Es sind noch nicht mal drei Gänge abgeschlossen beim diesjährigen Zürcher Kantonal-Schwingfest an diesem Sonntagvormittag. Doch einigen der über 150 Schwinger, die sich auf dem Adlikerbüel bei Watt-Regensdorf um einen Platz in den vorderen Rängen duellieren, sind die Spuren der Kämpfe schon deutlich anzusehen. Ein junger Schwinger blutet aus der Nase, lässt sich Pfropfen einsetzen, um weiterkämpfen zu können, und legt sich nach dem Kampf erschöpft neben das Sägemehl. Bei einigen anderen sind die Gesichter vor lauter Sägemehlspänen kaum mehr zu erkennen.

Erschöpft

Auch Thomas Kammermann ist nach seinem dritten Kampf gezeichnet. Erschöpft schleppt er sich in eine Ecke und macht ein paar Dehnübungen. «Der Gang dauerte sehr lange», sagt er. Der Thalwiler, der für den Schwingverband Glatt- und Limmattal startet, musste im dritten Gang gegen Marcel Güntensperger aus Oberhelfenschwil antreten.

Der erst 18-jährige Samuel Giger triumphiert. Im Schlussgang setzt er sich gegen den favorisierten Daniel Bösch durch.

Der erst 18-jährige Samuel Giger triumphiert. Im Schlussgang setzt er sich gegen den favorisierten Daniel Bösch durch.

Über fünf Minuten hat der Kampf gedauert, bis Kammermann seinen Kontrahenten mit einem Schwung ins Sägemehl werfen konnte. Damit hat er sich bereits den dritten Sieg an diesem Morgen geholt und den zweiten gegen einen anderen Kranzschwinger. «Ich bin sehr zufrieden», schwärmt Kammermann und lächelt trotz der Strapazen. «Es ist ein Start, wie man ihn sich bei seinem Heimschwingfest wünscht.»

«Heimschwingfest» – diesen Begriff meint Kammermann nicht nur geografisch. Denn er hat auch hinter den Kulissen mitgewirkt. So hat er unter anderem mitgeholfen, die Festwirtschaft aufzubauen. «Das motiviert einen natürlich zusätzlich», sagt der 28-Jährige. Auch die 6500 Zuschauerinnen und Zuschauer, die zum Kantonal-Schwingfest gekommen sind. «Die Atmosphäre ist einmalig», schwärmt Kammermann, «und das Wetter stimmt auch. Es ist für einen Schwingwettkampf perfekt.» Allerdings gibt er auch zu: «Die Nervosität war am Morgen schon einiges grösser als sonst.»

Kammermanns Ziel an seinem Heimwettkampf: Er will sich einen Kranz holen. Dazu braucht er mindestens vier Siege, je nach Benotung. Höhere Ambitionen hat er nicht. «Mit Bösch Dani, Bieri Christoph und Gisler Bruno sind einige Spitzenschwinger dabei», sagt Kammermann. «Die wollen hier gewinnen, denn das Eidgenössische in Estavayer-le-Lac steht ja an.» Er selbst erwartet am Nachmittag ein «rechtes Kaliber» in der Zuteilung.

Kammermanns Coup

Und so kommt es dann auch. Nach einer Niederlage im vierten und einem Sieg im fünften Gang muss Kammermann im sechsten Gang gegen Beni Notz antreten, einen eidgenössischen Kranzschwinger, der im erweiterten Favoritenkreis für den Gesamtsieg zu finden ist. Auf dem Papier ist er also klar stärker als Kammermann. Doch es scheint an diesem Tag alles für den Lokalmatadoren zu laufen. Kammermann bezwingt Notz sensationell und hat damit den Kranz endgültig auf sicher. Und es kommt noch besser. Nach dem Schlussgang ist klar, Kammermann beendet das Fest auf Rang zwei.

Doch nicht nur Kammermann sorgt für einen Coup. Im Schlussgang besiegt der erst 18-jährige Samuel Giger den Unspunnen-Sieger und Favoriten Daniel Bösch. Und das, nachdem Giger sich nur dank seiner guten Benotung für den Schlussgang hatte qualifizieren und den punktgleichen Beat Clopath hatte ausstechen können. Damit hat das Zürcher Kantonal-Schwingfest dem Publikum gleich mehrere Überraschungen beschert.