Laufsport

Die Dutlis bahnen sich erneut den Weg durch die Neujahrsnacht

Auf unterschiedlichen «Reiseflughöhen» durch die Schlieremer Nacht ins neue Jahr unterwegs: Markus (links) und Fabian Dutli.

Auf unterschiedlichen «Reiseflughöhen» durch die Schlieremer Nacht ins neue Jahr unterwegs: Markus (links) und Fabian Dutli.

Mit dem Zürcher Silvesterlauf haben Markus und Fabian Dutli aus Geroldswil am Sonntag ihre Wettkampfsaison abgeschlossen. Die Pause ist für Vater und Sohn aber nur von kurzer Dauer. Am Neujahrsmarathon in Schlieren stehen sie schon wieder am Start.

Markus und Fabian Dutli was bedeutet für Sie die Zeit des Jahreswechsels?

Markus Dutli: Zeit zum Zusammensein, geniessen, feiern. Zeit für Traditionen auch. An Weihnachten gibts ein feines Fondue. Aber zu viel Feiern ist nicht mein Ding. Mit dem Silvesterlauf in Zürich schloss ich die Laufsaison ab. Doch zur Nullstunde des neuen Jahres beginnt mit dem Neujahrsmarathon das Sportjahr 2014. Deshalb gibt es am Silvesterabend kein üppiges Essen und die Vorfreude auf Champagner und Raketen, sondern Konzentration auf den Marathon und viele Kohlenhydrate.
Fabian Dutli: Genau, so läuft es bei uns seit Jahren: Silvesterlauf, Weihnachtspause und dann Neustart zur erstbesten Gelegenheit. Auch für mich stimmt diese Art des Jahreswechsels. Das Bedürfnis, herkömmlich Silvester zu feiern, kenne ich nicht. Der Sport steht für mich auch an diesem Tag im Zentrum.

Markus, zehnmal Neujahrsmarathon, worin liegt der Reiz für dieses aussergewöhnliche, aber für Sie zur Gewohnheit gewordene Erlebnis?

Markus: Der Neujahrsmarathon ist etwas Aussergewöhnliches. Etwas Spannendes. Wenn ich da, in den ersten Stunden des Jahres unterwegs bin, dann bin ich mir einiger wertvoller Stunden sicher. Und ich habe sogleich etwas Herausforderndes getan, bin hinterher ein erstes Mal richtig kaputt, gesund kaputt. Das ist super. Am Neujahrsmarathon mitlaufen, das gehört einfach dazu.
Fabian: Mich hat dieses Virus ebenfalls befallen, auch ich verbinde mit diesem Rennen den Jahreswechsel. Bei der Premiere war ich als Begleiter auf dem Velo dabei, seither laufe ich selber, aber nicht den Marathon, sondern über 10 km oder den Halbmarathon. Der Marathon würde mich auf den kürzeren Distanzen langsamer machen, und das für längere Zeit. Das ist es mir nicht wert.

Der Neujahrmarathon ist ein Erlebnislauf …

Fabian: ... ja, aber für mich steht die Leistung auch da im Zentrum. Schliesslich können an diesem Rennen Jahresweltbestzeiten realisiert werden. Jahresweltbestzeiten im Marathon, die einen Tag Bestand haben werden, im Halbmarathon eine Woche und über 10 km mehrere Wochen. Diese Herausforderung reizt mich als ambitionierter Sportler. Schon vor sieben Jahren glückte mir das. Ich gewann den Halbmarathon bei den Junioren. (Er erhebt sich, verlässt den Raum und kehrt mit einer gerahmten Urkunde zurück). Dies ist noch immer einer meiner grössten Erfolge in meiner Sportlerkarriere.
Markus: Da wächst du quasi zwei Zentimeter, wenn du zurückdenkst…
Fabian: Ja, das war ein toller Erfolg: Jahresweltbestzeit. Könnte ich das wiederholen, wäre ich sehr glücklich.
Markus: Diese Ambitionen von Fabian sind schön. Er ist ein Sportler. Ich bin kein Sportler und kann über die 42,195 km nichts Herausragendes realisieren. Wie schnell ich den Neujahrsmarathon laufe, ist nicht relevant. Trotzdem werde auch ich mein Bestes geben. Auch ich freue mich über eine gute Zeit.

Sie starten mit einer Differenz von 20 Minuten aufeinander. Sehen Sie sich unterwegs?

Fabian: Ich müsste 20 Minuten auf 10 km wettmachen, und das ist extrem viel.
Markus: Es wäre schlimm, wenn Fabian das schaffen würde. Dann wüsste ich: Jetzt bin ich alt. Nein, im Ernst, es ist natürlich, dass Fabian immer schneller und ich immer langsamer werde. Aber unterwegs müssen wir uns nicht sehen. Da gibt es sonst genügend Gelegenheiten.

Sie dürften das Rennen völlig unterschiedlich erleben, obwohl Sie in ein und demselben unterwegs sind.

Markus: Völlig verschieden, das ist richtig.
Fabian: Ich bin voll auf meine Leistung konzentriert und fokussiert. Daspielt weder das Datum, die Tageszeit noch die Witterung eine vorrangige Rolle. Entscheidend sind Rang und Zeit.
Markus:
Bei mir ist es natürlich anders. Ich bin länger unterwegs und verfüge über schier unendlich viel Zeit zum Überlegen, zum Fühlen, zum Philosophieren. Ich erlebe Kälte, Wind und allenfalls Schnee hautnah. Ich erinnere mich, als ich mit gefrorenen Eiszäpfen an der Nase gegen den Wind ankämpfte. Oder ich geniesse den Sternenhimmel, den Vollmond. In diesem Jahr allerdings wirds dunkel mit Leermond.

Das tönt nach einem ziemlich einsamen Kampf.

Markus: Einsam schon, aber das ist auch schön. Wenn die Läuferinnen und Läufer von den kürzeren Distanzen im Ziel sind und nur noch wir Marathon-Teilnehmer unterwegs, dann bist du wirklich allein, allein mit dir, niemand vor dir, niemand hinter dir. Dieses Gefühl geniesse ich. Da kann ich Energie tanken, abschalten. Das ist Entspannung, und, wenn es läuft, fühle ich mich im siebten Himmel. Da verfolge ich die Spätheimkehrer in ihren Autos auf der Autobahn und trotte vor mich hin. Ich geniesse Stimmungen unterwegs, etwa am Kloster Fahr vorbei, einmalig. Und noch etwas: In der Dunkelheit siehst du ganz vieles, was du sonst nie bemerken würdest. Ich bin immer ohne Stirnlampe unterwegs – wie auch ohne Uhr, ohne Pulsmesser.

Diese Auseinandersetzung ist anforderungsreich, mit Schmerzen verbunden?

Markus: Schon, aber da kommst du zu dir. Es schwindet die Kraft, der Körper kühlt aus, dich befallen Muskelkrämpfe. Und du weisst: Stehen bleiben ist absolut verboten. Denn wenn die Muskeln kalt und steif werden, bringst du sie nicht mehr in Gang. Dann wird das Laufen wirklich hart, wird es zur Qual. Und das Wetter kann das Ganze enorm erschweren. Ist es eiskalt mit Schnee und Eis, wird es brutal. Aber, sind wir ehrlich, darum geht es ja auch: solche Herausforderungen meistern. Dann sind plötzlich nicht mehr die Beine massgebend, da zählt fast nur noch der Kopf.

Wie erleben Sie das, Fabian?

Ich suche auch die Grenzbereiche im Sport, aber anders. Über die Marathondistanz spielt das Wetter eine viel grössere Rolle als über 10 km oder im Halbmarathon, und die Einsamkeit kenne ich auch am Neujahrsmarathon nicht. Ich gehöre zu denen, die dem Spitzenvelo hinterhereilen. Wir sind meist ein Grüppchen. Da fighte ich einfach, da ist es ein ähnlicher Renncharakter wie am Tag, an einem x-beliebigen Rennen.

Verändert dieses Rangstreben der Mitkonkurrenten das Rennen nicht auch für Sie, Markus?

Schon, das Rennen als solches hat sich verändert. Ich stelle eine Entwicklung fest vom Familiären zum Professionellen. Heute hat es, wenn ich es so salopp formuliere, mehr Läufer, bessere Läufer, mehr Schilder und weniger Zuschauer entlang der Strecke (diese versammeln sich nun in der Sporthalle Unterrohr). Manchmal trauere ich dem einstigen Laufgefühl bei diesem Rennen nach. Da tauchten ab und zu Lampen der Konkurrenten auf der andern Limmatseite auf. Wir riefen uns gegenseitig zu, feuerten uns an. Das war enorm cool. Heute musst du englisch kommunizieren. Aber etwas ist geblieben: das Laufen ohne Mitkonkurrenten, die dich pushen, das lange Unterwegssein ganz alleine.

Geht das Zeitgefühl in der Nacht verloren?

Fabian: Es ist anders. Man achtet nachts mehr auf den Körper als auf die Zeit, man hat das Gefühl, langsamer unterwegs zu sein, auch wenn dem gar nicht so ist.

Markus: Für mich spielt in dieser Nacht die Zeit eine unbedeutende Rolle.

Sie, Markus Dutli, haben noch nie gefehlt am Neujahrsmarathon. Was bedeutet diese Serie?

Einiges, es wurmt noch jetzt enorm, dass ich am Zürich Marathon einmal verletzungsbedingt aussetzen musste. Hier will ich die Serie fortsetzen. Um hier mitzulaufen, braucht es nicht so viel. Da musst du nicht in Form sein. Und darum sagt meine Frau, ich sei auch in 20 Jahren noch dabei…

Fabian: Das ist gut möglich, denn Papi ist einer, der mit dem Kopf rennt.

Markus: Aber auch mit Vernunft. Seit meinem Velosturz Anfang Jahr und den verschobenen Halswirbeln ist Vorsicht angesagt. Wenn es nicht geht, begnüge ich mich mit einer Teildistanz.

Abschliessende Frage zu den Dutli- Frauen. Was machen Ehefrau Bettina und Tochter Nathalie in dieser Nacht.

Markus: Sie machen es sich zu Hause gemütlich und sind froh, wenn die Männer gegen Morgen heil und zufrieden zurückkommen. Dass Nathalie nicht mitlaufen kann, tut mir weh. Seit ihrem Kreuzbandriss am Knie und fünf Operationen ist Sport für sie leider kein Thema mehr.

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