«Mahlzeit!» Marcel Koller grüsst die anwesende Medienschar im Bauch des Ernst-Happel-Stadions. Die Hände in den Hosentaschen. In bester Wiener Manier betritt der Teamchef den Raum für die abschliessende Pressekonferenz vor dem heutigen EM-Qualifikationsspiel gegen Russland. Das ist er also, der Mann aus der Schweiz, den die Österreicher in ihr Herz geschlossen haben.

Herr Koller, haben Sie so eine Begeisterung auf der Strasse, im Team und in den Medien während Ihrer Trainertätigkeit schon einmal erlebt? «Nein, das habe ich nicht. Aber es ist schön.» Herr Koller, wie gehen Sie mit so viel Zuneigung und Lob um ihre Person um. Das ist in Ihrer Branche unüblich? «Das tut gut, aber ich und die Mannschaft müssen am Boden bleiben.»

Prohaskas plagende Bedenken

Koller weiss sehr wohl, wie schnell der Wind in diesem Geschäft drehen kann. Gleich zu Beginn blies ihm in Österreich eine steife Brise ins Gesicht. Herbert Prohaska erging es so, wie vielen seiner Landsleute vor gut drei Jahren. Er hatte ein zwiespältiges Gefühl, als er von der Ernennung Marcel Kollers zum österreichischen Teamchef erfuhr. Marcel wer? Prohaska, Fussball-Monument und heutiger TV-Experte, rieb sich verwundert die Augen. Er hätte eine andere Lösung bevorzugt. «Eine Österreichische», gibt er offen zu. Einer, der mit den Verhältnissen im Land vertraut ist. «Man sollte aber so fair sein und abwarten», sagte er im Herbst 2011.

Glüklicherweise, da sind sich heute alle einig – Prohaska eingeschlossen – blieb der Verband fair und schenkte dem Schweizer, der vor seinem Österreich-Engagement zwei Jahre beschäftigungslos war, die Zeit und das nötige Vertrauen. Dieser dankte es auf seine Art. Koller ist der erfolgreichste ÖFB-Teamchef seit 15 Jahren.

Ausgerechnet, ist man versucht zu sagen. Ausgerechnet ein kleiner Schweizer mit international bescheidenem Leistungsausweis hat das österreichische Nationalteam zu neuem Leben erweckt. Ausgerechnet der Arbeitersohn aus Zürich Schwamendingen. Koller, Körpergrösse 173 cm, zurückhaltend, erdig, zuweilen etwas spröde wirkend, passt überhaupt nicht ins Schema seiner Vorgänger. Unter dem professoralen und charismatischen Karel Brückner war der Trainer der Star. Und der joviale Dietmar Constantini zog mehrheitlich die Blicke der weiblichen Fans auf sich. Beide scheiterten, wie viele vor ihnen.

Die Verbandsoberen um Präsident Leo Windtner hielten auch zu Koller, als nach der 1:2-Niederlage in Schweden der Traum von der WM-Teilnahme in Brasilien begraben werden musste. Nur wenige Tage nach der Enttäuschung von Stockholm unterschrieb der 54-Jährige einen neuen Vertrag, der ihn bis Ende 2015 bindet und der sich bei erfolgreicher Qualifikation für die EM 2016 in Frankreich automatisch bis zum Turnierende verlängert. Die Liebesbezeugungen, die Koller von der ÖFB-Spitze erhielt waren so stark, dass er selbst den heftigen Avancen aus der Schweiz um die Nachfolge von Ottmar Hitzfeld widerstand.

Ansehnlich und erfolgreich

Sein Gefühl gab ihm recht. Seit der Vertragsverlängerung haben die Österreicher kein Spiel mehr verloren. Viermal gewonnen und dreimal unentschieden gespielt. Mit sieben Punkten steht man an der Spitze der EM-Qualifikationsgruppe G. Für Stürmer Marc Janko kein Zufall: «Koller ist es gelungen, ein Klima zu schaffen, wo jeder für den anderen rennt.» Und was nicht minder wichtig ist, da sind sich die Experten ebenfalls einig: Das ÖFB-Team spielt unter dem detailversessenen Koller einen erfrischenden Fussball. Dies war lange Zeit nicht der Fall und kommt beim kritischen Publikum hervorragend an. Die Partie gegen Russland und der Test am Dienstag gegen Brasilien waren innert kürzester Zeit ausverkauft.

Das Spiel heute im Ernst-Happel-Stadion ist die 26. Partie unter Marcel Kollers Führung. Zwölf Siege und sechs Unentschieden stehen sieben Niederlagen gegenüber. Erreicht hat er freilich noch nichts. Das weiss der Meistertrainer des FC St. Gallen (2000) und der Grasshoppers (2003) selber am besten.

Dass er die relevanten Fussballkräfte – inklusive Herbert Prohaska – im Land milde gestimmt und hinter sich geschart hat, darf Koller hingegen als Erfolg für sich in Anspruch nehmen. «Danke, dass ihr ihn uns nicht weggenommen habt», sagt der schreibende Kollege vom «Standard» ehrfürchtig. Währenddessen gibt Teamchef Koller vorne auf dem Podest die letzten Informationen vor der Partie gegen die Russen bekannt – in ordentlichem Wiener Akzent. Mahlzeit!