Diese Sportart ist wohl mindestens mit so vielen Vorurteilen behaftet wie der Titel dieses Artikels. Nein, wir versuchen an dieser Stelle nicht die Beweggründe eines Jugendstraftäters zu eruieren. Vielmehr lancieren wir den Versuch, eine Faszination verstehen zu lernen. Die Faszination Schiesssport.

Dafür wohnen wir dem 40. Reppischtalschiessen bei. Hinter der forstlichen Fassade zwischen Dietikon und Rudolfstetten warten 30 Zielscheiben, die bearbeitet werden wollen. Wir wagen uns in den Schiessstand. Rund zwei Dutzend Präzisionskünstler zielen auf die 300 Meter entfernten Scheiben. Hinter den Schützen steht Kevin Mörth und reinigt bedachtsam ein Sturmgewehr. Der 20-Jährige ist einer von sechs Jungschützen, die der Schiessverein Dietikon stellt. Jahr für Jahr bemüht sich der in der Stadt Dietikon gut verknüpfte Verein um Mitglieder – vor allem im Nachwuchsbereich.

Er versendet Briefe, die auf die Existenz des Jungschützenkurses aufmerksam machen sollen. Im Fall von Kevin Mörth hatte das geklappt, vor vier Jahren. Ohne grosse Erwartungen erlag er dieser faszinierenden Symbiose aus extremer Geschwindigkeit, kontrollierter Körperbeherrschung und millimetergenauen Präzision schnell. «Die Patrone verlässt den Lauf mit 3000 Kilometern pro Stunde», erklärt Mörth mit viel Pathos.

Schwierige Militär-Assoziationen

Jene Gefühlslage wird ein wenig getrübt, als wir die Rekrutierungsschwierigkeiten der Schiessvereine thematisieren. Schützen wie Kevin Mörth drohen eine Rarität zu werden. Gemäss einer aktuellen Studie des Bundesamts für Sport (Baspo) messen sich nur 1,1 Prozent der helvetischen Bevölkerung im Akt des Schiessens. Zwischen 2008 und 2014 stagnierte die Ausübungsquote in dieser überschaubaren Zunft völlig. «Heutzutage stehen die Vereine in enormer Konkurrenz», gibt Vereinspräsident Rolf Neeracher zu bedenken.

Die Jugendlichen scheinen gegenwärtig auf mehreren Sport-Hochzeiten tanzen zu wollen. Doch die Experimentierfreude schlägt sich irgendwann in einer qualvollen Wahl nieder. Selten geniesst der Gang zur Schützenanlage Priorität. Laut Neeracher assoziiert der Nachwuchs den Schiesssport auch oft mit dem Militärdienst, was sich bei schlechten Wehrpflicht-Erfahrungen auf die Aktivität im Schiessverein auswirken kann.

Sport ist nicht immer Mord

«Oftmals sagen die Leute einfach, dass der Schiesssport nichts für sie sei», erzählt der unbeirrbare Kevin Mörth, der sich in seinem sozialen Umfeld aber nie für seine Tätigkeit rechtfertigen musste. Es sind die ewigen Vorurteile, die hemmende Auswirkungen haben. Dabei ist die Angelegenheit ungefährlich, sofern man keine disziplinarischen Übertritte vornimmt. OK-Präsident Paul Schneider beobachtet zudem eine häufig fehlende Schiessfreundlichkeit der Eltern. «Wir hantieren nicht mit Waffen, sondern mit Sportgeräten», schiebt Präsident Neeracher nach. Die Leute sähen die wahren Werte wie Kameradschaft nicht. «Obwohl wir uns in einer Einzelsportart bewegen, freut sich jeder über den Erfolg des anderen», erzählt Nachwuchsschütze Mörth exemplarisch.

Laut der Baspo-Studie liegt das Durchschnittsalter im Schiesssport bei 46 Jahren. Das spürt auch Kevin Mörth. Ein Problem sei dieser Generationenunterschied aber nie gewesen, es bedurfte lediglich einer gewissen Zeit zur Eingewöhnung. Ein Ziel des Vereins ist es, langfristig den Nachwuchs in Funktionärsrollen zu kleiden, um der Jugend sportliche und operative Perspektiven aufzuzeigen. Kevin Mörth könnte sich eine solche vorstellen. Der Schiesssport versucht, sich zu emanzipieren – in einem Umfeld voller überholter Ansichten. Sport ist nicht immer Mord.