Spiel des Lebens
Der provozierende Prophet

Der Fussballtrainer Souhel Muhi über einen denkwürdigen Sieg mit seinen C-Junioren im Oktober 2014.

Raphael Biermayr aufgezeichnet
Merken
Drucken
Teilen
Souhel Muhi (auf dem Kirchplatz in Dietikon) mit der Abbildung der Auslosung im C-Junioren-Cup der laufenden Saison

Souhel Muhi (auf dem Kirchplatz in Dietikon) mit der Abbildung der Auslosung im C-Junioren-Cup der laufenden Saison

bier

«Ich übernahm die C-Junioren-Mannschaft als Trainer, in der ich vorher Assistenztrainer gewesen war. Wir waren aus der Coca Cola League in die Promotionsliga abstiegen. In der Vorbereitung spielten wir gegen United Zürich, das den umgekehrten Weg gegangen war und das beste Team des Kantons stellte: Es hatte etwa 60 Spiele lang nie verloren!

Sie nahmen uns auseinander, meine Jungs sahen keinen Ball. Wir verloren 0:5. Ich hatte keine Ahnung, wo ich eingreifen sollte. Anschliessend versuchte der United-Trainer meine Besten via Facebook abzuwerben — wie asozial. Ich schrieb ihm per SMS, dass er das lassen soll. Und dass man sich immer zweimal im Leben sieht.

Revanche im Cup

Es war unglaublich: Wenig später fand die Cup-Auslosung statt — wir trafen auf United. Auf dieses Spiel hin bereitete ich mich so vor wie nie auf eines zuvor. Eine Woche vorher beobachteten mein Assistent und ich den Gegner in der Meisterschaft. Wir machten grosse Augen, als wir die Mannschaft sahen, dennoch versuchten wir, positiv zu bleiben.

Vor dem Cupspiel stand ich vor meine Jungs, nahm das Blatt mit meinen Notizen zur Hand — und zerriss es. Ich sagte nur: «Von zehn Spielen verlieren wir wahrscheinlich neun, aber nicht das heute.»

Zur Halbzeit stand es 2:0 für United. Ich sagte den Jungs: «Wir sind eine Mannschaft, sie nicht. Sobald wir ein Tor schiessen, fallen sie auseinander. Sie sollen euren Atem spüren.» Ich weiss noch heute nicht, woher ich diesen Mut hatte. Aber es ging auf. Ismajl traf nach Wiederanpfiff mit einem Freistoss aus dem Mittelfeld ins Lattenkreuz. In der Folge dominierten wir das Spiel. Kurz vor Schluss schossen wir das 2:2. Ich rannte auf das Feld und umarmte die Spieler.

Im Penaltyschiessen

Nach dem Ende der regulären Spielzeit jubelte ich bereits, obwohl es noch ins Penaltyschiessen ging. Ich sagte den Jungs, dass ich stolz auf sie bin, denn keine andere Mannschaft hatte gegen United ein Unentschieden geschafft.

Vor dem Penaltyschiessen ging ich zu unserem Goalie und sagte ihm, dass er keinen einzigen Ball halten wird. Er schaute mich mit grossen Augen an. Ich erklärte ihm, dass die United-Spieler über das Tor schiessen werden. Der erste Schütze tat genau das, der letzte auch – wir gewannen. Ich war einfach nur glücklich und rannte eine Runde um den United-Trainer, um ihm das unter die Nase zu reiben. Zum Glück hat er sich nicht davon provozieren lassen.»

In der Rubrik «Spiel des Lebens» erzählen Persönlichkeiten aus der regionalen Sportszene von ihrem denkwürdigsten Sportereignis. Heute: Souhel Muhi (26) aus Schlieren.