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Für Miro Weiss kommt das Pferd vor dem Erfolg

Pferdetrainer Miro Weiss im Stall Beliar mit einem seiner «Sportler».

Pferdetrainer Miro Weiss im Stall Beliar mit einem seiner «Sportler».

Miro Weiss ist seit 13 Jahren der erfolgreichste Rennpferde-Trainer der Schweiz. Der Urdorfer hat aber über den Sport hinaus eine beeindruckende Lebensgeschichte.

Miro Weiss, Was können Menschen von Pferden lernen?

Miro Weiss: Das ist eine Frage zum Philosophieren, aber nicht zum Beantworten. Pferde haben einen eigenen Charakter, aber das haben Menschen ja auch. Aber man kann ein Pferd nicht mit einem Menschen vergleichen. Viele Freizeitreiter vermenschlichen ihre Pferde und ordnen ihnen menschliche Eigenschaften zu. Doch das ist Blödsinn.

Sie sind seit Jahren der erfolgreichste Pferdetrainer der Schweiz? Sind Sie ein Pferdeflüsterer?

Ich bin kein Pferdeflüsterer. Unsere Familie hat seit sechs Generationen mit Pferden zu tun. Ich habe das Arbeiten mit Pferden von meinem Vater gelernt und dazu meine eigenen Erfahrungen gemacht. Die wichtigste Eigenschaft für einen Pferdetrainer ist die Beobachtung – was braucht das Pferd? Du kannst ein Pferd nicht wie einen Sportler fragen. Du kannst es nur beobachten und auf diese Weise beurteilen. Wenn ein Pferd im Rennen seine Leistung nicht bringt, ist es nicht einfach, die Gründe dafür zu finden. Man findet selten eine klare Antwort.

Die Arbeit mit Pferden hat in Ihrer Familie eine jahrhundertealte Tradition. Wieso sind Pferde die Passion der Familie Weiss?

Früher ging es primär um den Pferdehandel. Unsere Familie hat mit Kutschen- und mit Sportpferden gehandelt. Erst mein Vater ist in die Sparte Rennsport eingestiegen.

Ihre Familie musste im letzten Jahrhundert ganz schlimme Erlebnisse erfahren. Was wissen Sie von der Zeit, als Ihre Eltern im KZ von Auschwitz waren?

Ich weiss viel von dieser Zeit. Mein Vater hatte kein Problem damit, über die Erlebnisse zu erzählen. Diese Dinge sind in meinen Gedanken sehr präsent. Ich habe meinen Vater immer bewundert. Er musste so viele Male in seinem Leben wieder ganz von vorne beginnen. Und immer brachte er diese Kraft auf, um alles wieder aufzubauen. Sein Ziel lautete immer: Pferde, Pferde, Pferde. Er liess sich nie unterkriegen. Nach dem Krieg kehrte er nach Hause zurück und hatte alles verloren. Später kamen die Kommunisten und verstaatlichten den gesamten Besitz. Und 1968 kamen die Russen. Da packten wir die Koffer und sind gegangen. Wir mussten wieder alles zurücklassen, was er aufgebaut hatte. Mein Vater wollte nicht noch einmal einen Krieg erleben.

Ihre Eltern wollten in die USA emigrieren. Wieso sind Sie 1968 in der Schweiz gelandet?

Mein Bruder hat stets gesagt, wenn sich die Zustände in der Heimat eines Tages wieder verändern würden, wolle er zu Fuss zurückkehren können.

Sie haben hier mit dem Stall Beliar ein kleines Paradies. So komfortabel waren die Bedingungen in den ersten Monaten nicht.

Der Anfang war sehr schwer. Man kommt als Flüchtling in die Schweiz. Und man war als Ausländer hier nicht willkommen. Wir haben beinahe zwei Jahre zu viert in einem kleinen Zimmer in Zürich gewohnt. Die einzige Person, die wir in der Schweiz kannten, war ein Freund meines Vaters aus dem KZ Auschwitz. Aber für meine Eltern war es dennoch kein Vergleich mit dem, was sie während des Zweiten Weltkrieges erleben mussten.

Und dann kamen Sie nach Urdorf?

Mein Vater suchte einen Stall und wollte wieder neu anfangen. Er blieb ein Kämpfer. Dann haben wir hier in Urdorf hinter dem Restaurant Sonne einen Stall gefunden und sind später hierher gezügelt.

Sind Sie auch ein Kämpfer?

Jetzt, wo ich alleine bin, merke ich immer mehr, dass ich viel von meinem Vater habe. Ich lasse mich nicht so schnell unterkriegen.

Wieso der Name Beliar?

Mein Vater hat in der Schweiz ein ganz billiges Pferd gekauft, das auf einem Auge blind war. Er zahlte quasi nur den Metzgerpreis. Dieses Pferd hiess Beliar. Es wurde ein super Rennpferd. Mein Bruder hat damals gesagt, wenn wir irgendwo wieder einen Stall haben, dann wird dieser Beliar heissen.

Wie viele Pferde trainieren derzeit unter Ihren Fittichen?

Es sind immer etwa 60 Pferde.

Ein ziemliches Kapital, das da zusammenkommt?

Ich kaufe junge Pferde, verkaufe diese an meinen Kunden und trainiere sie für die Besitzer. Ich kann gut davon leben, aber eines darf man dabei nie vergessen. Ich hatte zum Beispiel im Jahr 2013 noch keinen einzigen Tag frei. Es ist mit viel Arbeit verbunden. Und man braucht dafür viel Herzblut. Ich spüre auch das Alter. Es geht nicht mehr alles so einfach wie vor zehn Jahren.

Aber Sie lassen sich kaum nächstes Jahr pensionieren?

Auf keinen Fall. Sich pensionieren zu lassen, ist für mich kein Thema.

Sie wählen die Pferde selber aus. Wo finden Sie all diese «Talente»?

England, Irland, Deutschland, Frankreich, Slowakei, früher habe ich viele Pferde in Russland gekauft.

Es waren ziemlich abenteuerliche «Einkaufsreisen» in die tiefe russische Provinz nahe der Grenze zu Tschetschenien?

Sehr abenteuerlich. Die Inlandflüge in Russland waren mit Flugzeugen, bei denen man erstaunt war, dass sie überhaupt noch flogen. Aber ich bin immer gerne dorthin gegangen. Ich habe dort so viele Sachen gelernt.

In der Schweiz haben die Pferdekenner zuerst über die dort gekauften Pferde gelacht?

Ja, man hat mich ausgelacht.

Aber nicht lange!

Nein, nicht lange. Die Pferde waren sehr gut und haben viele Rennen gewonnen. Die Berufskollegen wurden neidisch und man begann, die Abstammung und die Zucht infrage zu stellen. Aber das waren alles Leute, die keine Ahnung hatten, wie es dort läuft. Vom Hörensagen lernt man lügen. Was ich dort punkto Pferdezucht gesehen habe, ist wahnsinnig.

Inwiefern?

Ich bin sicher der Einzige in der Schweiz, der die Vorteile der Vollblutzucht in der russischen Provinz gesehen hat. So etwas hat kein anderes Land der Welt. Leider ging dieses Wissen in den letzten Jahren in Russland mit dem Einstieg von vielen reichen Leuten in den Rennsport oder in die Zucht nur aus finanziellen Überlegungen immer mehr verloren.

Sie sind der erfolgreichste Pferdetrainer der Schweiz. Spüren Sie noch immer Neid der Kollegen?

Neid muss man sich erkämpfen. Ich habe in meinem Leben etwas gelernt: Es interessiert mich nicht, was die anderen machen. Und es interessiert mich nicht, was andere Leute über mich sagen. Wenn mir heute einer auf die Schultern klopft, dann kann es sein, dass er nächste Woche über mich flucht. Ich weiss, was ich will. Ich weiss, was es braucht, um der Beste zu sein. Solange ich das mache, will ich der Beste bleiben.

Am Sonntag in Dielsdorf waren Sie nicht der Beste. Sie zogen Ihre Pferde kurz vor dem Start wegen des tiefen Geläufs vom Rennen zurück!

Ich kann mich nur wiederholen. Ich weiss, was ich will. Ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass sich die Pferde verletzen. Für mich kommt an erster Stelle das Pferd und erst danach der Erfolg. Wenn ich ein einziges Mal etwas anderes denken würde, dann müsste ich sofort aufhören.

Mit Ihrer konsequenten Haltung machen Sie sich nicht nur Freunde!

Wenn ich nicht mehr sagen kann, was ich denke, dann bin ich kein Weiss mehr. Mein Vater hat mir zwar immer gesagt: Warum machst du dir so viele Feinde, es ist schlecht für unser Geschäft? Einerseits hatte er recht, andererseits fragte ich ihn, wieso gerade er, der sein Leben lang für die Wahrheit und gegen Unrecht angekämpft hat, so etwas sagt. Als wir vor 30 Jahren hierher gezügelt sind, prozessierten wir zuerst zehn Jahre lang gegen die Gemeinde Urdorf. Die Bauern in unserer Nachbarschaft waren unsere grössten Feinde. Als ich damals eines Tages im Wald reiten gegangen war, begegnete mir ein Bauer, der im Gemeinderat sass. Er sagte zu mir: «Du Scheiss-Jude, verschwinde von hier!» Aber wir haben uns nicht unterkriegen lassen.

Ist das Verhältnis mit der Gemeinde Urdorf heute besser?

Wir waren während Jahrzehnten die schwarzen Schafe der Gemeinde. Heute lässt man mich in Ruhe. Aber obwohl ich seit 1996 der erfolgreichste Trainer der Schweiz bin, hat mir noch nie jemand dafür gratuliert.

Sie wirken wie ein Patron alter Schule. Findet man unter der harten Schale einen weichen Kern?

Ich bin kein strenger Arbeitgeber. Ich habe Vertrauen in meine Angestellten. Ich mache gerne Spass. Ich bin nicht so ein ernster Mensch, wie viele denken.

Oft lachen Sie aber nicht?

Kann schon sein. Ich zünde Leute gerne an. Viele verstehen meine Art von Spass nicht so gut.

Was macht Sie glücklich?

Pferde.

Und was ärgert Sie?

Wenn ich sehe, dass Unwissen regiert. Unwissen ist für mich nicht akzeptabel.

Essen Sie Pferdefleisch?

Nein.

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