Fussball
Völlig entfesselt von der eigenen Geschäftsidee

Der frühere Trainer Laurent Fessel hat als Organisator von Trainingslagern sein Hobby endgültig zum Beruf gemacht. In der Super League ist er angekommen. Ziel ist aber die Champions League.

Raphael Biermayr
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Aus einem Schlieremer Bürokomplex heraus verkauft Laurent Fessel den Vereinen die Welt – oder wenigstens Teile davon.bier

Aus einem Schlieremer Bürokomplex heraus verkauft Laurent Fessel den Vereinen die Welt – oder wenigstens Teile davon.bier

Es riecht wie in einem Kopierraum, Bildschirme flirren, vor einigen sitzen geschäftig agierende Menschen. Einer ist Laurent Fessel, der gerade mit «Andrea» telefoniert. «Er wollte kein Freundschaftsspiel, nicht wahr? Alles klar, bis später.» Seit 2009 arbeitet er vollberuflich als Organisator von Trainingslagern, mittlerweile hat er zwei ständige Mitarbeiter angestellt. Fessels SportAgencyOne gmbh ist nach Angaben des Firmengründers der Schweizer Marktführer im Bereich Fussballtrainingslager im Winter. 150 Teams hat er in diesem Jahr untergebracht, 2009 waren es weniger als die Hälfte.

Der Umsatz der Firma liegt bei 1,3 Millionen Franken – für die vier Monate, in denen das Geschäft boomt. Finanziell stehen andere Anbieter besser da, «Profiklubs sind lukrativer», erklärt Fessel, der sechs Jahre lang seine Agentur im Nebenberuf zu Hause in Oberengstringen betreute.

Zwei Grossvereine als Kunden

Zwei Grossvereine hätten sich ihm mittlerweile auch angeschlossen, erzählt der 45-Jährige. Er darf im kommenden Jahr die Trainingslager der U-Mannschaften organisieren. Einen Namen gibt er nicht preis, der Markt sei umkämpft. «Ich spiele momentan in der Super League, sobald es um Profivereine geht, heisst es Champions League.» Das bedeute vor allem, sich keinen Fehler erlauben zu dürfen. ««Wenn der Rasen einen Millimeter zu wenig geschnitten ist, kann das schon das Aus bedeuten», erklärt Fessel.

Innert 48 Stunden ein Konzept

Seine frühere Trainertätigkeit – unter anderem in Engstringen und Birmensdorf – habe ihn zu dieser Geschäftsidee gebracht. Beziehungsweise der Ärger, wenn etwas nicht klappte in fremden Gefilden. Und als ihn seine Frau während eines Urlaubs an ihrem Herkunftsort Gardasee fragte, was er tun würde, sollten sie dereinst dahin auswandern, sagte er: «Etwas mit Fussball. Ich verfolgte den Gedanken und arbeitete innert 48 Stunden ein Konzept aus.» Der Startschuss zu seiner neuen Berufslaufbahn.

Verschiedene Anlagen in der Region Gardasee bilden sein Stammgebiet, mittlerweile bietet er auch Trainingslager in Mailand sowie Orten in Spanien, Tunesien und Türkei an. Für das Foto posiert er mit der Weltkarte unter dem Arm – so gross soll es aber nicht sein. «Ich garantiere, alle meine Destinationen persönlich zu kennen und darüber fundiert Auskunft geben zu können.» Frei nach einem Babynahrungshersteller also: Dafür steht Laurent Fessel mit seinem Namen. Und sein Name hat Gewicht. So sei er in Norditalien ein Tourismusförderer geworden, in den tristen Monaten vor dem Sommer. Wenn er darlegt, wie er einen Hotelbesitzer zum Bau von vier zusätzlichen Fussballplätzen überzeugt hat, tut er das mit einem gewissen Stolz.

Verlangt mehr, bietet aber auch mehr

Ein energisches «So!» zu Beginn jedes Satzes verdeutlicht seine Überzeugung. Mit der Gestaltung der Homepage hat Fessel neue Massstäbe gesetzt. «Ich will nicht kopieren, sondern kopiert werden», stellt er klar. Als Gegenleistung für das Einquartieren von Kunden erwartet Fessel nicht nur Investitionen in die Infrastruktur, sondern auch ein Exklusivrecht für Schweizer Vereine. Der Grund dafür scheint: Er scheut einen Preiskampf. Er sagt dazu: «Ich verlange mehr, aber ich biete auch mehr.»

Fessel weiss um das negative Bild von Trainingslagern in der Öffentlichkeit. «Sie dienen im Breitensport in erster Linie dem Teambuilding», sagt er. Das heisst auch: dem Ausgang. Übermässiger Alkoholkonsum stehe am Anfang der meisten Probleme mit heranwachsenden oder erwachsenen Breitensportlern, dazu komme das überschäumende Testosteron. «Die Regeln sind klar: Wer kotzt, putzt selber, wer jemanden aufs Zimmer nimmt, stellt das Bett weg von der Wand».

Escortservice ist kein Problem

Das habe auch zu seiner Zeit als Trainer gegolten. «Wenn jeder die Termine eingehalten hat, gab es keine Probleme mit mir.» Die gab es hingegen, als Stühle aus dem Fenster flogen. Oder als ein Fahrrad im Gardasee landete, woraufhin der Fahrer floh und erst Stunden später wieder zurückkehrte. «Ich bin nicht der Erziehungsberechtigte, aber ich sorge mich um das Wohl meiner Kunden», erklärt Fessel. So sehr, dass sein Rundumservice auf Wunsch auch den Eintrag in die Gästeliste populärer Clubs oder der Anruf bei einem Escortservice umfassen kann.

«Es gibt nichts, das nicht möglich ist», nennt Fessel sein Credo. Er möchte betonen, dass es im Allgemeinen kaum Probleme oder ausgefallene Wünsche gibt, «schliesslich sind die meisten Teams aus dem Nachwuchs». Er selbst will nicht mehr Trainer sein. «Mir fehlt einfach die Zeit dazu.» Dennoch ist er häufig auf den Sportplätzen der Region anzutreffen, zumeist in Begleitung seiner beiden kleinen Söhne. «Eine neue Erfahrung, die ich geniesse», schildert Fessel, ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Er wirkt gelassener denn als Trainer.