Ein anderer Mensch ist Simon Koster nicht geworden während seiner mehr als 23 Tage allein auf See. Und er ist auch keine Beziehung zu einem Volleyball eingegangen wie Filmheld Tom Hanks in «Cast Away» zu seinem «Wilson». Am 6. Dezember landet der 25-Jährige als Drittplatzierter der prestigeträchtigen Minitransat (siehe Box) in einem Hafen der Karibikinsel Guadeloupe. Die Sonne scheint ihm ins braungebrannte Gesicht, im leichten Hemd steuert er seine 6,50 Meter lange Vertraute der vergangenen Wochen über die Ziellinie. Mittlerweile hat ihn der graue Alltag eingeholt. Buchstäblich, als er an diesem Winternachmittag zum Gespräch in Oberengstringen eintrifft. Der Teint des drahtigen Limmattalers ist verblasst, Koster trägt ein dickes Holzfällerhemd.

Kilos und Kraft verloren

Nachdem er während der Regatta vier Kilogramm Gewicht und eine Menge Kraft verloren hatte, ist er mittlerweile wieder auf seinen standardmässigen 80 Kilogramm. Und er ist unruhig: Seit Guadeloupe ist er nicht mehr gesegelt, eine Ewigkeit für einen erfahrenen Skipper. «Mir fehlt die Aktivität draussen. Ich kann nicht tagelang hinter dem PC sitzen.» Skitouren sorgen von Zeit zu Zeit für Abhilfe. Doch Koster hat sich selbst zum Innendienst verdonnert. Die Planungen für ein nächstes Projekt laufen, er will die mediale Aufmerksamkeit nutzen, die ihm dank seiner jüngsten Leistung auf dem Atlantik zuteil wurde. Er strebt nach einer grösseren Herausforderung; einem grösseren Schiff, grösseren Regatten. Dafür braucht er mehr Geld als bei seinem letzten Abenteuer, das fast 100 000 Franken verschlang.

Ein undurchsichtiges Dickicht

Auf der Suche nach Unterstützern teilt Koster das Los vieler Spartensportler: Sie können die eigene Faszination nicht an den Mann bringen. Segeln ist für Aussenstehende ein undurchsichtiges Dickicht von Klassen und Wettbewerben. Wer wusste vor zwei Monaten schon, dass es die Minitransat gibt? Ausserdem liegt der Alinghi-Hype schon Jahre zurück. Koster erwähnt zudem eine Mentalitätshürde: «In der Schweiz werde ich gefragt, wann ich wieder arbeiten gehe oder was mir das bringt. Im Ausland hingegen ist das Segeln ein anerkannter Job und wird nicht hinterfragt.» Der in England ausgebildete Skipper hofft, durch Vorträge und Kontaktpflege mehr Supporter zu gewinnen, damit er im kommenden Jahr ein neues Grossprojekt verwirklichen kann. Der gelernte Elektroniker arbeitet zurzeit nicht, Anfang März hat er – wie schon die vergangenen Jahre – ein Engagement als Kapitän auf einem Privatboot.

Prüfung für Geist und Körper

Die Erinnerung an die mehr als drei Wochen allein auf hoher See lassen den Limmattaler nicht los. Es war eine Prüfung für Körper und Geist. Koster schlief in Etappen à zehn Minuten. Erst zu Hause, acht Tage nach der Zieleinfahrt, konnte er wieder länger als vier Stunden am Stück schlafen. Sein Schlafverhalten sei denn auch einer der Punkte, von denen er auch zu Hause profitiert: «Ich weiss jetzt, dass ich am besten einschlafe, wenn ich am frühen Nachmittag oder zwischen 20 und 23 Uhr schlafen gehe. Zwischen 2 und 3 Uhr muss ich es gar nicht erst probieren.»

Plötzlich halluziniert

In der ersten Zeit zu Hause kam es vor, dass Koster aus dem Schlaf aufschreckte, in der Meinung, auf dem Schiff zu sein und den Wecker überhört zu haben. «Ich musste mir zuerst klar darüber werden, wo ich bin.» Auch während der Regatta habe er manchmal Mühe gehabt, sich im ersten Moment zu orientieren. Wenn er übermüdet war, begann er zu halluzinieren. «Ich sah Fischerboote, wo es keine gab, und hörte Leute rufen oder pfeifen.»

Sein Stoffwechsel habe indes nicht unter den Extrembedingungen gelitten. Während der Atlantiküberquerung ernährte er sich vorwiegend von gefriergetrockneter Nahrung, wie er es schon von früheren Regatten kannte. «Problematisch wird es nur, wenn man nicht genug Wasser nimmt zum Anrühren, dann kann es zu Verstopfungen führen.» Davon wurde Koster verschont, die Toilette – ein Eimer diente ihm als Klo – bereitete ihm keine Mühe. Und nach der Ankunft in der Karibik war ein grosses Steak Beweis genug, dass er gewohnte Nahrung auf Anhieb wieder verträgt.

Mehr Schokolade und Trockenfleisch

Während er gut auf Gefriegetrocknetes verzichten kann, führen ihn Sehnsucht und sportlicher Ehrgeiz gedanklich immer wieder zurück in sein selbst zusammengebautes Boot. Die Leere, die er nach der Verwirklichung des zwei Jahre währenden Projekts verspürt, beschäftigt Koster. Manchmal studiere er an gewissen Situationen herum und schaue auf dem Tracker nochmals nach, wo er «Mist gebaut» habe. Oder er stellt sich vor, wie er «wie in einem Geigenkasten» liegend unter Deck horchte, ob er zwischen dem Tosen der Wellen und Pfeifen des Windes ein ungewohntes Geräusch vernahm, das auf einen Defekt schliessen lässt.

Koster hat auch darüber nachgedacht, was er das nächste Mal besser machen würde. «Ich würde auf das Wetter bezogen nicht mehr an einstudierten Abläufen festhalten, denn es ist immer etwas anders als geplant. Ausserdem würde ich mehr Schokolade und Trockenfleisch mitnehmen. Das hebt die Moral in kritischen Situationen ungemein.»

Box. Die Minitransat

Die Minitransat ist die längste Regatta für Einhandsegler. Die Austragung im vergangenen Herbst führte über rund 7000 Kilometer von Sada (Nordspanien) nach Guadeloupe in der Karibik. Simon Koster (siehe Hauptartikel) belegte in einer Zeit von 23 Tagen und 11 Stunden Rang drei hinter Aymeric Belloir (Fr) und der Genferin Justine Mettraux, mit der zusammen sich der Limmattaler zwei Jahre lang auf die Regatta vorbereitet hatte. (bier)