Jessica Berger kommt direkt von der Pädagogischen Hochschule Zürich zum vereinbarten Treffpunkt am Zürcher Hauptbahnhof. Die 21-Jährige studiert im zweiten Semester mit dem Berufsziel Primarschullehrerin. Neben der Ausbildung steht der Sport bei Berger an oberster Stelle. «Ich kann nicht länger als eine Woche ohne Fussball sein. Das ist für mich der ideale Ausgleich», sagt die überragende Spielerin des FC Schlieren in der zurückliegenden ersten Phase der NLB.

Gegen Jungs durchgesetzt

Die Karriere von Jessica Berger beagnn im Alter von zehn Jahren beim FC Wädenswil. Ihr Pflegevater, der dort als Juniorentrainer tätig war, förderte ihr Talent. Drei Jahre lang spielte sie bei den Jungs. «Als einziges Mädchen war es nicht immer einfach und ich musste mich schon besonders beweisen. Aber in dieser Zeit habe ich gelernt, mich durchzubeissen», erzählt Berger.

Mit 17 in die erste Mannschaft beim FCZ berufen

Das machte sich bezahlt. Nachdem sie mit 14 zu den Frauen gewechselt hatte, kannte ihr Karriereverlauf nur eine Richtung: nach oben. Drei Jahre spielte sie in der U18-Equipe des FC Zürich und konnte dabei drei Meistertitel feiern. Mit 17 wurde sie in die erste Mannschaft berufen, wo sie sich einen Stammplatz als rechte Aussenverteidigerin erkämpfte.

Zu viel Druck

Doch dann, auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere, kam vor einem Jahr der Wechsel zum FC Schlieren, ein Verein, der bezüglich Trainingbedingungen, Infrastruktur und Umfeld meilenweit hinter dem FC Zürich hinterherhinkt. Der Grund war eine Blockade: «Ich setzte mich selbst zu stark unter Druck und war mental nicht mehr in der Lage, mich beim FCZ durchzusetzen. Ich brauchte daher einen Wechsel», äussert sie sich selbstkritisch.

Beim FC Schlieren hat sie die nötige Lockerheit und Spielfreude wiedergefunden. Das stellte Berger in der Hinrunde eindrücklich unter Beweis. Mit 10 Treffern ist die Mittelfeldspielerin die torgefährlichste Akteurin ihres Teams. «Dabei ist der Schuss eigentlich eine meiner Schwächen»,sagt sie lachend.

Das Interesse der anderen Klubs

Die guten Leistungen blieben natürlich nicht unbemerkt. In der Winterpause bekundeten die beiden Nationalliga-A-Vereine GC und Schwyz Interesse an Berger. Doch für sie kommt ein Wechsel derzeit nicht in Frage. «Wegen des Studiums bleibe ich vorläufig in Schlieren», sagt sie. Sportliche Perspektiven sieht die ehrgeizige Mittelfeldspielerin im Limmattal jedoch keine. «Für meine Entwicklung ist es wichtig, dass ich bald in die Nati A zurückkehre und mich der mentalen Herausforderung stelle, die mich beim FCZ blockiert hatte», erklärt Berger.

Der Traum vom Profi aufgegeben

Den Traum, ihr Geld als Profifussballerin zu verdienen, hat sie aber aufgegeben. «In der Schweiz ist das nicht möglich, dafür ist der Stellenwert des Frauenfussballs zu gering», winkt Berger ab. Hätte dieser denn mehr Aufmerksamkeit verdient? «Nein, im aktuellen Zustand nicht. In der Nati B spielen wir etwa auf dem Niveau von B-Junioren, und die verdienen ja auch nichts», findet die 21-Jährige klare Worte. Trotzdem hofft sie, dass sich dies in Zukunft ändert. Doch dafür ist ein Umdenken nötig. «Die Frauen müssen fokussierter und professioneller werden. Momentan wollen sie neben dem Fussball noch eine gute Ausbildung machen und Kollegen treffen. Alles ist aber nicht möglich», erklärt die Zürcherin.

Trotz der tristen Aussichten will Jessica Berger ihrem Sport auf keinem Fall den Rücken kehren. Dafür ist ihre Begeisterung für das runde Leder zu gross. «Ich kann mir gut vorstellen, später als Trainerin zu arbeiten und den Frauenfussball zu fördern», blickt sie voraus.

Ziel: Die Auf-/Abstiegsrunde

Bevor es aber so weit ist, steht die mit dem FC Schlieren die zweite Phase der Meisterschaft auf dem Programm. Für Berger und ihre Teamkolleginnen ist das primäre Ziel das Erreichen der Auf-/Abstiegsrunde. Ein schwieriges Unterfangen (siehe Box). «Wenn wir alle am selben Strang ziehen, und auf dem Platz als geschlossene Einheit auftreten, kann es klappen. Ob wir der Herausforderung gewachsen sind, wird sich am Sonntag zeigen», beschreibt Berger die Ausgangslage.

Über eine Rückkehr in die NLA mit den Limmattalerinnen mag sie zurzeit noch nicht nachdenken.

Von null auf hundert

Auf die viertplatzierten Schlieremerinnen wartete nach der Winterpause ein Hammerprogramm: In den letzten vier Matches der Qualifikation treffen sie auf die drei vor ihnen liegenden Teams sowie Kirchberg.Morgen (13 Uhr, Zelgli) gastiert der Leader Aarau in Schlieren, der sich verstärkt und damit seine Ambitionen unterstrichen hat. «Aarau ist
Favorit», stellt FCS-Trainer Dominik Stutz klar. Seine Laune war vor einigen Wochen im Keller. Seit er daraufhin den Verein öffentlich kritisiert hatte – im Zuge dessen warfen die Sportchefin Anita Lindegger und die Frauenverantwortliche Ivana Kobler das Handtuch – sei die Sensibilität für sein Team grösser. «Es geht etwas», stellt Stutz zufrieden fest. Im Kader seines Teams ist ein neues Gesicht: Nadine Patt, die von Erstligist Thusis-Cazis transferiert wurde. (bier)