Fussball

Die Abenteuer von Stefan Kohler in Mazedonien

Stefan Kohler (links) mit seinem Partner in der Akademie, Nebi Mustafi, der 2005/06 für Xamax in der Schweiz spielte

Stefan Kohler (links) mit seinem Partner in der Akademie, Nebi Mustafi, der 2005/06 für Xamax in der Schweiz spielte

Stefan Kohler ist seit vier Wochen in Tetovo, wo er im Verein KF Shkëndija mithelfen soll, eine Nachwuchsakademie aufzubauen. Der 30-Jährige kommt mit den Unterschieden zur Schweiz gut zurande.

Kürzlich war Stefan Kohler beim Coiffeur. Nicht allein, versteht sich. Wie immer in den letzten vier Wochen folgt ihm jemand auf Schritt und Tritt: ein Übersetzer. Kohlers Strassen-Albanischkenntnisse aus der Fahrweid reichen nicht aus, um sich zu verständigen.

Der Coiffeur setzt seine Wünsche um. Dabei ist es vielleicht ein Glück, dass die mittellange Haarpracht von einst einer Funktionsfrisur gewichen ist. 2 Franken zahlt Kohler für den Haarschnitt. Willkommen in Tetovo.

Ultras gewinnen Investor

Seit vier Wochen ist der 30-Jährige im Nordwesten von Mazedonien tätig. Als Skilltrainer im KF Shkëndija, einem Verein mit albanischem Hintergrund. 2011 gewann der Verein die Meisterschaft, geriet danach in finanzielle Schieflage, und stand nach der Saison 2012/13 vor dem Aus.

Die Ultras machten sich über Social Media auf die Suche nach Investoren und fanden dabei in den Personen von Xherdan Shaqiri und dem albanischen Nationalspieler Lorik Cana prominente Unterstützer. Im Juli 2013 stieg mit dem Militärdienstleistungsunternehmen Ecolog ein potenter Investor ein. Die Gründerfamilie stammt aus Tetovo.

Europa League angepeilt

Der Plan: Der Verein, der aktuell im Mittelfeld der höchsten Liga liegt, soll mittelfristig um den Einzug in die Europa League spielen. Dafür wird nicht einfach schubkarrenweise Geld herangekarrt, sondern eine Nachwuchsakademie aufgebaut, um die grössten Talente des Landes in dem Verein zusammenzuziehen und zu fördern.

Dank dieser Massnahme will man dereinst eine starke Mannschaft haben sowie durch Transfererlöse Geld verdienen. Ein Hoffenheim in Mazedonien, gewissermassen.

Das alles soll durch das Geld von Ecolog sowie Schweizer Know-how verwirklicht werden. Hier kommt Stefan Kohler ins Spiel. Über seinen brüderlichen Freund Mathias Walter, dessen Firma unter anderen Xherdan Shaqiri in Marketingfragen berät und unterstützt, hat der frühere Profi nach Tetovo gefunden.

Unterschiedliche Aufgaben


Kohler ist in erster Linie Skilltrainer, er fördert also gezielt die Fähigkeiten der Talente. Darüber hinaus hat er weitere Coaching- sowie Scoutingfunktionen inne. Bis auf den Freitag sei er jeden Tag am Arbeiten.

Zweifel hat der leicht zu begeisternde Kohler längst ausgeräumt. Grund zu zögern gab es. Er wusste nicht, ob und wie er die Sprachbarriere überwinden konnte. So war sein Staunen gross, dass er sich auf der Geschäftsstelle in Hochdeutsch unterhalten kann.

Bei der Arbeit mit den Nachwuchsspielern übersetzen Kohlers Kollegen die Anweisungen vom Englischen ins Albanische. «Ich kann mich gut auf Englisch unterhalten. Einige Fachausdrücke kenne ich zwar nicht, aber man versteht sich immer. Es geht ja um Fussball.»

Zweifel nur am Anfang

In seiner abwechslungsreichen Aktivlaufbahn stand Kohler oft seine Gutgläubigkeit im Weg. Falsche Versprechungen, nicht überwiesene Löhne - die üblichen Klaglieder ausminderen Ligen. Gute Freunde hätten ihm vom Engagement im Tetovo abgeraten. Was, wenn alles nur eine Seifenblase ist und Kohler am Ende mit abgesägten Hosen dasteht?

Es ist anders herausgekommen. Kohler bewohnt eine moderne Wohnung («Schweizer Qualität»). Er hat seinen ersten Lohn erhalten und braucht ohnehin so gut wie kein Geld: Essen kann er in einem Restaurant auf Vereinskosten, einer der zwei Fahrer des Vereins chauffiert Kohler, wohin er will.

Gegensätze zur Schweiz

In der Stadt und besonders auf seinen Scouting-Reisen durch das Land wird er mit der «herzlichen Art der Menschen» konfrontiert, aber auch mit der Armut, deren Beschreibungen viele Klischees bedienen: Esel mitten auf den Strassen, die manchmal zwischen Schlaglöchern nur noch erahnt werden können. «Es ist ein Kulturschock. Der Glanz von Zürich fehlt mir manchmal, die Bahnhofstrasse...», sinniert Kohler.

Schliesslich sagt er: «Man muss etwas verrückt sein, um das hier zu machen. Und man muss gute Leute um sich haben.» Kohlers Hauptaufgabe liege darin, die Mentalität der Spieler zu ändern. «Der Verein ist nach Europa ausgerichtet, während die Einstellung der Spieler nicht einmal Challenge-League-Niveau hat», erklärt er.

Anders als in Wettswil

Bis Ende Mai läuft sein Engagement einstweilen. Die Möglichkeit zur Verlängerung bestehe. Kohler ist grundsätzlich interessiert, macht seine Zukunft in Mazedonien aber davon abhängig, wie viel von der geplanten neuen Infrastruktur tatsächlich zugesichert ist. «Hier etwas zu bauen ist komplizierter als beispielsweise in Wettswil», hat der ehemalige Spieler von Wettswil-Bonstetten festgestellt.

Immerhin: In drei Wochen soll der grosse Kunstrasenplatz fertiggestellt sein. Den erstellt die Stadt allerdings nicht allein für den KF Shkëndija, sondern auch für den Lokalrivalen FK Renova. Das städtische Stadion teilen sich die beiden Verein ebenfalls. Geht es nach Kohler und seinen Mitstreitern, sollen diese Zeiten bald vorbei sein.

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