Jubiläum
Die Begeisterung erwachte im Weltkrieg: Männerriege Engstringen wird 75 Jahre alt

Vor 75 Jahren wurde die Männerriege Engstringen gegründet – nach Startschwierigkeiten kam sie so richtig in Fahrt

Sandro Zimmerli
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Der Besuch von Turnfesten, wie jenes 1994 in Höngg, ist fester Bestandteil des Jahresprogramms.

Der Besuch von Turnfesten, wie jenes 1994 in Höngg, ist fester Bestandteil des Jahresprogramms.

Es war ein lang gehegter Traum. Doch kaum ging er in Erfüllung, da drohte er auch schon wieder zu Ende zu sein. Nur noch drei bis vier Mitglieder nahmen im Herbst 1943 an den Trainings der wenige Monate zuvor gegründeten Männerriege Engstringen teil. Der Turnbetrieb musste bis auf weiteres eingestellt und der Jahresbeitrag von drei auf einen Franken reduziert werden. Kein Wunder, klagte der damalige Obmann Carl Lüthy in seinem ersten Jahresbericht über den «altbekannten Feind turnerischer Tätigkeit, nämlich Interesselosigkeit und Bequemlichkeit».

Die Männerriege überstand die Krise und kann heute auf eine 75-jährige Geschichte zurückblicken. Diese nahm ihren Anfang im mittlerweile nicht mehr existierenden Restaurant Sennenbühl in Unterengstringen. Am 3. April 1943 versammelten sich dort turnbegeisterte Ober- und Unterengstringer Männer um ein schon länger geplantes Unterfangen in die Tat umzusetzen. Denn seit einigen Jahren waren im 1903 gegründeten Turnverein Engstringen Bestrebungen im Gange, eine Männerriege zu etablieren. Mit 32 Mitgliedern wurde das Abenteuer schliesslich gestartet. Das jüngste war 31, das älteste 71 Jahre alt, wie Wolfram van den Wyenbergh in seiner Chronik zum 50. Geburtstag der Männerriege schrieb.

Turnstunden in Unterengstringen

Nach den anfänglichen Schwierigkeiten nahm die Männerriege ab 1946 so richtig Fahrt auf, als sie sich ihre Statuten gab. Ihren Daseinszweck bezeichnet sie darin mit den Worten: «Durch körperliche Übungen die Gesundheit ihrer Mitglieder zu erhalten und zu fördern, das Turnwesen in unseren Gemeinden zu unterstützen und die Geselligkeit zu pflegen.» Geturnt wurde in jenen Jahren im Freien oder im Keller der Schule Unterengstringen. Also in jenem Gebäude das heute als altes Schulhaus bezeichnet wird und sich beim neuen Gemeindehaus befindet.

So richtig zufrieden waren die Turner mit ihrer damaligen Heimstätte allerdings nicht. In einem Brief wurde die Schulpflege an eine Sitzung geladen, an der es «anfänglich ziemlich frostig zu- und hergegangen sein soll», wie Friedrich Born in der Unterengstringer Geschichtsschrift zum alten Schulhaus schreibt. Das Turnen im Keller war mehr schlecht als recht möglich. Die Turner forderten «endlich eine anständige Turngelegenheit mit einem Dach über dem Kopf. Deshalb sollte die Schulscheune zu einer Turnhalle umgebaut werden. Die Schulpflege hatte jedoch ganz andere Probleme. Mit dem Bevölkerungswachstum stiegen auch die Schülerzahlen an. Der Schulraum wurde knapp. Die Diskussionen und Planungen zogen sich einige Zeit hin. Schliesslich fand die Männerriege doch noch einen geeigneten Trainingsort – und zwar in Oberengstringen.

Dort wurde im Jahr 1948 das Schulhaus Rebberg erstellt und ein Jahr später die Turnanlage eröffnet. Diese machte auf die Zeitgenossen offenbar grossen Eindruck. «Vor der Turnhalle breiten sich der grosse Turnplatz, die Spielwiese mit Aschenbahn, Hochsprunganlage und Stossgrube aus, eine Gesamtanlage, welche der kantonale Turnexperte H. Leutert an der Eröffnung mit vollem Recht als Musterbeispiel über die Grenzen unseres Kantons hinaus bezeichnen konnte», hiess es in einem Zeitungsartikel. Für die Männerriege bedeutete der Umzug nach Oberengstringen jedenfalls einen weiteren Aufschwung. 50 Mitglieder zählte sie nun. Davon fanden sich im Schnitt 15 regelmässig zum Turnen ein. In jenen Jahren begann die Männerriege auch damit, regelmässig an Turnfesten teilzunehmen.

Legendärer Auftritt

Die Wettkämpfe waren mal mehr, mal weniger von Erfolg gekrönt. Ganz oben stand für die turnenden Männer neben der Kameradschaft auch die Geselligkeit. Bereits in den frühen 1950er-Jahren wurde die erste «Fahrt ins Blaue» durchgeführt, die heute Turnfahrt heisst, aber immer noch in Begleitung der Partnerinnen stattfindet. Für die Männerriege war es schon früh auch Ehrensache, sich aktiv ins Dorfleben einzubringen. An verschiedensten Anlässen anderer Vereine half sie tatkräftig mit. Auch innerhalb des Turnvereins Engstringen ist die Unterstützung der Männer seit je her gefragt. Etwa bei den Auf- und Abbauarbeiten sowie dem Buffetdienst am Limmatcup in Unterengstringen. Gern gesehen sind darüber hinaus die Auftritte am traditionellen Chränzli. Einige Darbietungen haben derart überzeugt, dass sie sogar andernorts nochmals gezeigt werden musste. Im Jahresbericht 1979 heisst es beispielsweise: «Die Darbietung ‹Bierreigen› unter der Leitung von Hans Hefti war so gut, dass ein Auftritt im Rahmenprogramm der Regional-Delegiertenversammlung der Feuerwehr 1980 gewünscht wurde.»

Auch darüber hinaus hat die Männerriege ihre Spuren hinterlassen. Einige Mitglieder haben in Fronarbeit beim Unterhalt des Vita-Parcours, bei der Renovation des alten Schützenhauses in Oberengstringen und bei der Umgestaltung des Räbhüsli mitgewirkt. Dort, am Fusse des Weinbergs, betrieben die Turner am bis 2014 durchgeführten Weinfest ihr Raclette-Beizli.

Neben der Pflege verschiedener Traditionen zeigte sich die Männerriege immer wieder auch offen für Neuerungen. Das lässt sich etwa beim Sportangebot illustrieren. So wurde 2001 Aqua-Fit ins turnerische Jahresprogramm aufgenommen. Auch bezüglich der Leitung der Turnabende kam es im Laufe der Jahrzehnte zu Veränderungen. Seit der Gründung der Männerriege war es üblich, dass die Abende von Leitern aus der Riege geführt wurden. Allerdings wurde es mit der Zeit immer schwieriger, Leute zu finden. Deshalb suchte der Vorstand externe Alternativen. Seit 1993 verstärken externe Leiterinnen die Führungsriege. Der Freude am Turnen und dem Zusammensein tut dieser Umstand keinen Abbruch. Und so gilt bei der Männerriege, die 1964 ihre heutige Heimat in der Brunewiis in Oberengstringen gefunden hat, noch heute, was ihr ehemaliger Obmann Jean-Claude Waeber einst feststellte: «Turnen ist schön, Turnen in der Männerriege noch schöner.»