Curling
Thomas Lips hat Respekt vor der russischen Mentalität

Trainer Thomas Lips aus Urdorf trifft an der EM mit Russland auf sein ehemaliges Team aus Davos. Die Arbeit als Nationaltrainer von Skip Anna Sidorowa bereitet ihm Spass, doch Lips hat die russischen Funktionäre im Nacken.

Andreas Fretz
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Thomas Lips geht an der EM auf Trophäenjagd. Quelle Christoph Merki

Thomas Lips geht an der EM auf Trophäenjagd. Quelle Christoph Merki

Am 15. Juli stieg der Urdorfer Thomas Lips in den Flieger nach Sotschi, um sein Amt als Frauen-Nationaltrainer Russlands anzutreten. «Bei Misserfolg lande ich in Sibirien», sagte er damals mit einem Lachen. Bei allem Galgenhumor: für Lips, der kurz davor mit den Frauen um Skip Mirjam Ott Weltmeister geworden war, ging mit dem Engagement in Russland ein Traum in Erfüllung. Es war immer sein Wunsch, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Vom russischen Verband erhielt er einen Vertrag bis März 2014. Die Vorgabe: eine Olympia-Medaille in Sotschi.

Knapp fünf Monate nach seinem Amtsantritt beginnen im schwedischen Karlstad die Europameisterschaften (7.–15. Dezember). Das Team aus Russland mit Skip Anna Sidorowa holte 2011 an der Heim-EM in Moskau Bronze. Die Erwartungen an den Trainer aus der Schweiz sind entsprechend hoch. Lips Zwischenbilanz fällt «gesamthaft sehr gut aus, auch wenn nicht alles Gold ist, was glänzt», wie er sagt.

Angetan ist der Limmattaler insbesondere von den menschlichen Qualitäten seiner Mädchen. «Es sind fünf super Girls», lobt er. Sie leben für den Curlingsport, sind diszipliniert, offen für Veränderungen und bestrebt, sich stetig zu verbessern. Doch anfangs harzte das Projekt. Die ersten beiden Turniere waren ein Reinfall. Für Lips keine Überraschung: «Veränderungen brauchen Zeit», sagte er schon vor seinem Amtsantritt. Ungewiss war und ist, ob ihm die mächtigen Funktionäre Zeit für diese Veränderungen zugestehen.

Nach den ersten Misserfolgen wurden die Verbandsoberen nervös, gewannen den Eindruck, die Mädchen spielten möglicherweise gegen Lips und wollten den alten Trainer zurück. Doch diese Probleme scheinen überwunden. Beim dritten Turnier in British Columbia (Ka) gelang der Durchbruch. In der Weltrangliste (Order of Merit) sind die Russinnen derzeit das beste nicht-kanadische Team und sie führen die europäische Preisgeld-Rangliste an. «Wir haben jetzt schon mehr Punkte gesammelt als in der ganzen letzten Saison», sagt Lips. Am Turnier in Wetzikon erreichte Sidorowa am vergangenen Wochenende den dritten Platz.

Respekt hatte Lips anfangs auch vor der russischen Mentalität. Eine Sorge, die sich zumindest teilweise als unbegründet erwies: «Ich bin positiv überrascht. Die Leute sind sehr herzlich, lachen viel.» Einzig die Angst vor Fehlern sei omnipräsent. «Russen machen lieber nichts, als etwas falsch zu machen», sagt Lips.

An den Europameisterschaften trifft Lips mit Sidorowa auf sein ehemaliges Team aus Davos mit Carmen Schäfer und Janine Greiner aus der Fahrweid sowie Alina Pätz, die wie Lips aus Urdorf stammt. «Das Spiel gegen Davos ist für mich ein Spiel wie jedes andere auch», gibt sich Lips professionell. Bereits in Kanada trafen die beiden Teams aufeinander. Damals gewann Davos knapp. «Ich freue mich, wenn Davos eine EM-Medaille holt», sagt Lips, «und ich freue mich noch mehr, wenn wir uns vor ihnen platzieren. Das Schönste wäre ein Final Schweiz gegen Russland.» Doch der Sieg wird über Schweden gehen, ist der Trainer überzeugt. Lips selbst ist zufrieden, wenn seine Mädchen gut spielen. Ob das den russischen Funktionären reicht? «Die wollen Resultate sehen», weiss Lips, «wenn die Platzierung nicht ihren Vorstellungen entspricht, werden sie über die Bücher gehen.»