Klaus Strehler, erleben wir gerade das Ende der Ära Federer?

Klaus Strehler: Das glaube ich nicht. Roger Federer ist schon mehrfach abgeschrieben worden. Er wird sein Ding noch zwei bis drei Jahre durchziehen. Er zählt ja immer noch zur absoluten Weltspitze. Manchmal muss ich den Kopf darüber schütteln, wie schnell er nach Niederlagen von den Medien abgeschrieben wird. Die Erwartungshaltung in der Schweiz ist unglaublich hoch. Wir sind verwöhnt.

Was trauen Sie ihm noch zu?

Ich glaube, dass er beim US Open und beim Masters Ende Jahr wieder eine gute Rolle spielen kann. Ich traue ihm einen weiteren Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier zu.

Haben Sie ihn je getroffen?

Bei seiner ersten Teilnahme an den Swiss Indoors in Basel sass ich zufällig neben seinem Grossvater. Er sagte voller Stolz: «Schau, dort spielt mein Enkel.» Damals erhielt Federer noch eine Wildcard vom Veranstalter. Später traf ich ihn einmal am Flughafen in Zürich. Ebenfalls zufällig. Er stand dort und ich ging einfach auf ihn zu und habe mit ihm zu reden angefangen, sagte ihm, dass ich ein Fan von ihm sei. Das war tipptopp.

Wird sein Rücktritt Auswirkungen auf das Schweizer Tennis haben?

Natürlich. Vor allem auf den Breitensport. Federer animiert viele Junge, diesen Sport zu betreiben. Wenn er zurücktritt oder schlechter spielt, sieht man im Fernsehen weniger Tennis. Diesen Effekt darf man nicht unterschätzen. Seine Auftritte im Fernsehen sind für viele ein Anreiz, Tennis zu spielen. Und wer abonniert schon Sky, wenn das Schweizer Fernsehen nicht mehr überträgt?

Was auffällt: Seit 2003, als Federer erstmals Wimbledon gewann, sind die Teilnehmerzahlen bei den Limmattaler Meisterschaften, aber auch anderswo, rückläufig. Müsste es nicht genau umgekehrt sein?

Ich verstehe, was Sie meinen. Aber ich habe nie nach einer Verbindung zwischen diesen beiden Entwicklungen gesucht. Ich behaupte: Wenn Federer nicht gewesen wäre, wäre der Teilnehmer-Rückgang noch stärker ausgefallen. Ich glaube, in den letzten drei Jahren gingen die Teilnehmerzahlen wieder nach oben. Aber mein Eindruck kann täuschen ...

Klaus Strehler öffnet seinen Laptop, der neben ihm auf dem Tisch liegt, und klickt sich durch seine Statistiken. Eine kurze Recherche ergibt: 2003 zählten die Limmattaler Meisterschaften 484 Teilnehmer (Aktive, Senioren und Junioren). 2009 waren es noch 294. 2012 ging die Zahl auf 360 hoch. In diesem Jahr werden es rund 350 sein. Strehler schiebt den Laptop beiseite und beginnt wieder zu erzählen.

Klaus Strehler: Probleme bekunden wir vor allem bei den Mädchen. Da beobachte ich eine fehlende Motivation für den Wettkampf. In den Clubs gibt es viele Mädchen, bei den Wettkämpfen sind sie abstinent. Vielleicht liegt es in den Genen. Man muss das einfach akzeptieren. In diesem Jahr haben wir zumindest eine Juniorinnen-Kategorie am Start, letztes Jahr hatten wir gar keine.

Apropos Jugend: Sie sind mit 20 Jahren aus der Region Stuttgart in die Schweiz gekommen. Warum?

Ich bin 1942 geboren, also während des Zweiten Weltkriegs. Mein Vater ist nie aus dem Krieg zurückgekehrt, ich kenne ihn nicht. In die Schweiz bin ich gekommen, weil ich nicht in die Bundeswehr wollte. Sie können mich einen Pazifisten nennen.

Wann haben Sie mit Tennis begonnen?

Das war 1967. Wir haben abends auf dem Schulhausplatz in Uster gespielt. Das ging zwei Jahre lang gut, dann hiess es, die Anwohner fühlten sich gestört.

Wie ging es weiter?

Wir waren an die 40 Leute. Aber wir hatten keine Chance, im damals schon existierenden TC Uster aufgenommen zu werden. Tennis war damals sehr elitär, im Club waren Ärzte und Anwälte. Wir waren Normalsterbliche, man könnte auch sagen so etwas wie die Tennis-Rebellen von Uster. Wir gelangten dann an die Stadt, die eine neue Sportanlage plante. Wir erhielten Land für drei Plätze. So gründeten wir 1969 den TC Blau Weiss Uster. Ich war 17 Jahre im Vorstand, acht Jahre als Präsident. Heute bin ich noch Ehrenmitglied. Seit zwei Jahren ist mein Sohn Präsident des TC Blau Weiss Uster.

Wie hat sich das Tennis in all den Jahren verändert?

Zu Beginn war es gang und gäbe, sich mit «Herr» anzusprechen. Das «Sie» war ohnehin gesetzt. Dann kam die Boom-Phase Mitte der 1970er- und 80er-Jahre. Die Sportart begann sich zu öffnen. Tennis wurde ein Volkssport. Dadurch hat sich auch die Anrede verändert. Heute sagt man sich ganz natürlich «Du».

Und das spielerische Niveau?

Das Material hat sich stark verändert, und damit auch das Niveau. Mit den heutigen Schlägern werden ganz andere Geschwindigkeiten erreicht. Aufschläge mit 230 Stundenkilometern: Das war vor 40 Jahren unvorstellbar. Aber auch die Ausbildung in der Schweiz wurde sehr stark verbessert, oder standardisiert. Es werden Regeln und Pläne eingehalten.

Waren Sie ein guter Spieler?

Ich war kein schlechter. Aber auch nicht wahnsinnig gut. Ich war ein Stilist und ein guter Lehrer. Dieser Sport hat sehr viel mit Ästhetik zu tun. Weil früher Tennisstunden so teuer waren, habe ich im Club 15 Jahre nebenberuflich Stunden gegeben. Ich hatte auch ein entsprechendes Diplom. Im alten Ranking hatte ich eine C1-, im neuzeitigen eine R5-Klassierung.

Sie haben 1994 das OK-Präsidium der Limmattaler Meisterschaften übernommen und sind noch immer im OK. Wie kam es zu dieser Ära?

Ich wurde damals angefragt und konnte nicht Nein sagen (lacht). Ich hätte niemals gedacht, dass ich so lange im Amt sein werde. Dank der Umstrukturierung 2009, hin zu einem wechselnden Präsidium, ist eine grosse Last von mir gefallen.

Sie erlauben die Frage: Haben Sie keine anderen Hobbys als das Ehrenamt?

Tennis ist mein Hobby. Es geniesst in meinem Leben einen sehr hohen Stellenwert. Das Schöne ist, dass sowohl die sportliche als auch die soziale Komponente gefördert werden. Das Zusammenhocken ist ebenso wichtig wie die Bewegung auf dem Platz. Natürlich frage ich mich manchmal, warum ich das alles mache. Ich konnte niemanden finden, der das Amt übernehmen wollte, und das Fortbestehen dieses Traditionsanlasses liegt mir sehr am Herzen.

Was sagt Ihre Frau?

Sie spielt selbst Tennis und war sogar einmal Limmattaler Meisterin. Bis zu einem gewissen Grad bringt sie also Verständnis auf. Vor drei Jahren habe ich ja als Aktiver aufgehört, dafür spiele ich seit acht Jahren Golf. Und raten Sie, was passierte, als einer aus dem Vorstand zurücktrat. Sie fragten als Erstes mich an. Nun bin ich noch Aktuar bei den Senioren des GC Entfelden.

Passen ehrenamtliche Tätigkeiten noch in die heutige Zeit?

Es wird immer schwerer, Leute zu finden. Der Druck am Arbeitsplatz ist viel grösser als früher. Warum also sollen nicht Senioren oder Pensionäre solche Ämter übernehmen?

Viele Clubs und Anlässe haben Mühe, Vorstands-Posten zu besetzen. Ist das Ehrenamt in Gefahr?

Diese Gefahr besteht. Aber ich spüre auch, dass meine Arbeit von den Leistungsempfängern sehr geschätzt wird. Für die Zukunft muss man vielleicht neue Modelle finden, entsprechende Anreize schaffen. Dass man zum Beispiel die ehrenamtliche Tätigkeit von den Steuern abziehen kann, etwa die anfallenden Spesen. Es fällt schon auf, dass es immer wieder die Gleichen sind, die solche Ämter übernehmen. Vielleicht gibt es auch hier ein Gen dafür. Wenn es so wäre, hätte ich es bestimmt.

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Klaus Strehler

Der heute 71-Jährige kam 1962 aus Deutschland in die Schweiz. Der gelernte Werkzeugmacher arbeitete anfangs für die BBC in Baden. Heute arbeitet der Pensionär einen Tag pro Woche als IT Consultant für zwei Firmen. Er lebte elf Jahre in Oberengstringen, bevor er 2005 nach Wettingen zog. Mehr als 15 Jahre lang war Strehler für die Organisation der Limmattaler Tennismeisterschaften verantwortlich. Noch heute sitzt er im OK. Wegen künstlicher Hüftgelenke und eines künstlichen Knies hat das Mitglied des TC Schlieren vor drei Jahren mit dem Tennisspielen aufgehört. Er ist verheiratet mit Frauke und Vater dreier erwachsener Kinder. (nch)

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Tradition: Die 45. Limmattaler Tennismeisterschaften

Die Limmattaler Tennismeisterschaften werden dieses Jahr zum 45. Mal durchgeführt (14. bis 25. August). Die Wettkämpfe finden an jährlich wechselnden Hauptaustragungsorten statt. Dies sind die sechs grössten Clubs im Limmattal – TC Schlieren, TC Dietikon, TC Weihermatt, TC Unterengstringen, TC Engstringen und TC Harlachen. OK-Präsident ist seit 2009 jeweils der Vertreter des Hauptaustragungsortes. In diesem Jahr zeichnet der TC Unterengstringen verantwortlich, der TC Weihermatt Urdorf und der TC Dietikon stellen die Nebenanlagen. Die jeweiligen Halbfinalistinnen und Halbfinalisten sind für das Züri Masters spielberechtigt. Dort treffen sie auf die Halbfinalisten der vier anderen Regionalmeisterschaften. Es sind dies die Glattal Trophy, die Stadtzürcher Meisterschaft, Winterthurer Stadtmeisterschaft und die Zürcher Oberlandmeisterschaft. Das Züri Masters findet dieses Jahr vom 13. bis 15. September im TC Uster statt. (nch)