiedsrichter gleich unter die Dusche.

Chris, wie ist das Standing von Phil im ZSC-Team?

Er ist ein junger Spieler wie jeder andere, muss sich beweisen und sich ins Team einfügen. Als Bruder ist es für mich natürlich eine spezielle Situation.

Phil, Ihr Bruder dürfte einen ganz anderen Platz im Team haben im Vergleich zu Ihrer ersten Zeit im ZSC.

Natürlich. Damals war er ein Junger, mittlerweile gehört er zu den Gestandenen. Er hat mir gezeigt, dass sich harte Arbeit eines Tages auszahlt. Das gibt mir Selbstvertrauen für meinen Weg.

Wie zeigt sich die neue Rolle von Chris in der Mannschaft?

Das merkt man an kleinen Dingen. Wenn es darum geht, die Trinkflaschen ins Trainingszentrum zu bringen, ist es klar, dass er nicht mehr zu denen gehört, die das machen.

Chris: Ich merke, dass mein Wort mehr zählt als vorher.

Chris, geraten Sie in einen Konflikt, wenn Ihr Bruder die Trinkflaschen trägt und Sie ihm gewissermassen nicht helfen dürfen, um die Hierarchie zu wahren?

Nein. Es ist wie überall im Leben klar, dass die Neuen mehr machen müssen als die Eingesessenen. Ich helfe ihm natürlich, wenn er Hilfe braucht. Aber wenn er etwas selbst machen kann, wie Trinkflaschen tragen … (beide lachen).

Phil: Das hat nichts mit Hierarchie zu tun, sondern mit Respekt. Man erwartet einfach nicht von einem gestandenen NLA-Spieler, dass er etwas aufräumt, das herumliegt. Der ZSC ist sowieso so professionell organisiert, dass die Spieler neben dem Eis kaum etwas machen müssen.

Wie funktionieren Sie als Brüder in der Mannschaft?

Chris: Ich nehme die Grosse-Bruder-Funktion schon wahr und stehe hinter ihm. Aber er ist selbst schon weit genug.

Phil: Ich muss mich nicht hinter ihm verstecken. Aber er ist meine erste Bezugsperson, wenn ich eine Frage habe. Er sagt mir seine Meinung knallhart ins Gesicht, auch wenn sie mir nicht passt.

Chris: Wir sind gegenseitig die grössten Fans, aber auch die grössten Kritiker.

Phil: Da wir auf verschiedenen Positionen spielen, kommen wir nie in die Situation, dass jemand fragt, wer der Bessere von uns ist. Das ist von grossem Vorteil.

Phil, gab es für Sie für die Rückkehr in die Schweiz eine andere Option als die ZSC Lions?

Phil: Es gab Interessen von anderen Teams. Aber für mich war immer klar, dass ich zum ZSC zurückkomme. Sportchef Edgar Salis gab mir bei einem Besuch in Kanada früh zu verstehen, dass mich die Organisation wieder will.

Hätten Sie den Verein wechseln können, Chris?

Nein, ausserdem wollte ich sowieso beim ZSC bleiben. Ich hatte meinen Vertrag schon vor der letzten Saison bis Ende 2016/17 verlängert.

Sie hatten ihn verlängert, bevor Sie Nationalspieler wurden. Wurmt Sie das, weil Sie als solcher bessere Konditionen hätten aushandeln können?

Überhaupt nicht. Ich denke, das hätte keinen grossen Einfluss gehabt. Mir ist wichtig, dass ich mich hier während zweier Jahre weiterentwickeln kann.

Sie haben eine Ausstiegklausel für die NHL im Vertrag – und Sie, Phil?

Die habe ich auch. Aber ich sehe mich mindestens in den nächsten drei Jahren in der Schweiz. So lange habe ich beim ZSC unterschrieben.

Was haben Sie in Kanada auf das Hockey bezogen gelernt?

Das Physische ist dort viel wichtiger. Und weil das Eisfeld kleiner ist, hat man viel weniger Zeit für die Spielauslösung. Wenn man an der Bande steht und nicht vorwärtsmacht, knallts. Im ersten Jahr bestritt ich darüber hinaus über 100 Spiele. Das fordert einem mental einiges ab. Wir spielten manchmal von Freitag bis Sonntag drei Spiele hintereinander, dazu kamen die langen Busfahrten. Ich habe gelernt, die Müdigkeit wegzustecken, um auch für das dritte Spiel wieder bereit zu sein. Im zweiten Jahr war ich zum ersten Mal überhaupt einer der Älteren im Team und spielte regelmässig über 30 Minuten. Da habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen.

Phil, Sie sind mit den ZSC Lions Schweizer Meister geworden, haben aber noch nie ein Qualifikationsmatch bestritten – eine Kuriosität.

Das ist wirklich so! 2012 sass ich in einem Playoffspiel auf der Bank, als wir gegen Davos Meister wurden. Ein Jahr später sind vier Spiele in der Statistik aufgeführt – alle in den Playoffs und alle wieder gegen Davos. Ich sehe die Saison 2015/16 als meine erste in der NLA.

Was ist Ihr persönliches Ziel?

Ich will jedes Spiel spielen und ein Bestandteil des Teams werden. Das Einzige, was ich auf dem Weg dahin selbst beeinflussen kann, ist meine Leistung. Darauf fokussiere ich.

Chris, in einem Interview im Frühling 2013 sagten Sie, Sie seien auf der Strasse noch nie um ein Autogramm gebeten worden. Hat sich das nach Ihrer starken letzten Saison geändert?

Da ich mir einen Stammplatz erkämpft und das eine oder andere Tor geschossen habe, hat sich das schon geändert. Es ist schön, von den Fans erkannt zu werden.

Wie steht es um Ihre Erfahrungen diesbezüglich, Phil?

In Guelph, wo ich in Kanada spielte, hat das Juniorenhockeyteam einen sehr hohen Stellenwert – es kamen 5000 Zuschauer im Schnitt. Klar gab es manchmal Autogrammwünsche.

Chris hat seinen Vornamen von der elterlichen Schwärmerei für Chris de Burgh. Woher rührt der Name Phil?

Phil: Von Phil Collins, glaube ich (Chris nickt).

Chris: Eigentlich hätten wir Musiker werden sollen.

Hätten Sie auch das Talent dafür?

Chris: Gross Zeit für ein Instrument hatte ich nicht wegen des Hockeys. Im Moment investiere ich lieber weiter Zeit in den Sport.

Phil: Ich könnte höchstens Bandmanager werden – oder Chauffeur des Bandbusses (beide lachen). Musik hat mich nie wirklich interessiert. Ab und zu hatte ich die Flöte einer meiner Schwestern in der Hand, für mehr hat es nicht gereicht.