Fussball
Pietro Iellamo: «Ich glaube nicht, noch 40 Jahre Sportchef zu sein»

Am kommenden Samstag startet der FC Dietikon in die 2. Liga interregional. Sportchef Pietro Iellamo spricht über die bevorstehende Saison und seine unerfüllte Musikerkarriere.

Raphael Biermayr
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Pietro Iellamo sitzt auf der neuen Ersatzbank auf der Dornau. Bis am Samstag ist alles darum herum bereit.bier

Pietro Iellamo sitzt auf der neuen Ersatzbank auf der Dornau. Bis am Samstag ist alles darum herum bereit.bier

Es klirrt in der Küche. Pietro Iellamo steht am Spülbecken und wäscht Geschirr. Der Sportchef des FC Dietikon ist seit einem Jahr auch Teilzeitwirt auf der Fussballanlage Dornau. Der 51-Jährige gräbt sich den Weg durch das abgedunkelte Vereinslokal.

Auf der Veranda bittet er zu Tisch, alt Vereinspräsident Armando Stolz sitzt schon da. Es ist heiss unter dem Plastikzelt, Iellamo rinnt der Schweiss über die braungebrannte Stirn, das Goldkettchen klebt auf der Haut.

Auch im Fussball läuft die heisse Phase. Am kommenden Samstag (18 Uhr, Dornau) steht gegen Seefeld der erste Match in der 2. Liga interregional an.

Für Iellamo dauert der Hochbetrieb erfahrungsgemäss bis Ende August, wenn die Transferfrist abläuft. «Es gibt immer etwas zu tun», lautet ein Leitspruch des früheren Schlieren-Spielers, dessen Vater ihm als Kind verboten habe, zu kicken.

Pietro Iellamo, was hatte Ihr Vater gegen Fussball?

Pietro Iellamo: Er hatte keinen Bezug dazu. Deshalb ging ich als C-Junior hinter seinem Rücken zum Training, unter dem Vorwand, draussen spielen zu gehen.

Damals spielten im Fanionteam wohl fast ausschliesslich Eigengewächse, im heutigen fast keines mehr. Was für Perspektiven bieten Sie den A-Junioren des FCD?

Wir haben aktuell vier Junioren, die in der Vorbereitung dabei sind, vielleicht schafft es der eine oder andere. Was den meisten fehlt, ist die Geduld, sich durchzubeissen. Man muss auch sehen, dass es mit der LAP schwierig ist, sich auf den Fussball zu konzentrieren. So gehen viele eine Stufe tiefer.

Aus ehemaligen Dietiker Spielern könnte man schätzungsweise fünf 3.-Liga-Mannschaften stellen. Ist es nicht schade, dass diese Spieler nicht mehr im eigenen Verein sind?

Es ist uns bewusst, dass nicht alle Junioren in der eigenen ersten Mannschaft spielen können. So helfen wir den umliegenden Vereinen. Aus den Besten dieser Spieler könnte man ein 2.-Liga-Team stellen.

Die zweite Mannschaft hat den Aufstieg in die 3. Liga verpasst. Fordern Sie diesen für die nächste Spielzeit?

Der Trainer der zweiten Mannschaft (Gianni Musumeci, Anm. d. Red.) ist zu United gegangen und hat einige Spieler mitgenommen. Ausserdem hat Lerchi (Stefan Lerchmüller) die dritte Mannschaft abgegeben. Gegenwärtig wissen wir nicht, ob wir weitere Aktivteams stellen können.

Das wäre kein Ruhmesblatt für den FC Dietikon.

Wir werden sicher eine zweite Mannschaft haben, vielleicht eine dritte. In Anbetracht dieser Herausforderung wäre es verfehlt, vom Aufstieg in die 3. Liga zu sprechen.

Welche Ziele geben Sie für das Fanionteam aus?

Dieselben wie in der letzten Saison: Vorn mitspielen. Nach dem Wechseln muss sich zuerst eine Einheit finden, dann können wir erfolgreich sein. Wir müssen schon sehen, dass wir ein enges Budget zur Verfügung haben, vor allem auch im Gegensatz zu andern Vereinen.

Das glaubt Ihnen niemand von anderen Vereinen.

Das braucht man auch nicht, man muss nur die Fakten kennen: Wir holen einen Aksic von Wettswil, der uns nach einem halben Jahr in Richtung Seefeld verlässt. Warum? Weil wir finanziell nicht mithalten konnten. Oder ein Ibrahimi: Er hat den weiteren Reiseweg nach Dornach, trotzdem geht er – natürlich wegen des Gelds.

Wie kann denn Dietikon Erstliga-Spieler verpflichten?

Sisic und Medakovic kamen aus Höngg, wo bekanntlich keine Spesen gezahlt werden. Und unsere Challenge-League-Spieler spielen wegen Goran bei uns, oder weil wir einen Job für sie finden konnten, wie bei Ivica Cokolic oder jetzt auch Naim (Haziri) sowie Joao (Ngongo). Wir haben sozusagen das Pilotprojekt von Wettswil kopiert – einfach ohne Post.

Finden Sie es nicht fragwürdig, dass der Verein auf diesem Niveau für Spieler einen Job sucht?

Eigentlich finde ich das gut, denn so hilft man jemandem, den Schritt in die Privatwirtschaft zu machen. Das kann auch interessant sein für Vereinssponsoren, die einen Lehrling oder einen Arbeiter für ihren Betrieb suchen. Ausserdem entstehen in solchen Fällen für den Verein keine oder geringe Spesenkosten.

Es kann ein Dilemma entstehen, wenn der Spieler den Verein wechseln will.

Das muss man klar trennen. Natürlich kann man auf der Grundlage eines Gentlemen‘s Agreement vereinbaren, dass sich jemand zwei, drei Jahre verpflichtet, beim Verein zu spielen. Aber zwingen kann man niemanden.

Zurück zum Sportlichen. Wäre es enttäuschend, nicht aufzusteigen?

Es könnte sein, dass die Leute enttäuscht sind, auch wenn wir wieder einen Platz in der Spitze belegen würden. Man muss sich aber vor Augen führen, wie viel zusammenpassen muss, damit der Aufstieg gelingt.

Das Cup-Los YF ist nicht attraktiv. Immerhin besteht eine bessere Chance als gegen ein Super-League-Team, eine Runde weiterzukommen.

Wir müssen realistisch bleiben: YF ist fast in die Challenge League aufgestiegen, ist also mindestens zwei Klassen besser als wir. Unsere Chance ist: Sie müssen, wir nicht.

Die Platzerneuerung auf der Dornau dauerte viel länger als geplant, selbst jetzt stehen noch Gitter. Ist der Platz bis zum Cupspiel bereit?

Er ist schon am nächsten Samstag zum ersten Meisterschaftsspiel parat! Wir können in der Saison 2013/14 alle Heimspiele auf der Dornau austragen, das steht fest.

Wie schätzen Sie die Meisterschaftsgruppe ein?

Die Seefelder haben aufgerüstet, mit denen ist zu rechnen. Dann gibts noch das eine oder andere Überraschungsteam – und uns, hoffe ich.

In der turbulenten Rückrunde der vergangenen Saison wurde der FC Dietikon wegen des reglementwidrigen Einsatzes von Srdjan Aksic harsch kritisiert. Wurden Sie persönlich angefeindet?

Nein, ich hatte zwei, drei vernünftige Gespräche mit dem Sportchef von Langenthal. Mehr nicht.

Vereinsintern wurden Sie als Amtshamster bezeichnet und kritisch betrachtet. Mittlerweile sind Sie nicht mehr im Vorstand. Haben Sie einen andern Stellenwert?

Der neue Vorstand ist der Ansicht, dass der Sportchef nicht mehr in den Vorstand gehört. Das ist kein Problem für mich. Meine Hauptaufgabe ist dieselbe geblieben. Irgendwann wird auch meine Zeit abgelaufen sein, das ist klar. Ich glaube nicht, noch 40 Jahre Sportchef im FCD zu sein. Das Schönste wäre es, mein altes Ziel zu erreichen, in die erste Liga aufzusteigen. Aber auch, wenn das nicht klappt, kann ich auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken. Seit über 46 Jahren hatte keine Dietiker Mannschaft mehr einen vergleichbaren Erfolg.

Als sich die Vertragsverhandlungen mit Trainer Goran Ivelj am Ende der letzten Saison immer länger hinzogen, deuteten Sie Rücktrittsgedanken an, falls er nicht bleiben würde. Wären Sie wirklich gegangen?

Wenn man einen fähigen Trainer hat, der den Verein weiterbringt, setzt man sich als Sportchef für ihn ein. Überhaupt bin ich FCDler und werde das bleiben, auch wenn es andere Angebote gab.

Vor einigen Wochen sagte der vereinsnahe Treuhandexperte Bruno Bolliger an dieser Stelle, dass Sie mit grossem Enthusiasmus im Sportlichen seien, aber keinen Bezug zu Geld hätten. Stimmt das?

Herr Bolliger weiss hoffentlich, dass Budgets vom Vorstand gemacht werden, nicht vom Sportchef. Vielleicht hat er vor dieser Aussage etwas falsch überlegt.

Er machte auch öffentlich, dass das Trainingslager der ersten Mannschaft aus finanziellen Gründen beinahe gestrichen wurde. Das ist erstaunlich für einen so grossen Verein.

Der FC Dietikon hat ein Sorgenkind: Den Unterhalt der Sportanlage, den er selbst bestreiten muss. Der beläuft sich auf 120 000 bis 130 000 Franken pro Jahr. In den Vereinen rundherum kommt die Gemeinde dafür auf. Bei uns kostet jeder Spieler durchschnittlich 650 Franken pro Jahr, zahlt aber nur einen Beitrag von rund 300 Franken. Den Rest müssen wir durch Sponsoren decken, die nicht Schlange stehen. Wenn dann unvorhergesehen Kosten auf uns zukommen, wird es eng. Irgendetwas geht immer kaputt, kürzlich mussten wir den Ofen ersetzen. Wir könnten die Mitgliederbeiträge stark anheben. Aber als Breitensportverein haben wir auch einen sozialen Auftrag. Bei uns zahlen auch die Spieler der ersten Mannschaft den Mitgliederbeitrag.

Seit einem Jahr sind Ihre Frau Rosa und Sie in einem Turnus mit zwei anderen Paaren als Wirte auf der Dornau tätig. Ihre Spezialität?

Wir machen das, was die Leute gern haben: Würste, Hamburger, Cevapcici. Wir haben auch schon jugoslawischen Schinken aufgetischt. Unsere Spaghetti mit Steak kommen besonders gut an.

Ihr Geheimrezept?

Die Einfachheit. Die Tomaten müssen frisch sein, gekocht wird nur mit Olivenöl. Das Rezept diktierte mir meine Mutter am Telefon, als ich vor zwei, drei Jahren meine Frau zum Muttertag mit einer kalabrischen Spezialität bekochen wollte. Es wurde ein Erfolg: Ihr schmeckte es – und die Kinder sagten, es würde besser sein als das von ihrer Mutter (lacht). Im Ernst: Das Geheimrezept sind unsere Frauen, die hervorragende Köchinnen sind.

Über welche verborgenen Talente verfügen Sie noch?

Ich war als Kind und Jugendlicher sehr musikalisch, spielte Gitarre. Professor Peter Feider machte mich in Zürich mit der klassischen Musik vertraut. Ich bereitete mich auf das Konservatorium vor, doch mein Vater wollte, dass ich eine Lehre mache. So wurde ich Autoelektriker und verlor die Musik aus den Augen.

Würden Sie auf einer allfälligen Aufstiegsfeier des FCD ein Ständchen geben?

Nein, dafür nehme ich die Musik zu ernst. Ich müsste zuerst ein Jahr üben, um wieder auf ein einigermassen akzeptables Niveau zu kommen. Die «Asturias» von Isaac Albéniz spielt man nicht einfach so!