Fussball
Schlieren steckt im selbst geschaffenen Teufelskreis fest

Die 3.-Liga-Fussballer des FC Schlieren haben sich mit Aussetzern wie zuletzt gegen Engstringen allfällige Vorurteile bei Schiedsrichtern selbst zuzuschreiben. Die Schlieremer bestreiten pro Saison immer ein Match, in dem die Emotionen überborden.

Rapheal Biermayr
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Wenn die Schlieremer (Nicola Saxer, rechts, und Kevin Rodriguez) den Blick für das Wesentliche verlieren, kann es gefährlich werden.bier

Wenn die Schlieremer (Nicola Saxer, rechts, und Kevin Rodriguez) den Blick für das Wesentliche verlieren, kann es gefährlich werden.bier

Raphael Biermayr

Vorletzte Saison gegen YF Juventus. Letzte Saison gegen Altstetten. Diese Saison gegen Engstringen. Die Schlieremer bestreiten pro Saison immer ein Match, in dem die Emotionen überborden, und die Folgekosten hoch sind: Gesperrte; sportlicher Rückschlag; Ausbau des schlechten Rufs.

Das Derby jüngst gegen den FCE war wieder einmal ein «Kartenspiel»: Nach einem übersehenen Abseits in der 2. Minute, das den Führungstreffer der Engstringer zur Folge hatte, waren die Schlieremer gegen Schiedsrichter Tuncer Olcay eingestellt.

Bis zum Schlusspfiff mussten drei von ihnen vorzeitig den Platz verlassen. Insgesamt zückte Olcay achtmal einen farbigen Karton gegen die undisziplinierten Gäste. Die verloren das Match 1:4 und liegen damit fünf Runden vor Schluss sechs Punkte hinter Tabellenführer Srbija zurück. Die beiden Teams treffen am letzten Spieltag aufeinander.

Studer kindliche Erklärung

FCS-Trainer Beat Studer hatte also bereits in den vergangenen Jahren Aussetzer seiner Mannschaft zu erklären. Er gibt sich auf den aktuellen Fall angesprochen zunächst zurückhaltend und etwas kindisch: «Ich gratuliere dem FC Engstringen zum Sieg, meiner Mannschaft zum Willen, auch zu neunt den Ausgleich zu erzielen, und dem Schiedsrichter zum Geburtstag – den wird er ja irgendwann haben.»

Die Nerven beim Aufstiegsmitfavoriten sind angespannt. Das sei auch ein Grund für das Verhalten einiger Spieler am vergangenen Dienstag, das Studer nicht billige: «Der Druck ist gross, einige sind dem nicht gewachsen», sagt der Trainer offen.

Doch Studer wäre nicht Studer, würde er sich nicht auch jetzt vor seine Mannschaft stellen. Er stimmt in sein bekanntes Klagelied ein, wonach sein Team von den Schiedsrichtern benachteiligt würde.

«Es ist schon seltsam: Unsere Spieler werden gefoult und verletzen sich schwer, doch es wird nicht mal auf Foul entscheiden. Wir hingegen sehen für jede Kleinigkeit sofort eine Karte.»

Mit der ersten Aussage spricht er den Umstand an, dass mit Thomas Baumann, Francesco Azzarito und Giuseppe Sorrentino drei der vier Topverstärkungen der laufenden Spielzeit als Folge von Aktionen von Gegenspielern wohl bis zum Saisonende ausfallen.

Beleidigende SMS und Mails erhalten

Dass die Schlieremer von den Referees nicht unparteiisch betrachtet würden, wäre nicht abwegig, sondern menschlich: Auch sie kennen die Strafpunktewertung und die Vorfälle der Vorjahre. Von aussen wird oft Beat Studer dafür verantwortlich gemacht.

«Schon in Dietikon war es ja so», heisst es auf benachbarten Plätzen gern. Studer, der in den Tagen nach dem jüngsten Derby beleidigende SMS und Mails erhalten habe, sagt dazu: «Vielleicht bringe ich Pech, ich weiss es nicht.»

Ironischerweise ist er im Gegensatz zu seinen Amtskollegen Paul Schärer (Engstringen) und Fabio Stiz (Birmensdorf) während einer Begegnung ruhig und äussert sich selten zu Schiedsrichterentscheiden.

Den Vorwurf, in seiner Beobachterrolle keinen beruhigenden Einfluss auf seine Spieler zu nehmen, wischt er weg: «Ich habe während des Spiels gegen Engstringen mit Kevin (Rodriguez, Anm. d. Red.) und (Nicola) Saxer gesprochen und ihnen gesagt, sie sollen aufpassen.»

So etwas, wie in Schlieren noch nie erlebt

Doch auch auf dem Platz gibt es ruhige Gemüter. Zum Beispiel der Winter-Neuzugang Adrian Kraft. Wie nimmt er die Situation wahr, der noch nicht lange im Team ist? «Ich war schon bei einigen Vereinen, doch so etwas wie hier habe ich noch nie erlebt.

Wir werden oft ungerecht behandelt von den Schiedsrichtern. Anscheinend sind wir vorverurteilt.» Eine markige Aussage des Aussenverteidigers, der bekannt ist als jemand, der seine Worte mit Bedacht wählt.

Er macht ein Beispiel, das ihn betrifft: «Ich sah in Schlieren bislang zweimal Gelb, einmal wegen angeblichen unsportlichen Verhaltens. In all den Jahren zuvor war ich nie deswegen verwarnt worden.»

Es sei ihm aufgefallen, dass «in Freundschaftsspielen mit ausserkantonalen Schiedsrichtern keine Probleme» geherrscht hätten. Auch Kraft weiss, dass Freundschafts- und Meisterschaftsspiele zwei Paar Schuhe sind, zumal für den ambitionierten FCS.

«Es sind alle nervös, das Umfeld spricht nur vom Aufstieg», bestätigt der 22-Jährige. Kraft bestreitet nicht, dass der Ruf der Schlieremer schlecht ist. Warum übt der ehemalige 1.-Liga-Spieler keinen positiven Einfluss auf seine Mitspieler aus?

«Wir sprechen vor jedem Spiel darüber , dass der Schiedsrichter tabu ist. Aber ein Derby hat vermutlich andere Gesetze», schildert Kraft seine Eindrücke.

Einfaches Gegenrezept

Die Schlieremer haben selbst einen Teufelskreis geschaffen, den sie allem Anschein nach nicht durchbrechen können. Das mit impulsiven Charakteren gespickte Team lebt von der Leidenschaft.

Die ist eine gute Eigenschaft in einer positiven Atmosphäre. In einer negativen ist sie hingegen gefährlich. Adrian Kraft benennt Erfolg als Rezept für Besserung: «Es ist in unserer Situation umso wichtiger, dass wir den Aufstieg schaffen.»