Leichtathletik
Sprinter Amaru Schenkel: «US-Mentalität hat mir imponiert»

Der Grundstein für eine erfolgreiche Saison ist gelegt. Am Saisoneröffnungsmeeting in Freiburg hat der Dietiker Amaru Schenkel vom LC Zürich gleich zwei Siege über 100 und 150 Meter eingefahren. Doch Schenkel will mehr. Viel mehr.

Jonas Burch
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Amaru Schenkel will an die Olympischen Spiele. Gian Paul Lozza/ZVG

Amaru Schenkel will an die Olympischen Spiele. Gian Paul Lozza/ZVG

Amaru Schenkel, vor eineinhalb Jahren sprachen Sie offen von einem Rücktritt. Heute sind Sie fitter denn je. Wie lässt sich diese Wende erklären?

Amaru Schenkel: Ich war damals auf einem hohen Ross, trat oft arrogant auf. Im Endeffekt war dies nur eine Art Fassade, um mein angeschlagenes Selbstvertrauen zu überspielen. Ausserdem brauchte ich zwingend neue Impulse. Die immer gleichen Trainingseinheiten mit meinem langjährigen Coach liessen meine Leistungen stagnieren. So stellte ich mir die Vertrauensfrage: «Willst du es nochmals wissen?» Ich entschied, noch einmal anzugreifen, habe meine ganzen Ersparnisse ausgegeben und voll auf die Karte Sport gesetzt.

Inwiefern hat Sie Ihre damalige Krise auch positiv beeinflusst?

Ich bin bescheidener geworden, weiss, dass auf Worte auch Taten folgen müssen. Ich war schon so oft am Boden, wurde von so vielen Leuten abgeschrieben. Von Niederlagen muss mir niemand etwas erzählen. Früher dachte ich, dass die Welt mir gehöre, heute gehe ich mit viel mehr Demut an den Start. Ein gutes Rennen macht noch keinen guten Sportler aus. Als Athlet musst du eine ganze Saison lang das Maximum aus dir herausholen.

Mit Ihrem neuen Trainerstaff läuft es sportlich optimal. Erleben wir 2012 den stärksten Amaru Schenkel aller Zeiten?

Das müssen Sie mich Ende Saison fragen (lacht). Wer weiss, ich fühle mich fitter als im Vorjahr, welches aus sportlicher Sicht ja sehr zufriedenstellend verlaufen ist. Auf jeden Fall stimmen die Trainingswerte und ich spüre, dass ich in dieser Saison Grosses erreichen kann. Letztlich war es wichtig, all diese Veränderungen in meinem sportlichen Umfeld durchzuziehen. Heute bin ich mein eigener Chef und bestimme, wie und wann trainiert wird. Ich vergleiche meinen Staff mit einer Band, in der ich der Sänger bin und meine Betreuer die Musiker im Hintergrund. Wir brauchen uns, aber ich habe das letzte Wort.

Auf Ihrer Homepage bezeichneten Sie sich jüngst als Zukunft des Schweizer Sprints. Eine gewagte Aussage.

Dabei geht es eigentlich nicht darum, nur der beste Sprinter, sondern der beste Sportler zu sein. Dies hat nicht nur mit dem sportlichen Aspekt zu tun. Ich will die Leute unterhalten, denn vieles dreht sich um die Performance. In der Schweiz wird dies schnell mit dem Attribut «arrogant» in Verbindung gebracht, in den USA, wo ich einen Teil der Saisonvorbereitung bestritten habe, wird dies ganz anders interpretiert.

Wie denn?

In den USA geht man ganz grundsätzlich anders an die Sache ran. Wenn dich dort jemand fragt, was du werden willst und sagst «Profisportler», dann sagen sie «go for it». In der Schweiz wird auf dieselbe Antwort mit «und jetzt im Ernst?» reagiert. Die US-Mentalität hat mir imponiert. Es ist diese Mischung aus Spass und dem absoluten Leistungswillen, die mich beeindruckt und mir in der Schweiz fehlt.

Wie werden Sie von der nationalen Sprintkonkurrenz wahrgenommen?

Der Kontakt untereinander ist gut. Man kennt sich, man schätzt sich. Auf der Bahn sind wir aber Konkurrenten und ich will von allen der Beste sein.

Vielleicht bald auch der schnellste Schweizer über 100 Meter?

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich diesen Rekord (Anm. d. Red: 10,16 von Dave Dollé, aufgestellt 1995) brechen werde. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Ende Mai steht in Weinheim (De) der erste internationale Ernstkampf der Saison an, im August folgt Olympia. Wird dieses Jahr das wichtigste Ihrer Karriere?

Ja, 2012 wird neben 2014 mit der Heim-EM in Zürich ein wegweisendes Jahr. Trotz der guten Resultate im Vorjahr fängt alles wieder bei null an. Ich muss mich wieder beweisen, darf mich nicht auf den Erfolgen ausruhen.

Welche Ziele setzen Sie sich?

Ich bin keiner, der sagt, Hauptsache ich war bei Olympia dabei. Jeder, der dies sagt, ist für mich ein Heuchler. Ich will in London alles geben, eine konkrete Zielsetzung habe ich allerdings noch nicht. Jetzt ist es schlicht zu früh, diesen Anlass im Fokus zu haben. Je nach Wetter versuche ich in Weinheim, die A-Limite (Anm. d. Red: 10,18 Sekunden) über 100 Meter für die Olympischen Spiele zu schaffen. Ansonsten nehme ich alles Schritt für Schritt.

Sie bezeichnen als Ihr persönliches Highlight kein sportliches, sondern ein berufliches. Nämlich Ihren KV-Abschluss. Eine Investition für die Zukunft?

Mir ist bewusst, dass jeder Sprinter seinen Zenit einmal erreicht hat. Ich persönlich plane bis 2014/15, dann wird aller Voraussicht nach Schluss sein. Umso stolzer bin ich, den KV-Abschluss im Marketing-Bereich in der Tasche zu haben. Langfristig sehe ich mich durchaus dort oder in der Werbebranche.