Fussballverband

Nach 33 Jahren hat Hansdampf keine Lust auf Ruhestand

Guido Schär und Co. sind für 182 Vereine verantwortlich.  rab

Guido Schär und Co. sind für 182 Vereine verantwortlich. rab

Er war der erste vollamtliche Angestellte eines Schweizer Regionalfussballverbands. Nun geht Guido Schär nach fast 33 Jahren. Die Leidenschaft für die Arbeit und die Freude daran verliessen den Oberengstringer nie.

Er ist wie eine Ölquelle. Wenn man Guido Schär (verbal) ansticht, sprudeln die Geschichten nur so aus ihm heraus. Während eines Gesprächs mit ihm ist ein Satz allgegenwärtig: «Da fällt mir noch etwas ein.» Aus einer werden unzählige Anekdoten, die der 65-jährige Schär aus seiner während der fast 33 Jahre beim Zürcher Fussballverband angehäuften Sammlung zitiert. Darüber hinaus behielt der Oberengstringer auch Handfestes auf: In einem Ringheft, das er in seinem Mofa aufbewahrt, hat er einige Briefe und Mails abgelegt, die ihn, den Sekretär im Ressort Schiedsrichterwesen, zum Schmunzeln brachten. In einer Mitteilung eines gebürtigen Türken steht, dass er ein Spiel am Wochenende nicht pfeifen könne, weil er «per Zufall 25 Jahre verheiratet» sei.

Strafen tippen bis Mitternacht

Guido Schär, der frühere Spieler des FC Dietikon und des FC Engstringen («Ich war ein Spielertyp wie Günter Netzer»), wurde 1978 als Sekretär des Zürcher Fussballverbands gewählt. Einige Jahre später war er der erste Vollzeitangestellte eines Fussball-Regionalverbands in der Schweiz. Ihm folgten weitere, denn der Fussball wurde immer populärer. «Ich sagte schon nach wenigen Wochen, dass es so nicht weitergehen kann. Ein solches Amt nebenbei zu führen, ist einfach nicht möglich. Ich habe auf meiner Schreibmaschine oft bis um Mitternacht Strafen getippt», erzählt Schär.

«Tag und Nacht gearbeitet»

Der gelernte Briefträger, der später als Lastwagen-Fahrer und Servicemonteur für Kaffeemaschinen arbeitete, habe beim Verband gelernt, was arbeiten heisse. «Am Anfang als einziger ständiger Mitarbeiter habe ich Tag und Nacht gearbeitet.» Der Limmattaler scheut sich nicht vor Selbstlob. Er ist stolz auf das, was er geleistet hat. Einige Innovationen sind sein Verdienst, so zum Beispiel die an sich simple Idee, Spiele, für die noch kein Schiedsrichter gefunden werden konnte, in einem Pool für Kurzentschlossene auszuschreiben.

Wer so lange in einem Geschäft dabei ist wie Guido Schär, etwas aufbaute und seiner Arbeit mit Leidenschaft nachgeht, der darf sich mehr trauen als andere Angestellte und Sätze sagen wie: «Ich arbeite nicht für den Verband, ich arbeite für die Vereine und die Schiedsrichter» oder «Der Verband macht zu wenig für die Schiedsrichter». Schär ist kein Nestbeschmutzer, er bringt auf den Punkt, woran es fehlt. Die Gründe für die Missstände sind dieselben wie überall. Fehlende Mittel und der viel zitierte Zeitgeist.

Schär telefoniert gerne

Zum Zeitgeist gehört auch, dass Schär beim Tippen oder nach einem Telefonat manchmal raunzt: «Warum können die nicht Meier oder Müller heissen!» Mittlerweile hat er mehr mit Ausländern oder Ausländischstämmigen zu tun, gerade im Schiedsrichterbereich: 450 der 732 Unparteiischen des Regionalverbands stammen nicht aus der Schweiz. «Viele pfeifen wegen des Geldes, aber sie machen es deshalb nicht weniger gut», sagt Schär.

Da schrillt das Telefon wieder. Schär erhält einen Anruf eines Schiedsrichters, der ein Match für das folgende Wochenende abtreten will. «Hast du nicht früher gewusst, dass du Geburtstag hast, gopferdami!», sagt Schär lauthals lachend und beendet das Gespräch wie jedes vorherige und folgende: «Ich schaue, kein Problem.» Schär telefoniert gern. Denn so sehr der Oberengstringer den technischen Fortschritt schätzt, so sehr verachtet er das Unpersönliche daran. «Heute schreibt man schnell, schnell ein Mail, anstatt sich mit jemandem zu unterhalten und auf ihn einzugehen», moniert er.

Leistungsdruck hat zugenommen

Ob im und um den Fussball früher alles besser war, kann Schär nicht sagen. Die Gewalt habe sicherlich zugenommen, auch der Leistungsdruck. Dies komme nach seiner Erfahrung vor allem von aussen, von übereifrigen Eltern oder Trainern. Ausserdem verachtet der «lebenslange Fan» der Grasshoppers die Gewaltbereitschaft der Zuschauer im Profibereich. Besser sei heute die Ausbildung der Trainer und damit der Junioren, sein grösstes Anliegen: «Es ging mir immer darum, die Jungen auf den Sportplatz zu bringen. Ich bewundere Juniorenobmänner – die haben den schwierigsten Job von allen in einem Verein.»

Die Saison 2010/11 steht vor dem Ende. Und damit offiziell auch die Laufbahn von Schär beim Zürcher Fussballverband. Ab 1. Juli wartet die nächste Karriere – als Pensionist. Seine Nachfolgerin Susanna Studer arbeitet Schär seit längerem ein. «Ich hatte Angst, jemand würde kommen, der nicht kapiert, worum es hier geht. Doch Susanna ist super – die kriegt das hin. Ich danke darüber hinaus allen meinen Kollegen, die mich unterstützt haben.» Trotzdem: Wird der Oberengstringer sein Lebenswerk abgeben und sich heraushalten können? Daran denkt er gar nicht erst: «Ich nehme an, dass ich um Rat gefragt werde, bei meiner Erfahrung. Für Pikettdienst und Wochenendeinsätze habe ich schon zugesagt.» Seine Frau habe nichts dagegen und der FC Engstringen, wo er noch immer Mitglied ist, sowie das neue Hobby des früheren Modelleisenbahn-Narren, das Puzzeln («Unter 32000 Teilen ist es nicht mehr spannend») würde ihm ja nicht davonlaufen. Es würde nicht überraschen, wenn Schär weiterhin in den Büroräumlichkeiten am Alten Zürichweg in Schlieren anzutreffen sein wird.

Wie Schär zum Büro kam

Beim Stichwort «Büro» wird Schär hellhörig: «Da fällt mir etwas ein.» Und so erzählt er eine weitere grossartige Geschichte: «Ich war auf der Suche nach einem Büro für mich als Verbandssekretär. In Schlieren betrat ich die Baustelle des heutigen Sony-Hauses und fragte einen, ob es da passende Räume zu vermieten gibt. Er sagte, er wisse von einer Liegenschaft am Zürichweg, die seinem Treuhänder gehöre. Als ich mir die anschaute, war zufällig gerade einer da – und was für einer: Herbert Hermann, der Bruder von Heinz Hermann, empfing mich, im Hintergrund seines Büros hing ein riesiger GC-Wimpel. Er hatte gerade seine Fussballkarriere beenden müssen und machte eine Lehre bei Bruno Bolliger (heute in der Finanzkommission des Schweizerischen Fussballverbands, Anm. d. Red.). So hatte ich am Ende das erste Büro hier und dazu mit Bolliger gleich noch einen Finanzchef für unseren Verband gefunden», erzählt Guido Schär. Die Quelle sprudelt.

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