Als Philippe und Nicolas Schelling ihre Schwester Florence beim Hockeyspielen in der Garage zu Hause in Oberengstringen mit Tennisbällen eindeckten, konnte noch niemand erahnen, was sich rund 15 Jahre später ereignen würde. Am vergangenen Donnerstag streckte der Lückenbüsser von einst die Arme in die Höhe: Das Frauen-Nationalteam hat dank eines Siegs gegen Schweden Olympia-Bronze gewonnen. Die 24-jährige Limmattalerin hat einen grossen Anteil daran, was auch ihre Wahl zur wertvollsten Spielerin des Turniers verdeutlicht.

Philippe allein zu Hause

Philippe Schelling sah sich das Spiel allein zu Hause an. Der Profi der Kloten Flyers sei «hypernervös» gewesen. «Die Situation, dass ein anderes Familienmitglied als ich selbst auf dem Eis steht, ist nicht alltäglich für mich», erklärt der Verteidiger. Viele Matches seiner Schwester hat er sich vorher nicht angeschaut. Während der Jahre in den USA war das wegen der Entfernung respektive der Zeitverschiebung kaum möglich.

Seit Florences Rückkehr und ihrem Engagement in Bülach habe er die eine oder andere Möglichkeit dazu genutzt. Ein so wichtiges Spiel wie das jüngste hat er aber noch nie mitverfolgt. Es ging um eine olympische Medaille. «Als Schweden das dritte Tor machte, dachte ich, das darf doch nicht wahr sein. Zum Glück kam es am Schluss nicht mehr darauf an», schildert er die Schlussphase. Am Freitag empfing er seine Schwester nach deren chaotischer Heimkehr (siehe Box), um ihr zu sagen, wie stolz er auf sie ist.

Garant für Erfolg

Florence Schelling ist seit fast einem Jahrzehnt ein Garant für den kontinuierlichen Erfolg der Schweizerinnen. Sie nahm in Sotschi bereits das dritte Mal an Olympischen Spielen teil, 2012 hexte sie das Team zu WM-Bronze. Doch erst jetzt ist sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die weltoffene, sprachgewandte Frau wurde als das Gesicht des Teams aufgebaut. Ihr Markenzeichen ist das unerschütterliche Strahlen. Selbst nachdem sie im Vorrundenmatch gegen die USA das neunte Gegentor hingenommen hatte, wich das Lächeln nicht aus ihrem Gesicht unter der Goaliemaske.

Frage an den Bruder: Ist das Maskerade? «Im Spiel ist das ein wichtiges Signal an die eigene Mannschaft und an den Gegner: Man lässt sich nicht verunsichern», erklärt der frühere ZSC-Spieler. Florence sei von Natur aus ein aufgestellter Mensch. Als Angehöriger des engsten Kreises kennt er aber natürlich auch ein anderes Gesicht von ihr, das Gesicht der Enttäuschung: «Ich habe sie schon unglücklich erlebt, als sie verletzt war oder nicht wusste, wie es weitergeht.» Letztlich hat sie immer einen Weg gefunden.

Stipendium als Lohn

Die Karriere der Geschwister ist paradox verlaufen. Florence ist zwar erfolgreicher und ein Medienstar, verdient aber kein Geld mit dem Sport wie ihr Bruder. «Das Stipendium in den USA war ihr Lohn», sagt Philippe Schelling, dessen Bewunderung für die Leistungen der Schwester nicht zu überhören ist. Dass er nicht so bekannt ist wie seine Schwester, komme ihm gelegen: «Ich stehe nicht gern in der Öffentlichkeit und bin deshalb froh, dass Florence die Nummer eins der Familie in den Medien ist.»

Im Vorfeld der Olympischen Spiele gab es für Philippe und Florence Schelling ein Wiedersehen als Schütze und Goalie. Nicht in der heimischen Garage, sondern in der Kolping Arena, wo die Torhüterin donnerstags dem Training der Flyers beiwohnte und von Martin Gerber profitierte. Das Umfeld mag sich geändert haben, nicht aber der Reiz Philippe Schellings, seine Schwester zu düpieren. «Es macht besonderen Spass, gegen sie zu treffen», sagt er lächelnd.