Limmattaler Sport

Uitiker taucht aus 20 Metern Höhe und mit 85 km/h ins Wasser

Der Uitiker Matthias Appenzeller trifft an den Red Bull Cliff Diving World Series auf internationale Klippenspringergrössen.

Standen Sie schon einmal auf dem Dach eines zehnstöckigen Hauses? Genau aus etwa dieser Höhe, also 27 Metern, wird der gebürtige Uitiker Matthias Appenzeller am 4. und 5. August an der Red Bull Cliff Diving Weltmeisterschaft in Sisikon in den Urnersee springen. Und das mit einer Geschwindigkeit von 85 Kilometern pro Stunde. Nicht schlecht, oder? Doch bevor es so weit ist, wird der Jurastudent in ein Trainingslager gehen und an seinen Sprüngen feilen.

«Ich bin üblicherweise 20 Meter vom Wasser entfernt. Dann beträgt die Fallgeschwindigkeit 60 Kilometer pro Stunde», sagt Appenzeller, der heute in Rupperswil lebt. Er sei natürlich schon einige Male aus 27 Meter Höhe gesprungen. «Ich muss bei jeder Klippe immer neu berechnen, wie schnell das Wasser schon da sein wird, und mit welchem Winkel ich eintauchen muss.»
Oft würden die Höhenangaben auch nicht exakt stimmen, weshalb er sich auch an mögliche 26 oder 28 Meter anpassen müsse, sagt Appenzeller. Die Sportler würden auch nicht direkt von der Klippe springen: «Am Fels ist immer eine stabile Plattform angebracht, was Sprünge mit Höchstschwierigkeit erlaubt.» Je nach Situation sei diese Absprungfläche manchmal auch an einem etwa vier Meter hohen Gerüst montiert.

Die 27-Meter-Sprünge könne man als Neuling vielleicht drei Mal am Tag machen. «Der Sprung ist eine starke Belastung für den Körper. Ich bin mit einer enormen Geschwindigkeit unterwegs und bremse beim Eintauchen innerhalb von etwa vier Metern auf null ab», sagt Appenzeller. Irgendwann habe man genug, und es wäre nicht vorteilhaft, den Körper weiter zu belasten, weil die Qualität der Sprünge nachlasse. «Die Verletzungsgefahr steigt natürlich auch.» Mit der Routine könne sich der Körper an diese Belastung gewöhnen und die Zahl der Sprünge vermehre sich.

Er begann mit sieben Jahren

Eröffnet wurde die diesjährige Wettkampfsaison in Kreta. «Ich habe letztes Wochenende in Agios Nikolaos die Belastungsfähigkeit meiner Beinmuskulatur wirklich ausgereizt», sagt Appenzeller und zeigt dabei auf seine getapten Knie. Er sei jedoch gespannt auf das Trainingslager und die Weltmeisterschaft. Er springt, seit er sieben Jahre alt ist. Als 19-Jähriger hörte er mit dem professionellen Turmspringen auf. «Es war schwierig, Profisport, Zwischenjahr, Studium und Arbeit unter einen Hut zu bringen.»

Doch statt seine Springerkarriere ganz zu beenden, stieg Appenzeller auf Klippenspringen um. «Natürlich kann nicht jeder mit diesem Sport einfach so beginnen. Ich bin in da hineingewachsen», sagt er. Man brauche gewisse Voraussetzungen: Stabilität, Koordination, Belastbarkeit, Körperspannung, Muskeln und die Technik eines Turm- oder mindestens eines Trampolinspringers. «Auch Mut und Vorstellungskraft sind gefragt», so Appenzeller. Gerade weil der Körper durch die hohe Belastung an seine Grenzen komme, müssten die Sportler ihre Sprünge oft mental trainieren.

Was geht Appenzeller durch den Kopf, wenn er sich auf der Plattform befindet und er kurz vor dem Sprung vor Tausenden von Zuschauern steht? «Ich gehe in einen Tunnel, blende alles aus und konzentriere mich.» Er visualisiere die einzelnen Teile seines Sprungs im Kopf und überlege, worauf er achten müsse. «Das ist bei einem Event wie den Red Bull Cliff Diving World Series ein neues Erlebnis», sagt er. Klippenspringen sei dann nicht bloss ein Sport. «Es ist eine Show, ein richtiges Spektakel.» Man müsse sich dessen bewusst sein.

Nie zuvor hat er an dieser Weltserie teilgenommen. Jetzt wird er gar als einziger Schweizer antreten. «Es wird alles neu für mich sein. Ich bin schon ein wenig nervös, aber auch voll Vorfreude.» Beim Anlass werden hauptsächlich Profisportler mitmachen. Der Neuling hatte sich für eine Wildcard beworben und prompt eine Zulassung an den Wettkampf bekommen. Die Veranstalter fördern auf diese Weise die einheimischen Nachwuchssportler. «Ich werde schauen, wie es läuft, und mich nicht einschüchtern lassen. Ich denke, dass ich einen sicheren Wettkampf abliefern kann», sagt Appenzeller.

«Mein Ziel ist es nicht, immer höher zu steigen. Ich möchte lieber anspruchsvolle, filigrane Figuren machen», so Appenzeller. Am Wettkampf wird er einen dreifachen Salto vorwärts mit einer zweieinhalbfachen Schraube ausführen. «Den Schwierigkeitsgrad kann man selber wählen. Als Sportler muss man einschätzen, ob man auf das Risiko, eine schwierige Figur zu machen, eingehen will.»

Seit Mittwoch ist Appenzeller im Trainingslager. Sein Plan sei es, den Sprung nun aus 24 Meter Höhe zu üben und sich dann immer weiter nach oben zu steigern. Er will an seinem Absprung, Flug und Eintauchen arbeiten. «Wir müssen versuchen, so wenig wie möglich zu spritzen.» Der Fokus liege bei ihm jedoch bei der Ausführung der Sprünge. Da Semesterferien sind, kann sich Appenzeller voll seinem intensiven Hobby widmen. Während des Studiums versuche er, mindestens zweimal die Woche für etwa drei Stunden zu trainieren. Ihm gefällt, dass der Wettkampf in Sisikon stattfinden wird: «Ich kenne alle. Wir sind eine Art Familie.» Die Klippenspringergemeinschaft sei schliesslich keine grosse, deshalb unterstütze man sich immer.

Er hat keinen Glücksbringer

Appenzeller hat im Moment auch keinen Trainer. «Wir Springer geben uns immer gegenseitig Feedbacks. Auch wenn wir am Ende Gegner sind. Niemand wünscht dem anderen, dass der Sprung nicht sicher gelingt», sagt Appenzeller. Einen Glücksbringer für die Meisterschaften habe er jedoch nicht. Was viele aber immer dabei hätten, sei ein Tüchlein aus synthetischem Material. «Wir wollen sichergehen, dass wir trocken sind und dadurch verhindern, dass wir bei schwierigen Sprüngen ausrutschen», sagt er. Natürlich habe er auch seine Lieblingsbadehose für die Wettkämpfe an. Als Nächstes wird er am World Cup in Abu Dhabi mitmachen. «Ich möchte natürlich für das nächste Red Bull Cliff Diving wieder eine Wildcard ergattern und mich stetig verbessern.»

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