Kunstturnen

Plüschtiere und eine britische Aushilfe an den Zürcher Turntagen

Samstagmittag, kurz nach halb eins. Mit den präsenten Erinnerungen an die famosen EM-Auftritte der helvetischen Kunstturn-Delegation reisen wir in den Bezirk Affoltern, genauer nach Bonstetten.

An jenen überschaubaren Ort, wo an diesem Wochenende im Rahmen der Zürcher Kunsturnerinnentage Körperbeherrschung in Perfektion zelebriert wird. Draussen ist es schwül. Passend dazu erfassen uns beim Betreten der zeitgemässen Halle musikalische Fetzen, die ein Discjockey als „Tropical House“ deklarieren würde. Doch drinnen ist es angenehm, sehr sogar. Neben der gewohnten Festwirtschaft treffen wir im Foyer des Bewegungspalastes einige Verkaufsstände an. Haufenweise Turndresse werden an einem Tresen angeboten. Das Glücksrad eines Sponsors gewinnt ebenfalls kurz unseren Fokus. Wir ziehen weiter und sehen Plüschtiere. Dutzende. In allen Farben. Und früh erreicht uns die Erkenntnis, dass Geschäftstüchtige in diesem Event eine weitere Möglichkeit sehen, Geld zu verdienen. Die Zielgruppe ist klar: junge Familien mit Nachwuchs. Dementsprechend werden die Produkte inszeniert.  

Das prioritäre Kleeblatt

Am Rande der Turnaktivitäten angekommen, erfassen wir sogleich ein kleines – schätzungsweise sechsjähriges – Mädchen, das weinend auf ihre Betreuerin zu eilt. Die Kleine sei unzufrieden mit ihrem Durchgang. Ihre Ansprechperson spendet ihr Trost. Es ist der kompromisslose Ehrgeiz, der sich bereits im zarten Alter entwickeln muss, wenn man in Zukunft vom Podium grüssen will. Währenddessen warten Ava und Mikaela, beide siebenjährig und dem Kustturnverein Weiningen angehörend, bis sie sich dem Kampfrichterquartett am Barren präsentieren dürfen. Beide Tragen ein Dress, behaftet mit einem vierblättrigen Kleeblatt. Für ein Kind sei die Ausstrahlung des Anzuges prioritär, hört man aus Turnkreisen.

Man gönnt sich den Erfolg

Wir navigieren in Richtung Wettkampfleitungstisch. Dort empfängt uns Sandra Gautschi, OK-Präsidentin und Hauptleiterin des Kunstturnvereins Urdorf. Sie sieht in der Organisation dieses kantonalen Kräftemessens eine Chance, die Bekanntheit des Vereins zu steigern. „Natürlich dienen die zwei Tage auch als zusätzliche Einnahmequelle“, schiebt Gautschi nach. Insgesamt 22 Mädchen aus Urdorf reiben sich an diesem Wochenende Magnesia an die Hände. Geniessen könne sie die Aktivitäten auf den Geräten allemal. „Viel bekomme ich aber dennoch nicht mit.“ Wir notieren hingegen, dass man sich innerhalb der bewegungsenthusiastischen Zunft kennt. „Die Turnerinnen pflegen ein sehr gutes Verhältnis untereinander“, versichert Martina Gautschi, Tochter der OK-Präsidentin und Trainerin in Urdorf. Man gönnt sich offensichtlich den Erfolg, auch wenn letztendlich alle als Einzelsportler agieren.

Mütterliche Gefühle

Wir pilgern weiter durch die Halle und beobachten wie eine Nachwuchsturnerin mit dem Gleichgewicht auf dem Barren ringt. „Halten“, fordert ihre Betreuerin. Sie schafft es – und lächelt erleichtert. Wir ebenfalls. Mittlerweile sind Ava und Mikaela wieder in der Nähe. Sie haben soeben ihren Wettkampftag beendet. Die beiden toben sich auf einer Matte aus. Ein kindlicher Moment, der in einer Welt der akkuraten Bewegungsabläufe immer mal wieder durchschimmert. Als wir jene Dame mit der Jacke des Turnvereins Weiningen ansprechen, erreichen uns freundliche Worte – in Englisch. Samantha Drake ist die Mutter von Ava und für den heutigen Tag notfallmässig als Coach eingesprungen. Die gebürtige Britin befände die Leistung ihrer Schützlinge als in Ordnung, weiss aber, dass Steigerungspotential vorhanden ist. Allzu streng konnte und wollte Drake bei ihrem ersten Einsatz als Bewegungskoordinatorin dennoch nicht sein. Die mütterlichen Gefühle liessen sich nicht vollends kaltstellen. Irgendwie verständlich.  

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