Skiakrobatik
Tanja Schärer setzt ihre Karriere nach dem Olympiafrust fort

Die Urdorferin Tanja Schärer hat die Enttäuschung nach dem verpassten Finaleinzug an den Olympischen Spielen in Sotschi verdaut. Nach dem verpatzten Höhepunkt steht der Entschluss für die 24-Jährige nun fest. Schärer hängt mindestens eine Saison an.

Raphael Biermayr
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Will sich noch nicht zur Ruhe setzen: Tanja Schärer posiert im Industriegebiet Dübendorf.bier

Will sich noch nicht zur Ruhe setzen: Tanja Schärer posiert im Industriegebiet Dübendorf.bier

Raphael Biermayr

Tanja Schärer, warum machen Sie weiter?

Tanja Schärer: Nachdem ich den Olympiafinal um 0,035 Punkte verpasste hatte, dachte ich mir: Das kann es nicht gewesen sein.

Im Fall einer Finalteilnahme hätten Sie Ihre Karriere beendet?

Das wäre vom Resultat abhängig gewesen. Nach der vergangenen Sommersaison dachte ich: nur noch bis zur Olympiade. Dann kam der Unfall, weshalb ich meine Saison nicht wunschgemäss abschliessen konnte. Deshalb will es nochmals versuchen.

Nach den Olympischen Spielen gingen Sie lange auf Tauchstation. Warum hat es so lange gedauert, bis Sie sich entschieden haben?

Es war schwierig. Ich sprach lange mit meinem Trainer und dem Sportpsychologen. Ich wusste nicht, ob es noch Sinn ergibt. Wegen des Unfalls zeigte ich die gleichen Sprünge wie vor vier Jahren, war also nicht weitergekommen. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt weiterkomme, ob ich schon das Maximum erreicht habe. Ich kam zum Schluss, dass noch mehr in mir steckt.

Mussten Sie sich gegen die Meinung anderer durchsetzen?

Ich geriet mit meinem Trainer aneinander und musste Überzeugungsarbeit leisten. Er meinte, es sei eigentlich himmeltraurig zu sagen, dass es keinen Sinn mehr mache. Aber ich konnte halt die neuen Sprünge nicht abrufen. Der Unfall brachte die Angst zurück, die mich schon früher gelähmt hatte. Diese Angst gilt es jetzt zu beseitigen. Wenn wir das geschafft haben, liegen auch Dreifachsalti drin.

Dachten Sie nach der Olympiade daran, von sich aus aufzuhören?

Mehrere Tage, ja. Ich überlegte mir zu Hause ernsthaft, ob ich einen Job für hundert Prozent suchen soll oder nicht. Nachdem mir einer angeboten worden war, kam ich schon ins Grübeln: Ich könnte Geld verdienen und ein richtiges Leben führen... (lacht)

Werden die Resultate ausschlaggebend sein, ob Sie nach der nächsten Saison weitermachen werden?

Das haben wir noch nicht besprochen und ich weiss es jetzt auch nicht. Ich weiss nur, dass ich nicht nochmals auf vier Jahre hinausplanen will, in Anbetracht meiner Ausbildung. Irgendwann will ich auch finanziell unabhängig sein.

Sie kündigten vor einiger Zeit an, die BMS machen zu wollen. Was ist daraus geworden?

Während der Saison zu lernen, war nicht so leicht, wie ich mir das vorgestellt hatte. Deshalb habe ich mich dieses Jahr auch noch nicht für die Prüfung angemeldet. Ich bin momentan auf Jobsuche in meinem alten Bereich als medizinische Praxisassistentin. Aber es ist schwierig, etwas zu finden nur bis im Oktober.

Warum schaffen Sie als disziplinierte Einzelathletin nicht, neben dem Training zu lernen?

Ich dachte, dass das zum Beispiel in Finnland bei all den langen Stunden nach dem Training schon gehen würde. Aber ich war oft müde und deshalb nicht sehr motiviert. Das Lernen nebenher ist nicht nur für mich schwierig. Ich habe an den Olympischen Spielen auch mit andern Athleten darüber gesprochen, denen geht es ähnlich.

Sie sind sich sicher, die BMS machen zu wollen?

Absolut. Sobald ich mich zur Prüfung angemeldet habe, weiss ich, dass ich daraufhin arbeiten muss – wie auf einen Wettkampf.

Was sagen die Sponsoren und Ihr Umfeld zu Ihrer Entscheidung, weiterzumachen?

Ich habe nach den Olympischen Spielen Zeit gebraucht und darum noch nicht mit vielen Leuten gesprochen. Das hole ich bald nach.

Nach Ihrer Verletzung im Vorfeld der Olympischen Spiele waren Sie in allen Medien präsent. Wie haben Sie das erlebt?

Es war zum wahnsinnig werden: ein so grosses Interesse, nur weil ich mich verletzt hatte. Eine Freundin, von der ich jahrelang nichts gehört hatte, schrieb, dass sie von mir im Radio gehört hatte. Dabei hatte ich gar nie etwas gegenüber einer Radiostation gesagt (lächelt). Glücklicherweise nahm die neue Presseverantwortliche von Swiss Ski das in die Hand.

Mussten Sie für sich selbst eine neue Kommunikationsstrategie zurechtlegen?

Ja. Während der Olympiade erhielt ich sehr viele Kommentare und Mitteilungen. Jeder wollte etwas von mir, auch Leute, von denen ich ewig nichts mehr gehört hatte. Ich musste das abklemmen, auch gegenüber der Limmattaler Zeitung.

Die Journalisten kämpfen natürlich für ihre Interessen.

Das verstehe ich ja. Aber mein Vater, mein Freund und sein bester Kumpel sowie meine beste Freundin und ihr Freund kamen mich vier Tage in Sotschi besuchen. Vor den Wettkämpfen wollte ich nichts mit ihnen zu tun haben, was sie verstanden. Dafür wollte ich danach die Zeit mit ihnen geniessen. Deshalb hatte ich keine Lust, mit Journalisten zu sprechen.

Es schien, als ob Sie wegen des Frusts des Ausscheidens nichts sagen wollten.

Darum ging es überhaupt nicht. Jeder meiner Besucher gab eine Menge Geld aus für die Reise, da wollte ich auch Zeit für sie haben.

Erhalten Sie genug Anerkennung für das, was Sie leisten?

Von wem?

Von aussen.

Ich fühle mich nicht wie ein Star. Kürzlich erhielt ich die Einladung, am «Urdorffäscht» am Promi-Seifenkistenrennen teilzunehmen – ich bin doch kein Promi! Ich bin froh, überall hingehen zu können, ohne erkannt zu werden. Wenn ich etwas erreicht hätte, wäre das vielleicht etwas anderes.

So wie Eishockeynationaltorhüterin Florence Schelling aus Oberengstringen, die auf allen Kanälen zu sehen ist?

Ja, die Schweizerinnen gewannen Bronze und Florence hatte als Goalie einen grossen Anteil daran. Ich gönne diesen tollen Girls diesen Erfolg von Herzen.

Und, nehmen Sie am Seifenkistenrennen in Urdorf teil?

Ja, Linda Stämpfli (Ex-Nationalmannschafts-Turnerin) kommt auch. Und ich versuche, Alina Pätz (Olympiacurlerin) noch zu überreden.