Eishockey

Florence Schelling: «Andere Spielerinnen beneideten mich»

Die Oberengstringerin Florence Schelling hat die Schweiz zur WM-Bronzemedaille gehext. Für ihre Glanztaten wurde sie zum besten Goalie der Weltmeisterschaft und ins Allstar Team gewählt. Die Nati-Torhüterin im Gespräch mit der az.

Florence Schelling, Sie klingen heiser. Vom Feiern?

Florence Schelling: Nein, nein. Das ist am Morgen immer so – ich kann die Klimaanlage im Haus hier nicht selbst regulieren.

Haben Sie die Medaille in ein Bankschliessfach getan?

Nein, die ist in meiner Nähe.

Dank des dritten Rangs ist die Schweiz Weltranglisten-Vierte. Das heisst, dass sie an der nächsten WM und den Olympischen Spielen in der Gruppenphase jeweils auf die Topteams USA und Kanada trifft, gegen die sie keine Chance hat. Sind Sie erleichtert oder besorgt darüber?

Das stimmt so nur für die WM, an der wir den Rang unter den ersten vier bestätigen müssen, um in Sotschi dann wiederum in der Topgruppe zu sein.

Sie denken bereits so weit?

Nicht wirklich.

Sie waren an der WM in der Nähe von Boston die mit Abstand beliebteste Schweizerin bei den Medien. Konnten Sie sich überhaupt noch auf Ihr Studium konzentrieren?

Mir blieb nichts anderes übrig. Ich habe morgen (am vergangenen Dienstag, das Gespräch fand am Montag statt, Anm. d. Red.) und am Mittwoch Abschlussprüfungen. Während der beiden Frei-Tage setzte ich mich zum Lernen hin – natürlich war es nicht so gut wie in der Unibibliothek, aber es ging. Die anderen gingen shoppen, das kenne ich ja schon alles. Auch die Stadt Burlington war mir schon von vorher bekannt. Andere Spielerinnen beneideten mich um meine Disziplin – wir haben ja viele Schülerinnen im Team.

Sie absolvieren im nächsten Semester ein Praktikum in Montreal. Spielen Sie für das Profi-Frauenteam der Montreal Stars?

Das entscheide nicht ich. Anfang Juli sind Drafts wie in der NHL, wo Teams mich verpflichten können. Erst im Anschluss daran darf ich mit interessierten Vereinen in Kontakt treten. Meine sportliche Zukunft ist völlig offen.

Sie sind als beste WM-Torhüterin ausgezeichnet worden und müssen nun durch den Draft. Eine seltsame Situation für Sie als Europäerin?

Gar nicht. Ich weiss von Charline Labonté, die in Montreal und bei den Kanadierinnen im Tor steht, dass es nicht leicht würde, mich dort durchzusetzen.

Was wäre die Alternative?

Ich würde mir ein Männerteam im Raum Montreal suchen.

Was bedeutet Ihnen die Nomination für das Allstar Team und die Auszeichnung zum besten Goalie der WM?

Sehr, sehr viel. Ich bin schon so lange dabei, habe so viele Weltmeisterschaften bestritten, und diesen Award noch nie gewonnen. Es ist das – wie sagt man auf Deutsch – i-Tüpfelchen auf eine gute Saison, ein perfekter Abschluss.

Sie haben schon früher damit gerechnet?

Ich weiss, dass die Auszeichnungen kommen, wenn ich gut spiele. Dass war auch diesmal so.

Hätte die Schweiz nicht WM-Bronze gewonnen, wäre es unabhängig von Ihrer herausragenden Leistung wohl nicht so weit gekommen.

Das glaube ich nicht. Letztes Jahr wurde Slowakei-Goalie Tomcíková ausgezeichnet und wurde – glaube ich – auch ins Allstar Team gewählt. Sie spielte mit ihrem Team gegen den Abstieg.

Welches war für Sie der schönste Moment der WM?

Ich hatte extrem viele schöne Momente: der 2:1-Sieg gegen die Slowakei, wo mir ein sehr gutes Spiel gelang und ich zum Best Player ausgezeichnet wurde, genauso wie gegen die Schwedinnen. Nach dem Sieg waren wir erstmals Gruppensieger an einer WM. Dann die Revanche gegen Russland – und natürlich in den USA gegen die USA. Die Standing Ovations des Publikums nach meiner Auswechslung … Diese Momente werde ich nie vergessen.

Ist es wahr, dass Sie genervt waren, weil Sie beim Stand von 0:9 ausgewechselt wurden?

Genervt nicht, aber enttäuscht. Die Mannschaft hatte gerade einen Break Down, wir kassierten innert kurzer Zeit drei Tore, was völlig unnötig war nach einem guten Spiel vorher. Im Nachhinein war es besser, weil ich ab da schon auf das Finnland-Spiel konzentrieren konnte.

Sie stehen oft im Mittelpunkt, haben als Weltklassetorhüterin eine Ausnahmestellung. Spüren Sie das innerhalb des Teams?

Nein, das ist kein Thema. Weil ich in den USA spiele und dort bekannt bin, war klar, dass sich vieles auf mich konzentriert – ausserdem: Ich bin Goalie, da habe ich immer etwas mehr Präsenz.

Wird Ihnen für Ihre Leistungen noch während eines Spiels von Gegnerseite gratuliert?

Von den Amerikanerinnen haben mich tatsächlich einige für gelungene Abwehraktionen auf dem Eis beglückwünscht. Ich spielte ja auch gegen eine Teamkollegin von der Northeastern University.

Haben Sie ein Tor von ihr kassiert?

(Überlegt lange.) Nein, von ihr habe ich kein Tor kassiert – ein persönlicher Sieg (lacht).

Verbringen Sie den Sommer wie in den Vorjahren in der Schweiz?

Ich habe vor, bald nach Hause zu kommen. Zuerst wartet aber eine Woche Ferien in Puerto Rico. Darauf freue ich mich wahnsinnig.

Meistgesehen

Artboard 1