Fussball
FCZ vor dem Cupfinal: Canepas Einsicht auf Bewährung

Der FC Zürich stürzt in die Zweitklassigkeit – und greift heute gegen Lugano im Letzigrund nach der Cup-Trophäe. Von der Absurdität des Fussballs und dem Eigensinn eines Präsidenten.

Thomas Renggli
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Ancillo Canepa bleibt Präsident des FC Zürich und strebt mit den Zürchern den sofortigen Wiederaufstieg an

Ancillo Canepa bleibt Präsident des FC Zürich und strebt mit den Zürchern den sofortigen Wiederaufstieg an

KEYSTONE/WALTER BIERI

FCZ-Präsident Ancillo Canepa lädt 36 Stunden nach dem Sturz in die Challenge League zur Medienkonferenz – beziehungsweise zur Schadensbilanz. Tatort ist weder der Letzigrund noch das Klubmuseum. Beide Lokalitäten sind besetzt. Der FCZ ist von den eigenen Räumlichkeiten ausgeschlossen.

Deshalb empfängt der Chef die Journalisten im Hotel Sheraton an der Pfingstweidstrasse – im Konferenzsaal «Hardturm I». Der Medienchef entschuldigt sich für die Örtlichkeit: «Der Raum wurde uns zugewiesen.» Dabei weckt die alte GC-Heimat auch im FCZ schöne Erinnerungen. Hier feierte der Klub nach einem Derbysieg 2007 seinen elften Meistertitel. Canepa tanzte damals in spitzbübischer Frische mit seinen Spielern einen präsidialen Kasatschok.
Neun Jahre später sieht der Patron abgekämpft aus – wie eine Mischung aus Rudi Völler und Danny De Vito. Eine Stilberatung würde ihm ebenso gut tun wie ein neuer Coiffeur. 15 Mikrofone versperren ihm fast die Sicht. Doch den Durchblick glaubt er nicht verloren zu haben: «Wir haben Fehler gemacht – und wir werden diese analysieren. Und dann werden wir allenfalls Strukturbereinigungen vornehmen.» Einen Rücktritt schliesst er aus: «Wenn man etwas an die Wand fährt, wäre es billig, den Bettel hinzuschmeissen – wir streben den sofortigen Wiederaufstieg an.»

Nach dem Abstiegsdebakel des FC Zürich stellte sich Ancillo Canepa den Fragen der Medienschaffenden.
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Pressekonferenz: Ancillo Canepa nach dem FCZ-Abstieg

Nach dem Abstiegsdebakel des FC Zürich stellte sich Ancillo Canepa den Fragen der Medienschaffenden.

Keystone

Wie weit die Einsicht reicht, bleibt abzuwarten. Der harsch kritisierte Klubbesitzer Canepa sagt: «Präsident Canepa wird Sportchef Canepa sicher nicht entlassen.» Gleichzeitig räumt er ein, dass er in der Situationsanalyse auf aussenstehende Persönlichkeiten hören will. «Sie sollen eine gesunde Distanz zum Klub und zu meiner Person haben und die Lage nüchtern einschätzen.»
Ancillo Canepa scheint selber am meisten überrascht, dass er an diesem Mittag über den Abstieg sprechen muss – und sich nicht vorbehaltlos auf den «sonntäglichen Festtag» mit dem Cup-Final freuen kann. Dabei hatte sich der sportliche Bankrott schleichend angekündigt – und an Kommentaren fehlte es nicht. Stürmerlegende Fritz Künzli sagte: «Schuld ist allein Präsident Canepa.»

Komiker Beat Schlatter analysierte: «Das sind alles Komödianten.» Feuerwehrmann Uli Forte fragte seine Mama um Rat, ging in die Kirche und zündete eine Kerze an. Nur der ewige Spielmacher Köbi Kuhn sprach lieber über seine Heiratspläne als über das gebrochene FCZ-Herz. Es nützte alles nichts. Die Fussballgötter rümpften schnöde die Nase. «Das ist kein guter Abend für Zürich», kommentierte der städtische Sportminister Gerold Lauber den Abstieg nüchtern. Immerhin bewies er Sozialkompetenz und stellte den fussballerischen Habenichtsen eine Mietzinsreduktion in Aussicht.

Das städtische Entgegenkommen dürfte aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein sein. Weil im Klub – bis auf die Leihspieler Kerschakow und Vinicius sowie Verteidiger Koch – alle Spieler weiterlaufende Verträge besitzen (ohne Klausel zur Lohnreduktion bei einem Abstieg), der Kontrakt mit dem Hauptsponsor ausläuft und die Ticketeinnahmen sinken, wird die Challenge League ein teures Abenteuer.

«Es macht keinen Sinn alles runterzufahren und über den Haufen zu werfen, nur um in 12 Monaten alles wieder rückgängig zu machen», sagt Canepa. Im Plenum lächelt seine Ehefrau Heliane leicht gequält. Sie hält mit ihrem Vermögen dem Ehegatten den Rücken frei.

Die Zürcher Seele ist angeschlagen

Im Umfeld des Klubs dürfte Canepas Auftritt mit gemischten Gefühle zur Kenntnis genommen werden. Denn die Chance auf einen konsequenten Neuanfang scheint verpasst. Ein Erfolg im Cup-Final gegen Lugano könnte etwas Geld in die Kasse spülen, aber letztlich würde er nur von den tiefergreifenden Problemen ablenken.

Der Finne war an der Seitenlinie eine ähnliche Fehlbesetzung wie die Wahlschweizerin Rykka am Eurovision Song Contest oder Möchtegern-Rocky Arnold Gjergjaj im Londoner Boxring. Auch Hyypiä wirkte ständig, als sei er von Bauchkrämpfen geplagt und vom gegnerischen Fausthagel erschüttert. Nur Canepa schaute weg. Das Resultat war unvermeidlich: Letzter Platz. K. o. Gong.
Das schmerzt eine ganze Stadt – selbst die Grasshoppers, die kurzfristig ohne die Derby-Einnahmen leben müssen. Zwar mobilisiert der FCZ nur einen Bruchteil der Zuschauer der Konkurrenz vom Rhein. Er ist durch eine Leichtathletikbahn von seinen Fans getrennt und wird im sportlichen Schadenfall von der Öffentlichkeit auf ein paar Chaoten reduziert.

Trotzdem berührt er die Zürcher Seele mehr als die Renovation des Kongresshauses oder die neue Tramlinie auf der Hardbrücke. Denn der FCZ verkörpert die sozialromantische Suche nach dem Erfolg, die Sehnsucht nach der glorreichen Vergangenheit, die Leidensfähigkeit des kleinen Mannes. Diese Ansprüche kann er momentan perfekt befriedigen – immerhin.