Im Osten tobt der deutsche Angriffskrieg auf Russland, Schweizer Soldaten harren im Réduit aus und die Urdorfer Sperrstelle steht bereit, um den Gegner an einem Vorstoss Richtung Innerschweiz zu hindern. Es ist der 9. August 1941.

Neun Mitglieder des Urdorfer Turnvereins treffen sich im Restaurant Pappel an der Birmensdorferstrasse, um den Hockey-Club Blitz Urdorf zu gründen. Hinter dem Namen steckt das «Blitz»-Hühneraugenpflaster, das die Urdorferin Martha Ineichen verkauft. Sie rüstet das Team mit Pullovern aus, im Gegenzug wird die Marke «Blitz» Teil des Klubnamens.

Abgesehen von den modischen Pullovern ist die Ausrüstung aber behelfsmässig: Die Beinschoner des ersten Urdorfer Goalies Kari Müller bestehen aus zusammengenähten Jutesäcken, die mit Heu gefüllt sind. Die Feldspieler stopfen sich zusammengelegte Zeitungen in die Hosen. Auch die beiden Tore stellen die Eishockeyaner selber her, aus Draht und Rohr, im Schopf der «Pappel». Die Zeit dafür haben die jungen Männer nur, weil sie als Unter-20-Jährige nicht in den Aktivdienst einrücken müssen. Aber sie haben Lust auf Sport, auch dann, wenn Schnee liegt. Unweit ihrer Stammbeiz, auf dem zugefrorenen Lips-Weiher, frönen sie ihrem Hobby.

Den Weiher am Schäflibach gibt es heute nicht mehr; an besagter Stelle stehen nun die Urdorfer Schrebergärten. Denn als der Schäflibach 1948 über die Ufer trat und die Birmensdorferstrasse zerstörte, wurde der Lips-Weiher zugeschüttet – mit Aushub, der bei der Tieferlegung des Schäflibachs anfiel. So war Urdorf zwar besser vor Hochwasser geschützt. Aber der HC Blitz stand ohne Eisfeld da; es drohte das Ende.

Der Stern von Heinz Leu geht auf

Doch es folgte der Weg nach oben: 1951 trat der Verein dem Schweizerischen Eishockey-Verband bei. Ab 1952 präparierten die Eishockeyaner auf dem Platz beim neuen Schulhaus Bahnhofstrasse immer wieder von neuem ein Eisfeld, um in der Meisterschaft mitspielen zu können. Und Goalie Kari Müller gewann den Urdorfer Heinz Leu als neuen Teamkameraden. Als Internatsschüler in Zuoz trainierte Leu oft und hatte den Kollegen viel voraus – sie machten ihn zum Trainer, er machte den ersten Aufstieg möglich, von der Serie C in die Serie B, die spätere 2. Liga. An der Generalversammlung vom 26. Mai 1956 wurde der HC Blitz schliesslich in Eishockey-Club Urdorf umbenannt. Mit einem 5:1-Sieg gegen die zweite GCZ-Eishockey-Mannschaft folgte am 22. Februar 1958 der Aufstieg in die 1. Liga. Dank der Kontakte von Heinz Leu spielte der EHCU fortan in Kloten, später in Küsnacht – bis Urdorf 1966 schliesslich in der Weihermatt eine endgültige Heimat fand. Weil aber im Sommer ein Trainingsplatz fehlte, hielten sich die Hockey-Cracks unter anderem mit Fussball fit und gewannen gleich mehrfach das Dietiker Grümpelturnier.

Nur in Sachen Eishockey waren die Stiere zu Beginn der Saison nie in Form. Das verstärkte aber den Kampfgeist, mit dem der EHCU spielerische Mankos kompensierte. Auch Sportreporter Jean-Pierre Gerwig wusste davon, wie er bei einem dürftigen Nati-Spiel zwischen der Schweiz und Norwegen offenbarte: «Da schicken wir das nächste Mal lieber den EHC Urdorf, die kämpfen wenigstens», knisterte es durch die Lautsprecher der Deutschschweizer Radioapparate.

Polizeischutz nach Sieg in Luzern

Diesen Kampfgeist zeigten die Stiere beispielsweise am Saisonende 1960. Als Letzte traten sie in Luzern gegen die Leader an. Mit einem 2:10-Sieg fegten sie die Zentralschweizer vom Platz. Deren Fans waren so erbost, dass die Urdorfer nach Spielende Polizeischutz erhielten.
Mit der Kunsteisbahn etablierten sich auch die Junioren: So holten sie sich 1970 und 1972 den Züri-Leu-Cup, 1976 stiegen sie in die Elitekategorie auf.

Nationalliga B rückt in Griffnähe

Die Steigerung der Junioren hing auch mit dem Elend der 1. Mannschaft zusammen: Nachdem diese 1970 gegen den EV Zug den Aufstieg in die Nationalliga B verpasste, kam es zu Streitereien zwischen Trainer und Spielern. An ihrer statt trugen nun die Junioren die 1.-Liga-Spiele aus. Derweil verbannte der Verein Spieler aus dem Hauptteam, diese legten Rekurs ein, Gemeindepräsident Jakob Lips versuchte zu vermitteln, Vizepräsident Heinz Leu trat zurück, der Vorstand wurde fast aufgelöst. Nach all den Querelen folgten ab 1976 schliesslich zwei Abstiege in die 2. Liga und zwei direkte Wiederaufstiege. Ab 1979 krallte sich der EHCU wieder in der 1. Liga fest. Nun war in der Weihermatt stets Prominenz zu sehen. Ein Beispiel: 1981 stieg der Davoser Peter Schmid als Trainer ein, der lange für den ZSC spielte (auch als Captain).

1986 hätte der EHCU als Drittplatzierter wieder um den Aufstieg in die Nationalliga B spielen können, da der Zweitplatzierte St. Moritz nicht wollte. Aber Urdorf blieb besonnen und verzichtete, auch um die Vereinsfinanzen nicht zu gefährden. Gleichwohl berichteten die «Luzerner Neuste Nachrichten» im Januar 1984, der EHCU habe sich zum freiwilligen Abstieg entschlossen, wenn er nicht noch 30 000 Franken auftreiben könne. Das habe dem schlechter platzierten SC Luzern zum Ligaerhalt verholfen. In der Limmattaler Zeitung dementierte der Präsident die Meldung. Die 80er-Jahre sind bis heute die goldene Ära des EHCU geblieben, auch dank vollen Zuschauerrängen: Der Fanclub zählte fast hundert Mitglieder und pilgerte jeweils mit dem Car an die Auswärtsspiele der Stiere.

Neben dem Platz sorgte der EHCU immer wieder für Schlagzeilen, auch im November 1983: Schlecht in die Saison gestartet, offenbarte ein Vereinsvertreter dem «Tages-Anzeiger», dass ein Spieler wegen des Erfolgsdrucks derart gestresst war, dass er Beruhigungspillen schlucken musste. «Solche unüberlegten Äusserungen schaden unserem Verein», heisst es noch heute in einer dem Artikel angefügten Notiz im Vereinsarchiv.

Die goldene Ära ging 1994 zu Ende: Urdorf stieg in die 2. Liga ab und wurde zum Lift-Team, das zwischen 2. und 1. Liga pendelte. Auch die finanzielle Sorgfalt liess nach: In der Saison 1996/1997 musste der neue Vorstand 250 000 Franken Schulden abbauen. Das Ende nahte einmal mehr. Im April 1999 zog sich Urdorf aus der Meisterschaft zurück, es folgte der Gang in die 4. Liga und man konzentrierte sich auf den Nachwuchs, der im Rahmen einer Partnerschaft immer wieder Spieler für den ZSC hervorbrachte. Seither pendelt der EHCU zwischen 2. und 3. Liga.

In diese Zeit fielen auch die Prügel-Derbys gegen den EHC Dietikon vor Hunderten Zuschauern. Die Weihermatt wurde zum Tollhaus. Beispiel: Am 23. Januar 2005 resultierten total 49 Strafminuten. Mittendrin: der Dietikon-Goalie Thomas Leimgruber aus Urdorf. Die Urdorfer monierten, seine Beinschoner seien fünf Zentimeter zu lang. Was folgte, ist legendär: Leimgruber stürmte ins Speakerhäuschen und rief laut aus. Heute ist er EHCU-Präsident und wünscht sich ein zweites Eisfeld in der Weihermatt, auch dem Nachwuchs zuliebe. Denn stolze Stiere, so viel ist klar, geben nie auf – allen Wirren zum Trotz.

Lese-Tipp: Am 11. November erscheint die neue Vereinschronik des EHC Urdorf. Sie hat 96 Seiten, kostet 25 Franken und ist am Jubiläumsfest erhältlich.

Die ZSC Lions und Kloten feiern mit

Am nächsten Freitag startet das Jubiläumsfest um 19 Uhr mit Spaghettiplausch und Barbetrieb. Danach wird bis Sonntagabend praktisch durchgefeiert. Am Sonntag um 14 Uhr werden je zwei Spieler der NLA-Clubs ZSC, Kloten und EV Zug Autogramme geben. Um 16 Uhr tritt die Urdorfer Guggemusig Stiereschränzer auf. Und um 17 Uhr spielt dann Urdorf vor hoffentlich vielen Zuschauern gegen Glarus.