Gerade mal 10,16 Sekunden. So kurz ist die Zeitspanne, in der die 100-Meter-Läufer ihre Distanz absolvieren müssen, um sich für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro zu qualifizieren. Brauchen sie länger, haben sie die Limite und damit die Starterlaubnis für ihre Disziplin verpasst. Sie müssen also sehr schnell sein. Und Rolf Malcom Fongué war sehr schnell. Vor vier Jahren hat der Dietiker die 100 Meter in 10,25 Sekunden geschafft und war damit näher an der Olympia-Limite als je zuvor. 2015 erreichte er das Ziel in immerhin 10,43 Sekunden. Sein Traum damals: die 100 Meter in 10,16 Sekunden oder weniger zu rennen und sich damit einen Startplatz in Rio zu sichern.

Ein knappes Jahr später ist Fongués Traum geplatzt. Im dritten Wettkampf der Saison hatte er sich einen Muskelfaserriss zugezogen und fiel für zwei Monate aus. Er konnte weder an der Europa- noch an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Erst seit wenigen Wochen kann er wieder voll trainieren. Und vorletzte Woche nahm er erstmals seit langem wieder an einem Wettkampf teil: an der Schweizer Meisterschaft in Genf. «Doch ich musste den Vorlauf nach 40 Metern abbrechen, weil ich es im Oberschenkel spürte», sagt Fongué. Der Start an einem solchen Wettkampf sei noch zu früh gewesen.

Die Teilnahme an der Schweizer Meisterschaft war für Fongué zwar ein Lichtblick in einer Saison, die er fast komplett abschreiben musste. Die Frist für die Olympia-Qualifikation hatte jedoch bereits eine Woche zuvor geendet. Damit geriet die Schweizer Meisterschaft für Fongué lediglich zur Standortbestimmung auf seinem Weg zurück zum Spitzensport, selbst ein Exploit hätte ihm bezüglich Rio nichts mehr genutzt. Ein frustrierender Umstand, mit dem der Dietiker aber erstaunlich gut zurechtzukommen schien. «Ich hatte während meiner Karriere immer Rückschläge zu verkraften», sagt er. «Darum habe ich Erfahrung damit. Ich denke nicht mehr allzu lange über so etwas nach.» Zumal eine Verletzung eine Tatsache sei, die es zu akzeptieren gelte. «Es ist psychologisch angenehmer, verletzt zu sein, als wenn es einem nicht läuft», meint Fongué.

Zudem konnte er sich während seiner verletzungsbedingten Abwesenheit vom Spitzensport auf anderes konzentrieren, zum Beispiel auf seinen Beruf. «Ich war vermehrt als Personal-Trainer im Einsatz», berichtet er. «Und das möchte ich ausbauen.»

Sein Ausfall hat Fongué ins Grübeln gebracht. Er steht am Scheideweg, wie er selbst sagt, und überlegt sich sogar, sich künftig ganz auf seinen Beruf zu konzentrieren. «Ich will nicht mehr so viel investieren wie im vergangenen Jahr», sagt der 28-Jährige. «Ich betreibe seit zehn Jahren Spitzensport, und ich glaube nicht, dass ich so viel Aufwand brauche, um gute Resultate zu erzielen.»

Auch bezüglich seiner Ziele in der Leichtathletik ist Fongué ins Grübeln geraten. «Für nächstes Jahr habe ich mir noch keine Gedanken gemacht», gibt er zu. «Es wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen, wo meine Ziele liegen.» Das gelte sowohl für den 100-Meter-Lauf als auch für die Staffel, bei der Fongué noch nicht weiss, wie die Planung aussieht: «Wenn ich das erfahren habe, werde ich entscheiden, wie es weitergeht.» Immerhin kann Fongué seinen Körper wieder voll belasten und trainiert normal. Nur habe er halt einen grossen Trainingsrückstand: «Ich muss die schnellen Bewegungen wieder einüben.» Und dann, wenn er sich bereit dazu fühlt, bestreitet er dieses Jahr womöglich noch ein, zwei Wettkämpfe. Auf jeden Fall aber wird er die Olympischen Spiele am Fernsehen mitverfolgen.