Bis vor der laufenden Saison war die Meinung im Limmattal gemacht. Pierre Gattiker galt als Fussballverrückter, der weder sich noch andere schonte und auch keine Konflikte scheute. Unter Trainer Antonio Caputo zeigt der Schlieremer Verteidiger aber plötzlich seine andere Seite. Den Einsatz nach wie vor ungebremst, hat er es geschafft, sich zu disziplinieren, und ist plötzlich ein Führungsspieler geworden.

Auch im jüngsten Spiel gegen Altstetten trieb er als Captain die Mannschaft an und bereitete mit einem brillanten, raumöffnenden Einwurf das wichtige erste Tor vor. «Pierre ist ein ‹Reisser› und ein ganz wichtiger Spieler im Team. Deshalb ist er auch Captain, wenn Thomas Baumann nicht da ist», hält Caputo fest. «Er muss nur noch lernen, die Stimmung auf dem Feld besser wahrzunehmen, um dann richtig reagieren zu können.»

Grosse Erfahrung als Spieler

Zugutekommt Gattiker als Führungsspieler sicherlich seine Erfahrung. Seine Karriere, die er im FC Tägerig startete, führte ihn über Baden zu YF Juventus, das damals unter Raimondo Ponte noch in der Challenge League spielte. «Das war für mich persönlich die beste Zeit», erinnert sich Gattiker. «Mit Fredy Chassot zu spielen, war schon speziell.» Dass der grosse FCZ-Fan Gattiker ausgerechnet den ehemaligen Zürich-Stürmer Chassot erwähnt, ist bezeichnend. Der gilt gemeinhin als der Durchgeknallteste überhaupt.

Wer mit Gattiker spricht, merkt allerdings nicht viel dieser Verrücktheit. Vielmehr beeindruckt er mit seiner Zielstrebigkeit. Gattiker weiss, was er will. Deshalb schnappt er vor dem Interview auch noch kurzerhand dem FCS-Vorstandsmitglied Stefan Bolliger das Getränk aus der Hand. Seine Zielstrebigkeit zeigt sich auch neben dem Platz. Gattiker nutzte die Zeit bei YF Juventus, um die Matur nachzuholen. Aktuell studiert er im vierten Semester Sportwissenschaft an der Universität in Bern. Auch beruflich bleibt es bei ihm also sportlich. Darüber hinaus ist der Einstieg ins Trainergeschäft eine Option. Gattiker überlegt sich, in Schlieren eine Mannschaft zu übernehmen.

Zurück in die 2. Liga

Seine sportlich erfolgreichste Zeit erlebte der Aargauer mit dem FC Wettingen, mit dem er Regioncup-Sieger und Regionalmeister wurde und in die 2. Liga interregional aufstieg.
Danach folgte er dem Rufe Beat Studers nach Dietikon und später auch aufs Zelgli. Der Ehrgeiz treibt Gattiker auch auf dem Platz an. «Pierre gibt auf dem Platz immer 100 Prozent», streicht Mitspieler Souhel Muhi die Qualitäten Gattikers heraus. Deshalb spricht der Genannte offen davon, zurück in die 2. Liga zu wollen. Am liebsten natürlich mit Schlieren, notfalls würde er aber auch einen Wechsel in Kauf nehmen. Allerdings, so betont er, gefalle es ihm in Schlieren sehr gut.

Dass er plötzlich Führungsspieler ist, erklärt er sich auch mit der Entwicklung innerhalb der Mannschaft: «Wir hatten stets starke Individualisten im Team, aber das Teamgefüge hat teilweise nicht gestimmt. Wir haben hart daran gearbeitet und befinden uns auf einem guten Weg.» Auch Gattiker selber will nicht mehr aus dem Rahmen fallen. «Wer weiss, vielleicht werde ich ja gar mein Image als Bad Boy los», grinst Gattiker. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.