Eisschnelllauf
Der Urdorfer Christian Oberbichler unterbietet erstmals die Weltcuplimite

Dank viel Training und Geduld hat Christian Oberbichler den Anschluss zu den Topathleten des Eisschnelllaufs gefunden. Der Schweizer Eislaufverband sieht endlich wieder Potenzial bei den Schweizern und will die Talente von einem neuen Konzept überzeugen.

Raphael Biermayr
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Christian Oberbichler

Christian Oberbichler

Phil Dänzer

Es erinnert an amerikanische Sportfilme, wenn Christian Oberbichler von seinem Sommertraining erzählt. «Auch wenn es gerade herunterregnete, machten wir auf der Leichtathletikbahn Übungen. Unsere Trainerin stand im Trockenen und überwachte uns dabei.» Der 22-Jährige hat sich so hart und diszipliniert auf die Saison vorbereitet wie nie zuvor. Neunmal pro Woche trainierte er, samstags und sonntags je zweimal täglich, wetterunabhängig. Darüber hinaus trat er in den Turnverein Urdorf ein und nahm wie früher an Leichtathletikwettkämpfen teil.

Die Härte gegen sich selbst ist etwas Neues im Sportlerleben des Limmattalers, das im letzten Jahr von einer langwierigen Verletzung an der Patellasehne beeinträchtigt war. «Ich arbeitete zum ersten Mal gezielt auf etwas hin», sagt er. Dieses Etwas ist die Weltcuplimite. Die hat er kürzlich in Inzell (D) über 500 m geknackt. Die 36,38 Sekunden bedeuten eine Verbesserung seines Schweizer Rekords um 19 Hundertstelsekunden. Die vormalige Bestmarke war er 2012 zudem auf der erwiesenermassen schnelleren Bahn in Calgary gelaufen.

Der Weg zum richtigen Athleten

Den Grund für den Exploit sieht Oberbichler im Trainingslager Anfang Oktober. «Dort schaute ich von Profis ab, wie sie auf der letzten Geraden die Kraft auf das Eis bringen – eines meiner grossen Probleme.» Oberbichlers Trainerin Brigitte Riesen, selbst in Urdorf aufgewachsen, hat schon zum Ende der vergangenen Saison, im Frühling in Calgary festgestellt, dass etwas neu ist an ihrem langjährigen Schützling.

Sie erzählt dazu folgende Anekdote: «Nach dem Wettkampf war er zunächst enttäuscht gewesen über die Zeit. Am Abend stand er dann plötzlich in meinem Zimmer und sagte: ‹Eigentlich ist das ein gutes Resultat nach meiner Verletzung.› Christian hatte begriffen, worum es geht.» Das Neue manifestiere sich auch im Erscheinungsbild des Limmattalers. «Letztes Jahr war er eine halbe Person», drückt es Riesen aus, «jetzt ist er ein richtiger Athlet, vom Körperbau und vom Auftreten her.»

Nicht von Null auf Hundert

Unverändert ist hingegen Oberbichlers Geduld. Die ist auch gefragt hinsichtlich seiner Weltcuppremiere. Die ersten zwei Veranstaltungen finden in Asien statt – zu weit und zu teuer für Oberbichler. Anfang Dezember in Berlin sollte es klappen mit dem ersten Weltcupstart eines Schweizers über die Sprintdistanz seit dem Jahr 2007 (Simon van Beek).

Bis dahin trainiert er weiter neben seinem 100-Prozent-Arbeitspensum als Servicemonteur, zu dem der Schreiner dieses Jahr aufgestiegen ist. Der denkbare Schritt zum Profi hinsichtlich der Olympischen Spiele 2018 ist für ihn noch kein Gedanke. «Die Gefahr würde bestehen, dass ich mich verheize. Ich will nichts überstürzen», sagt Oberbichler. Er hat erfahren, dass es sich für ihn lohnt, auf Geduld zu setzen.

Der Verband will keine Eigenbrötler

Im vergangenen Frühling stellte der Schweizer Eislaufverband SEV keinen Teilnehmer an den Olympischen Spielen. Nach den Rücktritten der Eiskunstläufer Stéphane Lambiel und Sarah Meier war es still geworden. Nun soll es aufwärtsgehen, zumal in der lange vernachlässigten Sparte Eisschnelllauf. Swiss Olympic fordert professionellere Strukturen und bietet im Gegenzug mehr Mittel.

Mit dem Finnen Timo Järvinen wurde ein neuer Nationaltrainer verpflichtet, der von seiner Frau, der Olympiasiegerin Emese Hunyady (1994 für Österreich), unterstützt wird. Sie wollen alle Kaderathleten für gemeinsame Trainings zusammenziehen.

Athleten skeptisch gegenüber Änderungen

Der Verband stösst mit seinen Bemühungen aber ausgerechnet bei einigen Athleten auf Skepsis. Die sind sich seit Jahren gewohnt, alles selbst respektive mit ihren Vereinen zu organisieren. Sie fühlen sich wohl im vertrauten Umfeld. Wie Christian Oberbichler, der seit seinem Einstieg in den EC Zürich im Jahr 2003 von der Urdorferin Brigitte Riesen trainiert und zu Wettkämpfen begleitet wird.

Gemäss dem SEV-Eisschnelllauf-Verantwortlichen Thomas Grob würde man die Athleten gegenwärtig vom neuen Konzept zu überzeugen versuchen. Grob ist seit einem Jahr als Projektleiter um die Neuausrichtung besorgt. Der frühere Eishockeyspieler streicht die Vorteile aus seiner Sicht heraus: Neben Einsparungen in der Logistik könne es für die Einzelathleten eine interessante Abwechslung sein, in einem Team aufzutreten.

Vor- und Nachteile des Verbandes

Der Verband fordert von den Kaderathleten die Unterzeichnung einer Vereinbarung, mit der sie sich dazu bekennen. Das ist auch im Fall von Oberbichler noch nicht geschehen. «Es gibt einzelne Punkte, die wir mit dem Verband verhandeln müssen», sagt Trainerin Riesen, ohne ins Detail gehen zu wollen. «Wir sind guter Dinge, dass wir ihn für unsere Vorhaben gewinnen», sagt Grob. Oberbichlers Weltcupstart in der laufenden Saison sei unabhängig davon sicher.

Da nur der Verband Teilnehmer für internationale Starts selektionieren kann, hat er eine Menge Macht über die Athleten. Allerdings können nur jene durch Weltcuppunkte weitere Startplätze freischalten. Man wird sich finden müssen, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen: Ein bis zwei Eisschnellläufer sollen 2018 an die Olympischen Spiele entsandt werden. Ferner soll gemäss Grob eine WM- oder gar Olympiamedaille glänzen.