Kaum aus den Federn, wartet schon eine neue Destination auf Christian Oberbichler. Das ist nichts Neues in der Karriere des Urdorfers, in den letzten Monaten hat die Reiserei aber eine neue Dimension angenommen. In mehrfacher Hinsicht: Der 22-Jährige ehemalige Junioren-Weltcup-Starter hatte seine ersten Auftritte im Weltcup der Aktiven. Berührungsängste kannte er nicht, Oberbichler glänzte mit zwei Exploits.

In Berlin verbesserte er den Schweizer Rekord über 500 Meter um 30 Hundertstelsekunden. Eine Woche später in Heerenveen lief er nochmals 44 Hundertstelsekunden schneller und damit erstmals unter der 36-Sekunden-Marke. Als Siebter seines Rennens gewann er zudem seine ersten Weltcuppunkte. Mit der Zeit von 35,71 Sekunden war er nach dem vergangenen Wochenende die Nummer 56 der Welt.

Oberbichler startet in der B-Kategorie, also in der Gruppe nach den Top 20 der Startliste. Der Sieger eines B-Wettkampfs darf am nächsten Wettkampf in der A-Gruppe starten. Bei jenen Wettkämpfen ist die Halle voll und herrscht eine Stimmung wie bei einem Fussballmatch, wie Oberbichler im Eisschnelllauf-verrückten Holland erfahren hat. Geht es nach dem Urdorfer, ist er in der kommenden Saison Teil davon, denn: «Ich bin noch nicht am Limit.» Er spricht vor allem den Start an, die ersten 30 Meter, die er verpatzt habe.

Gewachsen

Oberbichlers Brust ist breiter geworden. Einerseits buchstäblich wegen des gezielteren Krafttrainings, andererseits sprichwörtlich wegen der jüngsten Erfolge. Vor Müdigkeit ist er aber nicht gefeit. Die Reiserei strengt ihn an. Er sehnt sich gegenwärtig nach – Trainingseinheiten. «In den letzten Wochen bestand mein Programm nur aus Wettkämpfen und Pausen. Es ist wichtig, jetzt wieder einmal an den Details zu arbeiten», erklärt Oberbichler. Der zum Servicemonteur aufgestiegene Schreiner braucht in den Wintermonaten jeweils sein Ferienguthaben auf.

Am Mittwoch und Donnerstag in dieser Woche hatte er im bayerischen Inzell trainiert, von wo aus er nach Innsbruck zu den Schweizer Meisterschaften im Allround (vier Distanzen von 500 m bis 10 000 m) sowie über die Einzeldistanzen 1500 m, 5000 m und 10 000 m aufbrach. Heute fährt Oberbichler zurück nach Inzell, das in den vergangenen Jahren zu seiner sportlichen Heimat geworden ist. Das dortige Eissportzentrum bringt alles mit für optimale Trainingsbedingungen.

Ganz im Gegenteil zur Schweiz, wo es eine einzige 400-Meter-Bahn gibt, die in Davos unter freiem Himmel liegt. Inzell liegt tief im Südosten Deutschlands, nur rund 50 Kilometer vor Salzburg und damit etwa viereinhalb Stunden im Auto von Zürich entfernt. In der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr finden traditionell Wettkämpfe statt, Oberbichler ist auch heuer mit von der Partie.

Noch eine Sekunde

Er hat sich vorgenommen, in dieser Zeit die Weltcuplimite über 1000 Meter zu knacken. Gelingt ihm dies, ist er für die Sprint-Weltmeisterschaften von Ende Februar in Astana qualifiziert. Mit dem im Oktober gelaufenen persönlichen Bestwert von 1:14,19 Minuten auf einer europäischen Bahn – für die schnelleren nordamerikanischen gelten andere Limiten – liegt er mehr als eine Sekunde über der geforderten Marke. Nach seinem Auftritt jüngst in Holland sagte er, «sollten die 1:12,80 Minuten gut drinliegen».

Unterstützung vor Ort ist ihm gewiss. Seine Eltern und seine Schwester kommen ihn in Inzell besuchen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Am 3. und 4. Januar geht es auf der Eisbahn weiter mit den Schweizer Sprintmeisterschaften in Davos, bevor sich Oberbichler mit Trainerin Brigitte Riesen eine längere Trainingsphase verordnet hat. Dieser fällt auch der Weltcupstart in Hamar (No) zum Opfer. Der Limmattaler hat seine restliche Saisonplanung auf den zweiten Weltcup in Heerenveen von Anfang Februar ausgerichtet.

Vorderhand erfüllt sich der weit gereiste Oberbichler aber einen innigen Wunsch: «Ich will Silvester endlich mal wieder in der Schweiz verbringen.»