Es sei vorweggenommen: Thomas Lips ist kein Masochist. Aber Thomas Lips ist ein Mann mit klaren Prinzipien und Vorstellungen, der über sich selber sagt: «Wenn ich eine Meinung habe, vertrete ich sie und bleibe dabei – ausser jemand kann mir Beweisen, dass ich im Unrecht bin.» Diese Einstellung hat den Europameister von 2006 dazu bewogen, nach der WM in diesem Jahr den gut bezahlten Trainerjob bei Russland aufzugeben und sich einem neuen Abenteuer zu widmen.

Während die Osteuropäer seit zehn Jahren immer beinahe dasselbe Frauenteam an die internationalen Titelkämpfe schicken, wollte Lips vier Mannschaften aufbauen, die sich gegenseitig konkurrieren. Weil dadurch möglich wäre, dass auch international unerfahrene Curlerinnen sich für eine Welt- oder Europameisterschaft qualifizieren könnten, sah man im Russland eine zu grosse Gefahr, aufgrund von Unerfahrenheit die Medaillenchancen zu verringern. «Paradox war, dass der russische Verband gleicher Meinung war wie ich, aber die Regierung nicht», sagt der Urdorfer.

Chaotischer Zustand

So entschied sich Lips, weiterzuziehen. Er nahm das Angebot des deutschen Bundestrainers an, wo er sich zuvor mittels einer 40-seitigen Dokumentation («aber mit grosser Schrift», O-Ton Lips) beworben hatte. Ein Entscheid in klarem Bewusstsein über die Grösse dieser Herausforderung: «Gegenüber rund 8000 CurlerInnen in der Schweiz hat Deutschland bei 80 Millionen Einwohnern, knapp 700 Lizenzierte. Dazu kommen grosse Mentalitätsdifferenzen innerhalb des Landes.»

Das vergangene halbe Jahr nutzte der 44-Jährige vor allem, um sich ein Überblick über den Ist-Zustand zu machen. Und der gestaltete sich als noch chaotischer, als zunächst angenommen. Der Höhe-, beziehungsweise der Tiefpunkt war die Nomination des Frauenteams für die EM in Champéry. Skip Andrea Schöpp und ihre Mannschaft qualifizierten sich zwar über den sportlichen Weg, aufgrund von Differenzen mit dem Verband, Schöpp wollte beispielsweise ihren Bruder als Coach nach Champéry mitnehmen, entschied man sich, die zweitplatzierte Equipe um Skip Daniela Driendl an die Europameisterschaften zu schicken.

Verpasste WM-Qualifikation

Eine Massnahme, die Schöpp nicht auf sich sitzen liess: Die ehemalige Weltmeisterin klagte ihre Teilnahme an den Titelkämpfen ein, was wenige Stunden vor Beginn der Titelkämpfe vom zuständigen Bezirksgericht gutgeheissen wurde. Driendl blieb nichts anderes übrig, als nach einem Monat Vorbereitung die Koffer zu packen und mit ihrem Team nach Hause zu fahren – und Lips entschied sich, für dieses Turnier nur das Männerteam zu coachen.

Dort erreichte er zwar das erklärte Ziel Klassenerhalt, in der Ausscheidung gegen Finnland verpassten die Deutschen jedoch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft vom kommenden Jahr. Auch aufgrund der bisher gesammelten Eindrücke, aber vor allem dank seiner grossen Erfahrung hat der Bundestrainer klare Vorstellungen, wie er die olympische Sportart im «grossen Kanton» vorantreiben möchte, falls sein bis Ende Jahr laufender Vertrag verlängert werden sollte.

Noch liegen viele Steine im Weg

Es klingt fast schon drohend, wenn der Curling-Fanatiker davon spricht, dass «viele Steine aus dem Weg geräumt werden müssen.» Grundvoraussetzung ist allerdings, dass der Sport finanziell weiterhin unterstützt wird. So simpel dies für ein Land wie Deutschland klingen mag, die Unsicherheit bleibt bis zur endgültigen Entscheidung, welche in den nächsten Tagen getroffen werden soll.

Verunsichern, oder gar den Spass am Curling verderben, lässt sich Lips dadurch nicht. Ob der ganze Gegenwind eine zusätzliche Motivation für den Limmattaler ist, beantworteter lachend: «Brauchen würde ich das alles schon nicht. Schliesslich bin ich ja kein Masochist.»