Leichtathletik

Die Kunst des bescheidenen Aufschneidens

«Früher dachte ich, ich bin der Geilste», sagt Reto Amaru Schenkel. keystone

«Früher dachte ich, ich bin der Geilste», sagt Reto Amaru Schenkel. keystone

Der in Dietikon wohnhafte WM-Qualifikant Reto Amaru Schenkel bestätigt und widerlegt Sprinter-Klischees.

Ist ein Sprinter auch ein Raser? Reto Amaru Schenkel lacht und sagt: «Mein Smart zittert ab 130 Kilometern pro Stunde – rasen ist nicht möglich.» Der Zürcher Oberländer Schenkel, der seit eineinhalb Jahren in Dietikon wohnt, fährt seit einiger Zeit mehrmals pro Woche die rund 220 Kilometer pro Weg nach Lausanne ins Training. Er ist der Sprinter der Stunde hierzulande.

Am vorletzten Wochenende lief der 23-Jährige die 200 Meter in 20,53 Sekunden und verbesserte damit seine persönliche Bestleistung um nicht weniger als 0,53 Sekunden. Damit hat er sich für die Weltmeisterschaften in Daegue (Südkorea) qualifiziert. Ein Exploit. «Das war für mich kein Exploit», sagt Schenkel und provoziert damit den Eindruck eines Abgehobenen. Es ist die pure Überzeugung, die aus ihm spricht, denn: «Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich einen Lauf wie diesen auf die Bahn bringen würde. Ich weiss, dass noch mehr möglich ist.»

Eine Leistungsexplosion ist es angesichts der nackten Zahlen allemal. Der Grund dafür heisst Laurent Meuwly und ist der neue Trainer des Wahl-Dietikers. Nach fünf Jahren, in denen er eher stagnierte, suchte Schenkel nach einem neuen Impuls und wurde in der Westschweiz fündig. Meuwly trainiert unter anderen seinen Konkurrenten Pascal Mancini. «Sein Training entspricht meinem Körper. Genauso wichtig ist, dass wir auf derselben Wellenlänge liegen. Laurent ist mit 36 Jahren ein junger Trainer und mir von seiner Art her nah.»

Von «Ich-AG» zum Teamplayer

Bereut Schenkel, der trotz der geografischen Abtrünnigkeit weiter die Vereinsfarben des LC Zürich trägt, den Wechsel nicht früher vorgenommen zu haben? «Natürlich ging mir schon durch den Kopf, dass das schön gewesen wäre. Doch bereuen bringt sowieso nichts. Ich habe während dieser Zeit meine Lehre abgeschlossen (KV im Marketingbereich, Anm. d. Red.) und entsprechend etwas gewonnen – wenn auch nicht im Sport, dann im Leben.» Eine wichtige Lektion für sein Sportlerdasein hat er in den letzten Monaten ebenfalls gelernt: «Früher dachte ich, ich bin der Geilste und schaffe alles allein.

Doch obwohl er ein Einzelsportler ist, braucht der Leichtathlet ein Team, das ihm den Rücken freihält», sagt Schenkel, der zur Verdeutlichung sein beliebtes rhetorisches Mittel einsetzt, die Metapher: «Ein König ohne Volk ist nichts wert.» Er mag ruhiger geworden sein, ein Leisetreter ist der Hobbykoch nicht. In einem Videoblog auf seiner Homepage bezeichnet er sich selbst ganz in der Tradition des anglophilen Coole-Sprinter-Klischees als «Mr. Raw» («Das steht für ‹roh› im Sinne von ‹echt›») und bietet dem Zuschauer allerlei Klamauk. Gefällt sich Schenkel in der Rolle des Unterhalters? «Ich möchte, dass sich die Leute nicht langweilen», sagt er, der vor dem Start zu einem Rennen «gerne noch etwas rumblödle». Um einen Schenkelklopfer ist er nie verlegen.

«Keine Homestorys»

Doch es gibt noch einen anderen «Mr. Raw». Denn bei all den Informationen, die auf einen niederprasseln: Privates gibt Schenkel kaum preis, und das aus Vorsatz: «Nach aussen will ich als Sportler wahrgenommen werden; den Menschen Amaru kennen die, die ihn als solchen kennen gelernt haben.» Das sind zum Beispiel seine Adoptiveltern, die den gebürtigen Togolesen im Jahr 1991 als Dreijährigen in die Schweiz holten. Oder seine Freundin, «die in unserer Beziehung die Entertainerin ist. Ich bin privat eher ruhig», so Schenkel, der mit einem überraschenden Schwur aufwartet: «Homestorys wird es von mir keine geben.» Das sagten allerdings schon andere, bis dann der grosse Erfolg da war.

Was die Versuchung geringer ausfallen lässt: Im Fall von Schenkel ist Erfolg nicht mit allgemeiner Bekanntheit gleichzusetzen. Denn einerseits ist die internationale Konkurrenz gerade im Sprint übermächtig, andererseits fristet die Leichtathletik in der Schweiz ein Schattendasein. «Noch», sagt Schenkel. Sein Fokus ist auf 2014 gerichtet, wenn die Europameisterschaften im Letzigrund stattfinden. Er ist überzeugt: «Wenn die Schweizer Athleten entsprechende Leistungen bringen, wird die Leichtathletik populärer.» Dazu will auch er beitragen. 2014 soll es eine Medaille sein. Diese Zielsetzung ist auf seiner Homepage publiziert. Im Gegensatz zu vielen anderen Schweizer Leistungssportlern, die mit grossen Ankündigungen hinter dem Berg halten, wirkt Schenkel forsch und reichlich unbescheiden. «Es gibt Athleten, deren Ziel die Schweizer Meisterschaft ist. Ich habe mehr Möglichkeiten und passe meine Ziele entsprechend an. Falsche Bescheidenheit mag ich nicht, die ist genauso schlimm wie aufzuschneiden.»

Dietiker Duell um Königskrone

Am kommenden Wochenende schnuppert Schenkel an den Team-Europameisterschaften in Izmir internationale Luft. Die WM, für die er sich auch über 100 Meter qualifizieren will, beginnen Ende August. Mit dem Startplatz über 200 Meter führt er das regionale Erbe Marco Cribaris weiter, der 2007 und 2009 an Weltmeisterschaften teilnahm.

Apropos Region: Anfang August winkt in Basel ein Dietiker Duell um die Königskrone: An den Schweizer Meisterschaften will Schenkel seinen «guten Freund» Rolf Malcolm Fongué über 100 Meter entthronen. Wie lässt man Freundschaft im Moment des Wetteiferns ruhen? «Es ist nicht leicht, aber man versucht, erwachsen zu sein», sagt Schenkel.

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