«Wir waren überwältigt, wie viele Leute extra auf uns warteten», sagt Chris Baltisberger, der zurzeit in den wohlverdienten Ferien weilt. Der Stürmer gehört zu den 25 Eishockey-Nationalspielern, die am vergangenen Montag am Flughafen in Kloten von einer riesigen Fanschar frenetisch empfangen wurden. Verständlich, hatte die Nati doch von der Weltmeisterschaft in Dänemark die Silbermedaille mitgebracht. «Spätestens dort haben wir realisiert, was wir als Mannschaft Grosses geleistet haben», sagt Baltisberger. Denn im hohen Norden bekam die Mannschaft kaum etwas von den mitfiebernden Fans in der Heimat mit.

Bei dem grossen Erfolg hatte auch der EHC Urdorf indirekt seine Finger im Spiel. Denn Baltisberger und Verteidiger Dean Kukan lernten in ihrer Kindheit gemeinsam bei den Stieren das Eishockeyspielen. Beide spielten sogar in der gleichen Mannschaft, obwohl Kukan zwei Jahre jünger ist.

Baltisberger erinnert sich gerne an die Zeit auf der Kunsteisbahn Weihermatt zurück: «Ich fühle mich dem EHC Urdorf immer noch verbunden», sagt der Oberengstringer, der zu Hause noch ein Trikot aus Kindestagen aufbewahrt. «Schon damals haben wir das Talent der beiden erkannt», erinnert sich Peter Altorfer, ehemaliger Sportchef des EHC Urdorf. Aber dass es gleich bis in die Nati reichen würde, sei noch nicht abzusehen gewesen. «In dem Alter gibt es viele talentierte Spieler. Aber man darf nie aufhören, Fortschritte zu machen», so Altorfer.

Geteiltes Glück mit Bruder

Baltisberger und Kukan machten weiter Fortschritte. Die beiden talentierten Spieler zog es weiter zur Jugendabteilung der ZSC Lions. Dort trennten sich ihre Wege. Nach Einsätzen bei den GCK Lions, dem Farmteam des ZSC, erkämpfte sich der 26-jährige Baltisberger einen Stammplatz in Zürich.

2012 gewann er mit den Löwen in seinem Durchbruchsjahr gleich seine erste Meisterschaft. Vergangene Saison erzielte er 17 Tore und 16 Assists in 67 Einsätzen für die Zürcher. Im April durfte er bereits zum dritten Mal die Meistertrophäe in die Höhe stemmen.

Dieser Titel wird ihm noch lange in Erinnerung bleiben, weil der Name eines weiteren ZSC-Leistungsträgers Phil Baltisberger lautet. «Es war ein schönes und aussergewöhnliches Erlebnis, die Meisterschaft zusammen mit meinem Bruder feiern zu dürfen», sagt Chris Baltisberger.

Auch für die Familie sei es eine schöne Bestätigung, denn ihre Eltern und beide Schwestern hätten viele Opfer gebracht für die Eishockey-Karrierepläne der Brüder. «Wir haben so lange zusammen auf dieses Ziel hingearbeitet», sagt er. Schon in der Kindheit seien sie beim Spielen in die Rollen von Hockeygrössen geschlüpft und hätten sich vorgestellt, in den grossen Arenen wie dem Hallenstadion zu spielen. Der vier Jahre jüngere Bruder Phil, der genau wie Chris beim EHC Urdorf seine ersten Schritte auf dem Eis machte, hat sich seit 2015 ebenfalls beim ZSC etabliert und bereits einige Einsätze für die Nationalmannschaft absolviert.

Der 24-jährige Kukan brach vor sieben Jahren nach Schweden auf – nach nur zwei Partien für die erste Mannschaft der Zürcher. In Lulea reifte er zum starken Verteidiger und arbeitete auf seinen Traum vom anderen Ende des Atlantiks hin. Obwohl er beim NHL-Draft leer ausging, wurde er 2015 von den Columbus Blue Jackets verpflichtet. Im amerikanischen Ohio musste Kukan sich zuerst in der American Hockey League (AHL) bei den Lake Erie Monsters (heute Cleveland Monsters), dem Farmteam der Blue Jackets, seine Sporen verdienen.

In seinem ersten Jahr wurden die Monsters prompt AHL-Meister. Diese Saison kam er in der NHL elf Mal zum Einsatz und erzielte seine ersten vier Scorerpunkte in der besten Liga der Welt.

Unvergleichbarer Teamgeist

In Dänemark trafen Baltisberger und Kukan im Nationaldress erstmals an einem grossen Turnier aufeinander. «Wir haben ab und zu über unsere gemeinsame Zeit in Urdorf gewitzelt», sagt Baltisberger. Während Kukan sein viertes WM-Aufgebot erhielt, war es für Baltisberger eine Premiere. Er erinnert sich: Als ihm seine Cousins, selbst regelmässige WM-Besucher, früher mal gesagt hätten, dass sie ihm dann irgendwann selbst auf dem Eis zusehen werden, habe er nur abgewinkt.

Baltisberger war in Dänemark von Beginn weg optimistisch für das Turnier: «Wir hatten als Mannschaft eine vertraute, harmonische Stimmung und einen starken Teamgeist.» Das äusserte sich auch in der Garderobe, wo die Teamkollegen begleitet von rhythmischem Klatschen gemeinsam zwei Songs hörten, um sich auf die Spiele einzuschwören. Wegen der offenen Garderoben hätten auch die Gegner jeweils die grossartige Stimmung und das Selbstvertrauen der Schweizer mitbekommen, sagt er.

Als die Mannschaft für den Viertelfinal von Kopenhagen nach Herning reisen musste, sei allen klar gewesen: «Wir wollen unbedingt zurück nach Kopenhagen», sagt er. Mit dieser Entschlossenheit stiegen die Schweizer in den Viertelfinal gegen Finnland und gewannen mit einer sensationellen Leistung 3:2. «Danach wussten wir, dass wir alle schlagen können», so Baltisberger weiter.

Glückwünsche der Nachbarn

Trotz aller Freude über das Geleistete: Nach dem letzten verschossenen Penalty im Finale herrschte bei Spielern und Fans am vergangenen Sonntagabend zunächst grosse Ernüchterung ob der denkbar knappen Niederlage. «Das war ein Hitchcock-Final», sagt Peter Altorfer, der zum Viertelfinal aus den Ferien zurückgekehrt war und den unglaublichen Lauf der Schweizer mit grossem Interesse vor dem Fernseher verfolgte. Die Enttäuschung ist aber schnell dem Stolz auf die Silbermedaille gewichen. «Sogar meine Nachbarn, die sich nicht für Eishockey interessieren, haben mir gratuliert», sagt Baltisberger gerührt. Da habe er gedacht: «Wow, das hat also wirklich fast die ganze Schweiz mitverfolgt.»

Auch Gemeinderat freut sich

In Urdorf ist die Freude über den Erfolg nicht nur beim EHC gross: «Einerseits freut es mich persönlich sehr, dass die Schweiz Silber gewonnen hat. Und andererseits, dass ein Teil dieses Erfolges auf Urdorfer Boden entstanden ist, freut mich – und natürlich auch den Gemeinderat – doppelt», sagt der Urdorfer Liegenschaften- und Sportbetriebevorstand Roland Stämpfli. Zudem sei es eine weitere Bestätigung, dass sich die vielen Urdorfer Vereine auch aktiv für den Nachwuchs und damit für unsere Zukunft einsetzen würden.

Altorfer, mittlerweile Ehrenmitglied bei den Stieren, hat den Werdegang der beiden Natispieler nicht erst seit der WM genauer verfolgt. «Es erfüllt mich ein wenig mit Stolz, dass wir einen Beitrag leisten konnten zur erfolgreichen Karriere der beiden.» Nur um gleich zu betonen, dass zwischen den ersten Erfahrungen auf dem Eis bis zum gemeinsamen WM-Einsatz viele verschiedene Trainer und Vorbilder wichtige Arbeit für den Erfolg der ehemaligen Urdorfer geleistet haben.

Erfreuliche Eishockey-Nachrichten sind in der Gemeinde zurzeit sehr willkommen. Nachdem die erste Mannschaft im März den enttäuschenden Abstieg in die dritte Liga verkraften musste, müssen die Urdorfer sich nächste Saison erst mal wieder fangen. Trainer André Wismer kündigte vor zwei Monaten bereits an, dass man wieder vermehrt auf Junioren setzen werde. Und die Erfolge von Baltisberger und Kukan zeigen, dass man von der Weihermatt aus eine grosse Eishockeykarriere lancieren kann.