Für einmal kommt die Forderung nicht vom «Boulevard». Simon Graf, der Hockeychronist des «Tages-Anzeigers», einem sonst jeder Polemik abholden Medium, fordert ultimativ die sofortige Absetzung von Marc Crawford. Das hat es in dieser Schärfe vom «Tagi» noch gar nie gegeben – und illustriert so treffend, welche Emotionen, welche Nervosität das drohende Scheitern der ZSC Lions selbst im calvinistischen Zürich auch in besonnenen Krisen weckt. Verlieren die Zürcher heute in Bern, dann sind sie als Qualifikationssieger in der ersten Runde 0:4 gescheitert. Das hat es noch nie gegeben.

Wie Kapitän Edward John Smith

Die Forderung, den ZSC-Meistertrainer von 2014 und dreifachen Qualifikationssieger sozusagen «standrechtlich» zwischen zwei Playoffpartien zu feuern, ist nur auf den ersten Blick abenteuerlich. Entlassen wird Marc Crawford natürlich nicht. Er wird auch heute in Bern die ZSC Lions coachen und bis zum Untergang (oder bis zum finalen Triumph) auf der Kommando-Brücke der Hockey-Titanic stehen wie einst Kapitän Edward John Smith auf der richtigen Titanic. Zirkusreife Entlassungen gehören nicht zum Stil der ZSC Lions. Sportchef Edgar Salis hält den auch unmissverständlich fest: «Eine Entlassung von Marc Crawford ist ausgeschlossen.» Das ändert nichts daran, dass diese Entlassung auf den zweiten Blick durchaus Sinn machen würde. Zumal der Kanadier Ende Saison sowieso geht.

«Eine Entlassung von Crawford ist ausgeschlossen.»

Edgar Salis, Sportchef ZSC Lions

«Eine Entlassung von Crawford ist ausgeschlossen.»

Wir können das Problem in einem Satz zusammenfassen: Marc Crawford ist das Opfer von Auston Matthews (18) geworden. Der ehemalige Stanley-Cup-Sieger hat auf dem Altar seiner NHL-Ambitionen den Zusammenhalt, die Hierarchie des Teams und damit den Erfolg der ZSC Lions geopfert. Der Kanadier will zurück in die NHL und Auston Matthews soll das Pferd sein, auf dem er in die Morgenröte einer neuen NHL-Karriere reitet: Die Chancen, dass die NHL-Organisation, die den Auston Matthews im Sommer im Draft verpflichtet auch gleich dessen bisherigen Trainer engagiert, sind erheblich. Wenn Marc Crawford mit dem US-Wunderknaben in einer zentralen Rolle eine Meisterschaft gewinnt, dann ist er auch der richtige Trainer, um das amerikanische Supertalent in der NHL zu führen.

Die NHL im Blickfeld

Deshalb hat Marc Crawford den Buben an die Spitze der Teamhierarchie gestellt und ihn bisher in den Playoffs zu stark forciert. Niemand rebelliert offen gegen dieses Vorgehen. Aber die bestandenen Spieler, Männer, die schon Meisterschaften gewonnen haben und die weiterhin eine tragende Rolle spielen werden, reagieren auf diese Zurücksetzung mit weniger Leistung. Sie sind in ihrem Stolz verletzt. Zumal Auston Matthews noch keine charismatische Persönlichkeit mit einer natürlichen Autorität ist, die ihren Führungsanspruch durchsetzen kann. Er ist dazu noch nicht in der Lage. Das Problem ist nicht, dass Auston Matthews zu wenig gut ist. Das Problem ist, dass wegen dieser besonderen Ausgangslage zu viele seiner Mitspieler zu wenig gut sind.

Auston Matthews steht bei den Lions an der Spitze der Hierarchie. Das passt nicht allen.

Auston Matthews steht bei den Lions an der Spitze der Hierarchie. Das passt nicht allen.

Eine Korrektur durch den Coach ist nicht mehr möglich. In diesem Bereich ist er beratungsresistent. Denn dank Auston Matthews ist Marc Crawford wieder auf die NHL-Radarschirme geraten. Noch während der dritten Partie am Dienstagabend hat einer der wichtigsten medialen NHL-Meinungsmacher einen helvetischen Chronisten angerufen. Weil er wissen wollte, was los ist. Und weil der Coach seine Meinung nicht mehr ändert, nicht mehr ändern kann, bleibt eigentlich nur der Befreiungsschlag. Die Entlassung. Und die gibt es nicht.

«It ain’t over till the fat lady sings»

Und doch ist noch nicht alles vorbei. «It ain’t over till the fat lady sings» pflegen die Nordamerikaner zu sagen. Die drei Partien sind so knapp ausgegangen, dass eine Wende immer noch möglich ist. Aber nur dann, wenn die ZSC Lions sich auf ihre überlegenen spielerischen Qualitäten besinnen. Oder einfacher gesagt: Wenn Ruhe einkehrt. Wenn die ZSC Lions diese Ruhe finden, dann können sie sich aus der schwierigen Lage befreien und bis ins Finale kommen. Mit Marc Crawford an der Bande ist diese Wende schwieriger als ohne. Weil er zu viel NHL und zu wenig ZSC im Kopf und in der Seele hat.