Sie ist eine der wiederkehrenden Fragen im Sport: Ist das eigene Team stärker oder sind die Gegner schwächer geworden? Meistens lässt sie sich nicht eindeutig beantworten, weil beides zutrifft. So auch beim EHC Urdorf in der laufenden 3.-Liga-Saison. Die «Stiere» sind nach mehreren Zuzügen in Spitze und Breite besser und darüber hinaus wuchtiger aufgestellt. Sie haben acht Punkte mehr auf dem Konto als vor Jahresfrist, dabei neun Treffer mehr erzielt und zehn weniger kassiert. Unbestritten ist aber auch, dass die «Zentralschweizer Gruppe» ein tieferes Niveau aufweist als die «Zürcher Gruppe», in welcher die Limmattaler zuvor jahrelang gespielt haben.

Das Derby als Musterbeispiel

Entsprechend war es bislang so, dass die Urdorfer über alles gesehen sämtliche Partien dominierten. Richtig gefordert wurden sie selten. Im Derby gegen die Wings (8:6-Sieg) sahen sie sich zum einzigen Mal über eine längere Phase dominiert, als sie im Startdrittel unter die Räder kamen und nur mit Glück vom Resultat her auf Tuchfühlung blieben (1:3). Sie erbrachten in dieser hin- und herwogenden Partie auch den Beweis, dass sie intelligent genug sind, um im richtigen Moment über Kopflosigkeit erhaben zu sein: Das Schlussdrittel kontrollierten sie in Führung liegend (0:0). Im zweiten Aufeinandertreffen mit Sursee (5:4 nach Verlängerung) und jüngst bei der ersten Saisonniederlage gegen Seewen (4:5; siehe separaten Kurzbericht) zeigten sie aber auch, dass sie die Kontrolle verlieren können, wenn sie sich den Emotionen hingeben.

Trotzdem: Bis auf die beiden Restausschlüsse gegen Hauser und Fischer, die auf individuelles Fehlverhalten zurückzuführen sind, gefallen die «Stiere» oft mit Disziplin. Das Trainerduo Dani Hüni und Tom Schlegel strahlt Ruhe aus, was auf das Team abfärbt. Ein Indiz: Vor Jahresfrist hatte der EHCU schon sechs 10-Minuten-Strafen auf dem Konto – die meisten davon wegen Reklamierens –, aktuell keine.

«An Favoritenrolle gewöhnen»

In der zweiten Qualifikationshälfte und der folgenden Masterround müssen sich die «Stiere» selbst fordern. Sie bringen die Fähigkeiten mit, um sich für die Aufstiegsspiele der vier Gruppensieger zu qualifizieren. Daran zweifelt auch Trainer Hüni nicht, er betrachtet die Niederlage gegen Seewen als Ausrutscher. «Unser Ziel ist es, kein Spiel mehr zu verlieren», sagt er. Warum die Mannschaft nicht immer die Souveränität ausstrahlt, die sie aufgrund der Überlegenheit ausstrahlen könnte, kann Hüni erklären: «Die Favoritenrolle ist neu für das Team, in den vergangenen Jahren hatte es sie nicht inne. Daran müssen sich die Spieler erst gewöhnen.»

Es gibt auch eine etwas ketzerische Frage zur ersten Qualifikationshälfte: Haben die «Stiere» bislang über ihre Verhältnisse gelebt? Eine Antwort darauf können sie am kommenden Wochenende geben. Innert 22 Stunden stehen die beiden Matches gegen Seetal und Küssnacht auf dem Programm. Die muss Urdorf gewinnen, will es den Eindruck vermitteln, dass nicht in erster Linie die Gegner schwächer, sondern es selbst stärker geworden ist.