Blick über die Bezirksgrenze
Von der Nummer 3 der Stadt zur Nummer 3 des Quartiers

Wir wagen einen Blick über die Bezirksgrenze und zeigen, wie der FC Altstetten in 18 Jahren vom Aufstiegskandidaten in die NLB zum Drittligisten wurde.

Fabian Sanginés
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Das grosse GC mit Nestor Subiat, Philipp Walker und Boris Smiljanic (v. r.) betritt 1997 die Buchlern und gewinnt mit 6:0.

Das grosse GC mit Nestor Subiat, Philipp Walker und Boris Smiljanic (v. r.) betritt 1997 die Buchlern und gewinnt mit 6:0.

ZVG

Knapp 18 Jahre ist es her, als der FC Altstetten, der Stolz des Kreises 9 der Stadt Zürich, kurz vor dem Aufstieg in die Nationalliga B war. Obwohl der FCA gegen Bellinzona ein Tor zu viel kassierte (1:1 und 0:1) war man zufrieden auf der Sportanlage Buchlern. Nur der FC Zürich und das damals grosse GC waren die besseren Teams in der grössten Stadt der Schweiz. Richi Berger, von 1977 bis 2000 Spiko-Präsident und in den 90er-Jahren sechs Jahre Vereinspräsident, erinnert sich: «Es waren sehr schöne Zeiten. Die erste Mannschaft hat uns viel Freude bereitet und auch Anlässe wie das Buchlerenfest oder das Cupspiel bei uns gegen das damals grosse GC waren immer ein grosser Erfolg.» Die Verbundenheit des Quartiers zum Verein war grossartig, denn «wir haben immer wieder etwas gemacht, das ist heute nicht mehr so», kann sich Berger einen kleinen Seitenhieb an die heutige Vereinsführung nicht verkneifen.

Nähe zur Bevölkerung

Auch Stefan Lerchmüller, der 1992 vom FC Baden zu Altstetten gewechselt ist, schwärmt von den goldenen Neunzigern im Stadtzürcher Quartier. «Auch wenn die meisten Spieler Auswärtige waren, hatten wir einen tollen Teamgeist und eine unvergleichliche Nähe zu den Zuschauern. Es war richtig heimelig», blickt «Steffi», heute Trainer der 3. Mannschaft des FC Dietikon (4. Liga), mit einem Schuss Wehmut zurück. Der ehemals begnadete Fussballer erinnert sich auch an die Aufstiegsspiele gegen Chiasso und Bellinzona. «Es war beide Jahre sehr eng. Besonders im zweiten Jahr hätten wir in Bellinzona den Sieg verdient gehabt. Am Schluss hat das Glück und der heutige Natitrainer Vladimir Petkovic als Spieler den Unterschied für die Tessiner ausgemacht», so Lerchmüller, der in Bellinzona aufgrund einer Bänderoperation sein letztes Spiel für den FCA gemacht hat.

Es verwundert wenig, dass Lerchmüller den damaligen Präsidenten und Sportchef Richi Berger als Baumeister des Erfolges nennt: «Richi hat eine Arbeit geleistet, die nicht nur im Amateurfussball seinesgleichen sucht. Ich mochte seine ehrliche und direkte Art.» Eine Art, die aber nicht bei allen gut angekommen ist. «Im Verein hatte er einige Gegner, das spürten wir immer wieder. Doch der Erfolg gab ihm lange Zeit recht», stellt sich Lerchmüller vor das ehemalige FCA-Oberhaupt und ergänzt «man sieht ja, was nach Richis Abgang beim FC Altstetten passiert ist.»

No Berger no Party

In der Tat war Bergers Ablösung zur Jahrtausendwende («Ich war froh, musste ich nicht mehr», sagt Berger dazu salopp) wohl der Anfang vom Ende des Altstetter 1.-Liga-Fussballs. Dies mag Stephan Imoberdorf, heutiger Sportchef des FC Altstetten, weder bestätigen noch dementieren. Mit gemischten Gefühlen spricht Imoberdorf über die Vergangenheit: «Der Verein hat lange Zeit über seine Verhältnisse gelebt. Dies wussten die meisten, aber in Anbetracht des Erfolges war es wohl allen egal.» Berger erwähnt der FCA-Sportchef nicht namentlich, wenn er sagt: «Der Verein war auf ein, zwei Schultern verteilt, so etwas ist einfach nie gesund.» Die «zweite Schulter» dürfte der inzwischen verstorbene Bobby E. Weiersmüller sein. Der ehemalige Kassier war für seine grosszügigen Spenden bekannt und «stopfte finanzielle Löcher, ohne zu hinterfragen», wie es Imoberdorf ausdrückt.

Als auch Weiersmüller und finanzkräftige Sponsoren wie die Emil Frey AG zu Beginn der Ära «post Richi Berger» den Geldhahn nach und nach zudrehten, war es um das sportliche Aushängeschild des Zürcher Kreis 9 geschehen. Ob es zusätzlich daran gelegen hat, dass «Spieler geholt wurden, mit denen sich die Bevölkerung nicht identifizieren konnte» (Lerchmüller) oder «das Fundament in Form von Nachwuchsspieler nicht vorhanden war» (Imoberdorf), daran scheiden sich heute die Geister. Wie so oft dürfte die Wahrheit in der Mitte liegen.

Abstieg und drohender Konkurs

Als Konsequenz folgte 2006 nach 16 Jahren der Abstieg aus der 1. Liga. Nach zwei weiteren Relegationen bis in die 3. Liga, schien der Verein im Sommer 2009 am Ende – auch finanziell. «Wir hatten keinen Franken mehr in der Kasse», sagt Ur-Altstetter und FCA-Präsident Reini Schorno und sein Sportchef fügt an «Schlimmer noch: Wir hatten über 30 000 Franken Schulden.» Der Verein war kurz vor dem Konkurs, bis ein neuer Vorstand mit Schorno an der Spitze in die Bresche sprang und das Ruder beim Quartierklub übernahm. «Dank viel Einsatz des Vorstandes sowie Goodwill von einigen Gläubigern konnten wir den Konkurs des Vereins gerade noch abwenden – das wäre eine Katastrophe auch für das Quartier gewesen.»

Ziel: 2. Liga

Heute steht der Verein gemäss Schorno auf gesunden Beinen. Trotz eines zwischenzeitlichen Besuchs in der 2. Liga (siehe Zahlen und Fakten nebenan) und Cupgewinn kickt die erste Mannschaft im Niemandsland der dritten Liga. Auf der Sportanlage Buchlern, wo der FC Altstetten in den letzte acht Jahren von der 1. bis 3. Liga alles gespielt hat, ist man sportlich hinter United Zürich und Kosova nur noch die Nummer drei. «Uns fehlen die Qualität und das Know-how im Nachwuchsbereich, um wieder erfolgreiche Jugendmannschaften hervorzubringen. Daran arbeiten wir, damit der FC Altstetten in den nächsten 4 bis 5 Jahren wieder aufsteigen kann.» Denn bei allen Unstimmigkeiten zwischen ehemaligen und aktuellen Altstettern, in einem Punkt sind sich alle einig: «Der FC Altstetten gehört sicher in die 2. Liga!» Von der 1. Liga oder sogar Challenge League wagt indes niemand mehr zu träumen.

In der in loser Folge erscheinenden Rubrik «Blick über die Bezirksgrenze» stellt die LiZ-Sportredaktion Sportler und Vereine aus der Nachbarschaft vor.