Seit Juni ist der bald 30-Jährige beim russischen Grossklub Spartak Moskau als Rehabilitations- und Konditionstrainer angestellt. «Ich arbeite mit den verletzten Spielern an ihren Defiziten in Sachen Ausdauer, Kraft und Kondition und führe sie wieder zum Team zurück», beschreibt er eines seiner vielen Aufgabenfelder.

Der Schönenwerder ist Medizinischer Masseur und Physiotherapeut, arbeitete in der Hirslanden Klinik in Zürich, ehe er 2009 zum Medical Staff der Grasshoppers wechselte. Gülen war nicht nur Chef-Physio des GCZ-Nachwuchses, sondern half auch bei der Betreuung der Super-League-Spieler mit. «Ich liebe meinen Job», sagt er, «ich besuche immer wieder Kurse und lese auch in meiner Freizeit viel Fachliteratur, um mich weiterzubilden und weiterzuentwickeln.» Gülens Chef bei Spartak Moskau ist Trainer Murat Yakin. Der 40-jährige Basler war es auch, der den Schönenwerder nach Russland gelotst hat.

Wichtiger Kontakt

Ein überraschendes Angebot: «Es lief sehr kurzfristig ab», schildert Gülen, «innerhalb von zwei, drei Tagen habe ich meine Sachen gepackt und mich auf das Abenteuer eingelassen.» Yakin lernte er vor ein paar Jahren in der Türkei kennen, als dieser als Chefcoach mit seinem damaligen Verein, dem FC Thun, im Trainingslager weilte. Die beiden hielten den Kontakt aufrecht und arbeiten bei Spartak nun erstmals zusammen: «Muri ist ein hervorragender Chef und ein sehr verständnisvoller Mensch. Er hat immer ein offenes Ohr und privat kann man es auch sehr lustig haben mit ihm.»

«Der Winter kann kommen»

Seit rund drei Monaten lebt Gülen mittlerweile in Moskau – im Trainingscamp von Spartak. «Ich bin am Russischlernen, doch ohne Dolmetscher geht im Moment noch nicht viel», spricht er die Tücken an. «Und Schreiben ist noch schwieriger, mehr als meine Initialen habe ich nicht drauf.» Einen Kulturschock habe er nach seinem Umzug nicht erlebt. Was ihn vor allem beeindruckt hat an seiner neuen Heimat, ist der Stau auf den vollgestopften Strassen von Moskau: «Es ist wahnsinnig! Für eine Strecke von dreissig Kilometern braucht man teilweise zwei bis drei Stunden.»

Perfekt ausgerüstet

Moskau beschreibt er als teure Stadt und die Russen als eher distanziert. «Sie brauchen eine gewisse Zeit, um sich zu öffnen», sagt Gülen. Doch mehr beschäftigt ihn der nahende Winter. «Ich war schon einmal im Winter in Moskau. Damals habe ich mich gefragt, wie sich das jemand freiwillig antun kann.» Der ganze Staff sei aber perfekt ausgerüstet und umsorgt und der Winter könne kommen.

Spartak Moskau, in der letzten Saison auf dem 6. Schlussrang, ist ansprechend in die Saison gestartet: Nach neun Spielen hat das Team 17 Punkte auf dem Konto und liegt damit auf dem 7. Platz. «Eigentlich war der Start gut», sagt Gülen ab, «wir haben die Derbys gegen Dynamo und ZSKA Moskau gewonnen – für die Fans ist dies das Wichtigste – und sind das einzige Team, das auch Zenit St. Petersburg einen Punkt abknöpfen konnte.»

Wird auf der Strasse erkannt

Und was vermisst er von der Schweiz? «Die Gemütlichkeit.» In Russland seien die Dimensionen viel grösser und alles laufe verrückter ab: Belagerungen des Hotels durch die Fans oder eine Polizeieskorte für den Teamcar nennt er als Beispiele. Sogar auf der Strasse werde er erkannt.

Gülens Familie lebt noch immer in Schönenwerd. «Wenn wir mal ein paar Tage freibekommen, fliege ich spontan in die Schweiz», sagt er. Wie diese Woche. Doch auch in seinen Ferien dreht sich fast alles um den Sport: Am letzten Sonntag besuchte er das Spiel seines Bruders, der für den FC Dulliken in der 2. Liga inter spielt, am Mittwoch war er in Basel am Champions-League-Spiel und gestern stand – zusammen mit Murat Yakin – der Besuch der Sportnacht in Davos auf dem Programm. Ehe es zurück in die neue Heimat Moskau ging.