Unterengstringen
«Es ist einfach geil» – das Padel-Mekka befindet sich im Limmattal

Die Entwicklung des Rackettsports in der Schweiz wird von Unterengstringen aus entscheidend geprägt

Florian Schmitz
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Padel-Hochburg in Unterengstringen
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In Unterengstringen stehen drei Padelplätze zur Verfügung.
Alain Cornuz erwischt den Ball mit Schwung.
Der gelöcherte Schläger aus Kunststoff hat einen Schaumstoff-Kern.
Smashes führen im Padel wegen der bespielbaren Wand hinter dem Feld nur selten direkt zum Erfolg.
Der Center Court: Durch die Öffnung in der Mitte darf man während dem Ballwechsel rausrennen, um scheinbar unerreichbare Bälle doch noch zurückzuspielen.
Die Bälle erinnern ans Tennis, haben aber einen geringeren Luftdruck.
Der erste Padel-Platz wurde 1962 von Enrique Corcuera errichtet.
1970 eröffnete Alfonso Hohenlohe in seinem Club-Hotel in Marbella die erste Anlage in Spanien.

Padel-Hochburg in Unterengstringen

Florian Schmitz

Für geschulte Tennisohren tönt das aus der Ferne zu vernehmende, eher dumpf klingende Ploppen anfangs ungewohnt. Fast so, als würde der Schlägerrahmen jeden Ball treffen. Die nähere Betrachtung bringt Aufklärung: Während die fünf roten Sandplätze leer stehen, wird dahinter in zwei 20 auf 10 Meter grossen Käfigen mit blauem Kunstrasen intensiv um Punkte gekämpft, gerannt, gelacht und geflucht. Gespielt wird Padel.

Wir befinden uns in der Schweizer Hochburg des Sports, dem Tennis- und Padelclub Unterengstringen. «Es ist einfach geil. Der Fun-Faktor ist zehn Mal höher als beim Tennis», schwärmt Alain Cornuz, Sportchef im Club, und bestätigt damit den Eindruck, der beim Zuschauen entsteht. «Die Freude, die beim Spielen herrscht, ist unbeschreiblich», fügt Reto Scartazzini, Clubverantwortlicher für Padel, hinzu.

Der Rackettsport wird immer im Doppel gespielt. Wie beim Tennis sind beide Teams von einem Netz getrennt und als Spielgerät sind gelbe Filzbälle im Einsatz, die allerdings etwas weniger prall sind als Tennisbälle. Die Schläger sind nicht mit Saiten bespannt, sondern komplett aus Kunststoff, was den weniger eleganten Klang erklärt.

Gewonnen ist ein Punkt, wenn der Ball zwei mal hintereinander den Boden berührt. Dabei müssen die Spieler einen guten Rundblick haben, denn die Käfigwand, die teilweise aus Glas besteht, ist Teil des Spielfelds. Und auch von ausserhalb des Käfigs darf der Ball wieder reingespielt werden. Wenn jemand in der Mitte beim Netz hastig aus dem Käfig spurtet, führt das gerade bei den Profis zu äusserst spektakulären Ballwechseln.

Padel live erleben

Vom 18. bis 20. August findet im Club in Unterengstringen mit dem
Zurich Padel Open das bisher am besten besetzte Turnier auf Schweizer Boden statt.

Für die internationale Kompetition reisen auch Spieler aus dem Ausland an. Wer die besten Schweizer Padel Spieler im Kampf um die nationale Krone erleben will, kann sich das Wochenende vom 16. und 17. September vormerken. Dann wird die Schweizer Meisterschaft in Unterengstringen ausgetragen. (flo)

Die Erfindung des Sports geht zurück auf einen Mexikaner, der 1962 auf seinem Anwesen einen Fronton (Spielfeld für den baskischen Nationalsport Pelota) mit Mauern und einem Netz ausrüstete. Ein spanischer Freund brachte die Idee 1970 nach einem Besuch zurück in seine Heimat, wo die Sportart schnell an Beliebtheit gewann. Am weitesten verbreitet ist Padel heute in Südamerika und Spanien, wo auch ein Grossteil der Turniere auf der Profitour ausgetragen werden. Die besten Spieler der Welt stammen hauptsächlich aus Spanien und Argentinien.

Das Unterengstringer Experiment

Doch wie wurden ausgerechnet die Unterengstringer zu den Padel-Pionieren in der Schweiz? Der Start war eher unscheinbar. 2010 schlug ein aus Singapur zurückgekehrtes Tennisclub-Mitglied vor, die bestehende Ballwand durch einen Padel-Platz zu ersetzen, erzählt Cornuz. Die Verantwortlichen zeigten sich offen für das Experiment, auch weil die Tenniskonkurrenz in der Region gross und die Mitgliederzahlen schweizweit eher rückläufig waren.

Doch der erste Padel-Platz der Schweiz wurde nicht auf Anhieb zum Erfolgsmodell. Zu Beginn kamen vor allem Spanier in den Club, aber die Padel-Spieler seien sich eher Sportcenter gewohnt gewesen und nie richtig Teil des Vereins geworden, sagt Cornuz. Als der Tennisclub Brugg ein paar Jahre später ebenfalls auf Padel setzte, verliessen die meisten Spieler Unterengstringen und der Platz darbte vor sich hin.

Reto Scartazzini und Claudia Bräm lernten den Sport in den Sommerferien 2014 in Spanien kennen. Die beiden waren so angefressen, dass sie sich, zurück in der Schweiz, sofort nach Spiel-Möglichkeiten umsahen und in Unterengstringen Mitglied wurden. Kurz später war Scartazzini im Club verantwortlich für die Sportart und 2015 erfolgte mit der Sanierung des Platzes ein Neustart. Dieses Mal lief es so gut, dass der Platz anderthalb Jahre später fast immer ausgebucht war und zwischenzeitlich ein Mitgliederaufnahme-Stopp erfolgte. Weil man jeweils sieben Tage im Voraus buchen konnte, seien einige Mitglieder extra um Mitternacht aufgestanden, um sich die besten Zeitfenster zu sichern, erzählt Cornuz.

Einstimmig zu mehr Plätzen

Die hohe Auslastung machte einen Ausbau nötig. An einer ausserordentlichen Generalversammlung entschieden die anwesenden Clubmitglieder einstimmig, einen Tennisplatz aufzugeben zugunsten von zwei zusätzlichen Padel-Courts, die Ende 2016 eingeweiht wurden. Im zweiten Anlauf klappte es also auch mit der Integration der neuen Sportart in die bestehenden Vereinsstrukturen. Und seit diesem Jahr hat es «Padel» in Unterengstringen sogar in den offiziellen Clubnamen geschafft. Mittlerweile verzeichnet der Club laut Cornuz, der nach 35 Jahren als Tennisspieler nächstes Jahr nur noch auf Padel setzen will, rund 70 reine Padel-Spieler und etwa 20 Tennisspieler, die regelmässig im Käfig aktiv sind.

Auch Claudia Bräm ist dem Sport eng verbunden geblieben und wurde Ende 2016 zur Präsidentin von Swiss Padel, dem nationalen Verband, gewählt. Sie ist nicht das einzige Unterengstringer Clubmitglied, das sich im Verband für die Verbreitung des Sports einsetzt.

Obwohl Padel ausgehend von Tennis entwickelt wurde und viele ehemalige Spieler von dort gewechselt sind, ist es Bräm, die selbst nie Tennis spielte, ein wichtiges Anliegen, das Rackettspiel als eigenen Sport zu platzieren: «Weil es Tennisflair ausstrahlt, versuchte man in der Vergangenheit fast zu stark, es auf Tennisspieler auszurichten.» Ihr gefalle besonders der Teamgedanke und der taktische Punktaufbau, bei dem Gewalt fast nie ein probates Mittel zum Erfolg sei. Ausserdem sei es viel einfacher zu erlernen als Tennis und es entstünden bereits recht schnell faszinierende und spektakuläre Ballwechsel, so Bräm.

Auf dem Weg zum Breitensport

Eine fremde Sportart ist wie gute Musik nur schwer in Worte zu fassen. Folglich arbeitet der Unterengstringer Vorstand genauso wie der Verband daran, möglichst viele Menschen mit Padel in Berührung zu bringen und die eigene Begeisterung für den Sport weiterzuvermitteln. So beteiligt sich der Club etwa zum zweiten Mal am im Herbst stattfindenden Rägi Camp, bei dem Kinder und Jugendliche aus der Region Furttal für sie unbekannte Sport- und Freizeitangebote kennenlernen.

Auf dem am Clubgelände vorbeiführenden Chriesihogerweg, wo laut Cornuz regelmässig Spaziergänger neugierig hängenbleiben, um den Padel-Cracks zuzusehen, klärt eine Infotafel über den Sport auf. Und nicht zuletzt ist man in Unterengstringen bemüht, hochwertige Padel-Spiele zu präsentieren. Vom 18. bis 20. August findet mit dem Zurich Padel Open erstmals ein Internationales Turnier in der Schweiz statt.