Bis wenige Minuten vor dem vereinbarten Treffen im Sportcenter Vitis in Schlieren ist Nicolas Müller dem kleinen, schwarzen Squashball nachgejagt. Eineinhalb Stunden hat er mit seiner Freundin, der australischen Profispielerin Sarah Cardwell, trainiert. Die beiden haben sich auf der Profitour kennen gelernt und sind mittlerweile seit gut einem Jahr ein Paar. Allzu oft sehen sie sich jedoch nicht, denn Müller jettet für seine Wettkämpfe rund um den Globus. Genauso verhält es sich bei seiner Freundin. Selten finden ihre Turniere zeitgleich am selben Ort statt. «Es muss nicht unbedingt schlecht sein, wenn man nicht jede freie Minute miteinander verbringt. Man kann sich auch zu oft sehen», sagt Müller schmunzelnd.

Das Interview wird im Restaurant des Centers geführt. Der 24-Jährige ist hier kein Unbekannter. Einige Gäste erkennen ihn. Müller bleibt stehen und nimmt sich Zeit für ein kurzes Gespräch. Ein Gast an der Bar klärt seine Kollegin darüber auf, wer denn der junge Mann mit der roten Squashtasche über der Schulter ist: «Weisst du, der spielt für unsere Nati-A-Mannschaft. Die sind letztes Jahr Schweizer Meister geworden.» Müller bestellt eine Apfelschorle und setzt sich zum Gespräch in eine ruhige Ecke des Lokals.

Nicolas Müller, am Donnerstag (19.30 Uhr, Vitis Center) beginnt für Schlieren die neue Interclubsaison. Zum Auftakt wartet gleich eine spezielle Begegnung auf Sie und Ihre Teamkollegen.

Nicolas Müller: Das stimmt. Gegen GC haben wir letztes Jahr den Final der Schweizer Meisterschaft nur ganz knapp gewonnen. Sie haben zwei sehr starke Ausländer auf den ersten Positionen, aber wir sind dafür hinten stark. Das wird sicher ein brisantes Duell.

Sie bestreiten die zweite Saison für Vitis Schlieren. Wieso haben Sie sich nach der Auflösung Ihres vorherigen Vereins Langnau am Albis für die Schlieremer entschieden?

Mir blieb die Wahl zwischen GC und Vitis Schlieren. Ich wechselte zu Schlieren, weil ich hier mehr persönliche Beziehungen habe. Vor allem zu Natitrainer John Williams und zu Manuel Wanner, mit dem ich seit Juniorenzeiten spiele.

Was ist für Vitis Schlieren in dieser Saison möglich?

Wenn du letztes Jahr den Titel gewonnen hast, kann nur die Titelverteidigung das Ziel sein. Das ist möglich, denn wir haben ein gutes Team, und ich werde versuchen, so viele Spiele wie möglich zu bestreiten.

In der Weltrangliste stehen Sie aktuell auf Rang 25. Wieso spielt ein Profi Ihres Kalibers in der Schweiz Interclub?

Es ist schön, in der Schweiz vor eigenem Publikum spielen zu können. Ich brauche nur eine halbe Stunde, bis ich in der Halle stehe. Sonst muss ich fünf, sechs Stunden Auto fahren oder sogar fliegen. Gleichzeitig ist es auch eine gute Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Das Niveau in der Nationalliga A ist ähnlich hoch wie in anderen europäischen Ligen. Ich treffe auf gute Gegner und kann von diesen Matches auch profitieren.

In welchen Ligen spielen Sie noch?

Diese Saison nur in Deutschland und Frankreich. Dort werde ich aber nicht regelmässig antreten. Man muss aufpassen, dass man nicht in zu vielen verschiedenen Ligen spielt, denn das Herumreisen ist sehr anstrengend und man kann nicht mehr richtig trainieren. Früher habe ich mehr gespielt. Einmal kam es sogar so weit, dass ich am Dienstag in England angetreten bin, am Mittwoch in Holland, am Donnerstag in der Schweiz, am Freitag in Deutschland, am Samstag in Frankreich und am Sonntag wieder in Deutschland. Danach war ich zwar ein reicher Mann, aber tot (lacht). Ich brauchte eine Woche, um mich zu erholen.

Das angesprochene Herumreisen ist ein fixer Bestandteil Ihres Lebens als Profisportler. In dieser Saison haben Sie bereits auf allen fünf Kontinenten Turniere bestritten und sind eben erst von einem sechswöchigen Aufenthalt in den USA und Mexiko zurückgekehrt. Wird Ihnen das Reisen nie zu viel?

Es kann schon sehr stressig werden und es zehrt an den Kräften. Aber es ist wie bei Hansdampf: Wenn ich nur zu Hause rumsitzen würde, würde ich ins Ausland wollen. Zudem kann ich als Squashprofi genau das tun, was ich unbedingt möchte, und auch das Reisen bringt viele Vorteile mit sich. Ich habe schon mit 16 Jahren mehr Länder bereist, als viele Menschen es in ihrem gesamten Leben je tun werden. Das schätze ich sehr, auch wenn ich heute nicht mehr allzu viel Zeit damit verbringe, die Länder und Städte zu besichtigen. Das tat ich jeweils beim ersten Besuch.

Squash ist eine Randsportart und die Preisgelder sind daher vergleichsweise tief. Das Organisieren der vielen Reisen dürfte aufgrund des kleinen Budgets also eine Herausforderung sein.

Ja, das ist so. Aber wenn man die richtigen Flüge und Hotels bucht, kann man viel herausholen. Mein Vater, der das für mich übernimmt, kann das super. Dennoch muss ich beim Reisen aufs Geld schauen. Oftmals teile ich mir daher das Hotelzimmer mit anderen Spielern. Das Preisgeld, das ich in den ersten Runden bekomme, reicht meist nur, um die Reisekosten zu decken. Etwas mehr verdient man erst, wenn man die grossen Turniere gewinnt.

Was heisst das konkret?

Für eine Erstrundenteilnahme gibt es 1000 oder wenns gut kommt 1500 Dollar. Diese Beträge sind fast schon lächerlich klein. Ich habe Squash also sicher nicht wegen des Geldes gewählt, sondern aus Liebe zum Sport. Auch wenn du ein grosses Turnier gewinnst, bekommst du maximal 30 000 Dollar. Dann gehörst du aber bereits zu den Top 5 der Welt. Ich bin daher auf private Unterstützung und Sponsoren angewiesen. Reich werde ich trotzdem nicht. Eine Familie könnte ich nicht ernähren.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von den astronomischen Salären anderer Spitzensportler hören? Beispielsweise einem Cristiano Ronaldo, der pro Jahr 13,5 Millionen Franken verdient.

Mir ist Geld nicht so wichtig. Dennoch ist klar, dass Fussballer viel zu viel Geld verdienen. Aber das lässt mich kalt, denn ich bin nicht glücklicher, wenn ich ein paar Franken mehr auf dem Konto habe.

In einer Randsportart wie Squash verdienen Sie nicht nur weniger, auch die Anerkennung der Öffentlichkeit fehlt weitgehend, obwohl Sie denselben Aufwand betreiben wie bekannte Sportgrössen. Nervt das?

Ja, das kommt schon mal vor. Gerade auch weil es dadurch schwierig wird, Sponsoren zu finden. Anerkennung bekomme ich aber aus meinem Umfeld und aus der Squashszene. Es hat auch seine Vorteile, wenn aus der Öffentlichkeit nicht allzu viel Aufmerksamkeit kommt.

Welche?

Ich kann normal durch die Strassen gehen und niemand erkennt mich. Das könnte ich nicht, wenn ich Roger Federer wäre. Diese Freiheit geniesse ich sehr.

Sehen Sie eine Möglichkeit, wie Squash in der breiten Öffentlichkeit vermehrt wahrgenommen werden könnte?

Das geht nur über Spitzenleistungen. Wenn man gute Resultate erzielt, dann gelangen auch Randsportarten in den Fokus. Das hat man beim Langlauf gesehen, als Dario Cologna erfolgreich wurde, oder beim Kunstturnen mit Ariella Käslin. Und ganz ehrlich, wer würde sich Skispringen anschauen, wenn es Simon Ammann nicht gäbe? (lacht) Auch ich habe diese Erfahrung gemacht. Als ich die Viertelfinals bei einem grossen Turnier in Katar erreichte, kam im Schweizer Fernsehen ein Zusammenschnitt meines Spiels und mehrere Zeitungen berichteten darüber.

Das Ziel muss also sein, in Zukunft regelmässig solche Topresultate zu erzielen?

Genau, ich möchte mein ganzes Potenzial ausschöpfen können. Was dann schlussendlich für eine Ranglistenposition rausschaut, ist nicht so wichtig. Die Top 10 möchte ich aber unbedingt knacken. Dafür habe ich noch ein paar Jahre Zeit, denn die meisten Spieler erreichen ihren Zenit erst im Alter von 29 oder 30 Jahren. Bereits jetzt kann ich an einem guten Tag praktisch alle Spieler schlagen. Lediglich die Top 4 sind noch ein wenig stärker.

Was machen diese Spieler besser?

Das sind Kleinigkeiten. Sie sind ein bisschen schneller, ein bisschen präziser und taktisch ein bisschen besser. Zudem muss ich lernen, auf dem Platz ein Arschloch zu sein (lacht). Das bin ich leider nicht, denn ich bin ein sehr ruhiger Mensch. Aber wenn du bei neun zu neun im dritten Satz ein ruhiger Mensch bist und der andere ist ein Arschloch, dann wird er dich ein wenig abdrängen und den Satz gewinnen. In diesem Bereich habe ich noch viel Luft nach oben.