Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel, es ist heiss. Alessandro Crippa steht barfuss im Sand und schaut den rund einem Dutzend Mädchen des U16-Teams von BHV Wasserschloss zu, den «Beachprincesses», die gerade den Spin-Shoot trainieren: eine Pirouette in der Luft um die eigene Körperachse, Landung mit beiden Füssen auf dem Boden, dann der Schuss aufs Tor. «Wartet mal!», sagt Crippa, der sonst das Tor beim HC Dietikon-Urdorf hütet, schreitet in die Mitte, nimmt den Ball und gibt Anweisungen. Dann steht er wieder an die Seitenlinie. Ab und zu unterbricht er das Training und fordert seine Schützlinge auf, etwas zu trinken.

Was die Mädchen im Sand im aargauischen Birr zeigen, sieht aus wie Handball. Nur: Es hat mit dem Handball, wie er in der Halle gespielt wird, relativ wenig zu tun. Mal abgesehen vom Spielgerät selbst, das von demjenigen in der Halle zumindest äusserlich kaum zu unterscheiden ist. «Beachhandball ist eine völlig andere Sportart als Hallenhandball», sagt Crippa. «Sie ist viel schneller, und es fallen auch viel mehr Tore. Bis zu 20 Tore pro zehnminütiger Halbzeit sind normal.»

Das liegt am Spielkonzept. Die drei Feldspieler, die im Beachhandball pro Mannschaft zugelassen sind, müssen von einem Torraum zum anderen jeweils nur 15 Meter zurücklegen, während es in der Halle rund die doppelte Distanz ist. Und sobald ein Team im Angriff ist, macht der Torhüter einem vierten Feldspieler Platz, dem so genannten Spezialisten, der ein Torwarttrikot trägt. Wenn dieser ein Tor schiesst, zählt das Goal doppelt. «Dadurch fokussiert man das Spiel mehr auf die Spezialisten», erklärt Crippa.

Auch die mittels Spin-Shoot erzielten Tore zählen doppelt. Gleiches gilt bei Toren durch den Torwart. «Die Spielfeldlänge beträgt 27 Meter», sagt Crippa, der bei Dietikon-Urdorf selber im Tor steht. «Das ist für einen Torhüter machbar.» Und der so genannte Kempa-Trick, einen im Flug gefangenen und geworfenen Treffer, bekommt das jeweilige Team gemäss den Regeln des Schweizer Verbandes sogar drei Punkte.

Kein Körperkontakt

Anders als im Hallenhandball ist im Sand jeglicher Körperkontakt verboten. Nur das Blocken von Schüssen ist erlaubt. Das macht die Sache aber nicht weniger intensiv. «Beachhandball ist sogar anstrengender als Hallenhandball», findet Crippa. Schliesslich müsse man sich im Sand bewegen und sei barfuss. «Und man muss als Torhüter immer schauen: Wo ist der gegnerische Spezialist?»

Crippa hat vor fünf Jahren mit dem Beachhandball angefangen, damals nur als Spieler. «Es war Liebe auf den ersten Blick», schwärmt er. An den Turnieren herrsche eine spezielle Atmosphäre: «Es läuft Musik, und die Teams sitzen nach den Spielen jeweils noch zusammen.» Das gefiel ihm so gut, dass er vor einem Jahr auch noch das Amt des Trainers übernommen hat. Und er konnte schon einige Erfolge feiern. So ist sein U16-Team Ende Juni Schweizermeister geworden.

Doch seine Hauptleidenschaft gilt dem Spiel. Crippa spielt bei Wasserschloss. An der Schweizermeisterschaft in Basel hat er mit seinen Kollegen den zweiten Rang hinter Bern belegt. Ein Resultat, das ihn ärgert. «Bei einem Sieg wären wir an die Europameisterschaft in Kroatien im nächsten Sommer gefahren», sagt Crippa. Doch er hat schon an Turnieren im Ausland teilgenommen, unter anderem in Georgien.

Beim Training hat er wie an der Schweizermeisterschaft wieder diese Doppelfunktion: Er trainiert die Mädchen nicht nur, er spielt auch gleich selbst mit. So stellt er sich ins Tor und lässt Angriff über Angriff über sich ergehen. Die meisten Schüsse wehrt er ab, ein paar Bälle landen im Tor. Es ist für ihn eigentlich eine Art Aufwärmtraining. Denn nachdem er die Mädchen trainiert hat, steht für ihn auch noch eine Trainingseinheit an – als Spieler wohlgemerkt. Fast vier Stunden im Sand bei brütender Hitze? Crippa nimmt das gerne in Kauf, um seiner Leidenschaft zu frönen. «Ich kann meine Erfahrung einbringen, lerne aber immer wieder Neues dazu», sagt er. «Und wenn ich an einem Tag erst Trainer bin und dann Spieler, ist das cool, weil ich zuerst psychisch beansprucht werde und dann physisch.» Denn als Trainer müsse er sich überlegen, was er sage, damit er «keinen Seich» erzähle. «Danach muss ich mich vor allem auf mich konzentrieren und dafür sorgen, dass ich möglichst viele Bälle halte.»

Crippas Team durfte am vergangenen Wochenende an der U16-Europameisterschaft in Portugal teilnehmen. Dabei haben die Mädchen den zwölften Rang bei 16 teilnehmenden Teams belegt. Crippa ist zufrieden. «Ein gutes Resultat, wenn man bedenkt, dass wir die Kleinsten und Jüngsten waren.»